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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-07-10 · Heft 28 (10.7.1891) · p. Seite 335

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 28 (10.7.1891)
Date
1891-07-10
Page
Seite 335 (sequence 11)
Language
German
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Woche um Woche verging. Schmerzenreiche, dabei doch auch glückvolle Stunden für Anna! — Ihr wurde viel Liebe entgegcngebracht. Sie mied die Straßen, den Verkehr mit sonstigen Menschen — so reichten die Stimmen der Verleumdung, des Neides, des Fanatismus nicht zu ihr. Doch dachte sie mit Wehmuth ihrer Mutter, die sie doch liebte. Wie wird sie das ertragen? Gott, wenn sie vor Kummer stürbe! Mit zitternder Hand schrieb sie ergreifende Worte der Liebe mit jenen Krausen der hebräischen Schrift, die ihrer Feder nun nicht mehr so leicht wie vorher entfließen wollten. Sie bat sie um Verzeihung, schwur ihr, den Glauben ihrer Väter nicht zu verlaffen, schilderte ihr, wie es gekommen. Mit Sehnsucht erwartete sie eine Antwort. Keine kam. Da bemächtigte sich auch ihrer Erbitterung. Mochten sie! Es ging nun nicht anders. Sie hatten Alles verschuldet — mögen sie es nun tragen! * * * Zwei Jahre vergingen. Nun war sie sein, ganz sein. Wie ein Traum lag Alles hinter ihr. Sie wohnten in einem ganz kleinen Städtchen unweit der Stadt. Von ihren Eltern hatte sie nichts gehört seitdem — lebten sie doch ganz zurückgezogen, nur ihrer Arbeit, ihrer Liebe geweiht. Oft befiel sie — sie mußte sich» eingestehen — doch leise Sehnsucht nach denen, die nun für immer von ihr getrennt waren. Sie schalt sich schwach, kindisch, unwürdig ihres Mannes. Hatte e r nun nicht mehr Recht auf ihr ganzes, volles Empfindungsleben, als sie, die für sie gewiß jetzt nur Flüche hatten? Sie hatten sie vielleicht vcrgesien, ganz aus ihren Herzen ausgestrichen — das wäre das Rechte gewesen. Wenn sie sie nur vergessen könnten! Und doch: die arme Mutter! Lebte sie noch? Wer war nun bei ihr, ihr zu helfen, sie zu erquicken? Es gab ihr einen Stich ins Herz — dieser Gedanke. . . . Nun kam es, daß sie in die Stadt mußten. Nur ungern folgte Anna den Bitten ihres Gatten, ihn doch zu begleiten. „Das allzu zurückgezogene Leben, das Du führst, Kind, das thut Dir nicht gut. Du bist in der letzten Zeit so melancholisch geworden, wo ist nun Dein heiteres Wesen hin? Komm doch nun mit in die Stadt, an meiner Seite kann Dir nun nichts geschehen, wir wollen wieder froh werden, wieder angenehme Tage verbringen." Auch sie zog es dahin — sie wußte nun selbst nicht, warum. Sie waren hier schon nun zwei Tage. Mit stiller Wehmuth betrat sie wieder die Stadt, wo sie so viel gelitten. Er wußte ihre Schwcrmuth zu vertreiben. Er überhäufte sie mit Aufmerksamkeiten er war nun wieder so zärtlich, so liebevoll wie in der ersten Zeit, da er sic kennen lernte. Sie konnte nun lachen und scherzen, sie wurde ganz kindisch. Abends ging er aus, um noch wichtige Geschäfte zu besorgen. Sie blieb allein zurück. Es war dunkel im Zimmer, sie wollte die Lanipe nicht anzünden, sie wollte träumen, zurückdenken an die Jugendzeit, an das Elternhaus. Wieder befiel sie mächtige Sehnsucht. Ohne sich dessen voll bewußt zu werden, was sie that, kleidete sie sich an, hüllte sich tief in einen Schleier und schlich sich hinaus . . . Rasch eilte sie nun durch die Straßen, es zog sic etwas, sie konnte sich nicht zurückhalten. Sie wurde dennoch erkannt. Sie hörte, wie zwei Weiber hinter ihr sich zuflüsterten: „Sieh doch, die Mcschumedes Chane (Anna) ist hier!" Sie fühlte, wie ihr der Athem stockte. Dennoch eilte sie weiter. Da war sie nun wieder in der „Schulgaß'". Da war noch hier dieselbe Oede, wie sie sie verlassen. Da war auch ihr Elternhaus . . Ganz verstohlen blickte sie durchs Fenster hinein . . . Da sah sie ihren Vater gebückt, gebrochen — ein Greis! Im Zimmer Alles so ärmlich, verwahrlost. Die Mutter war nirgends zu sehen ... Also todt, gestorben vor Gram, Schande und Sehnsucht! Es wurde ihr finster vor Augen. Sie sank um gegen die Wand. Sie wollte aufschreien vor Weh ... So stand sie da in dumpfem Schmerz. Eine Centnerlast lag auf ihrer Brust. Wenn sie hätte weinen können. Es schnürte ihr die Kehle zusammen. Sie wußte nicht, wie sie nach Hause kam. * * * Seit diesem Tage wurde ihr ganzes Wesen verstört. Nie mehr kam ein Lächeln über ihre Lippen. Alles erschien ihr fremd, feindselig. Wie ihre frühere Umgebung, haßte sie nun, was sie jetzt umgab. Es half nicht, daß er sie zu erheitern suchte, daß er sie mit Liebe umgab — immer mehr legten sich Schatten um Beider Leben. Sie wurde blasser und blasser — dann kränklich. Etwas Fremdes lag nun zwischen den Gatten, er konnte sie nicht verstehen, sie rang vergebens, in sein Wesen aufzugehen. So welkte sie nun hin. Seine Neigungen, Bedürfnisse, Rafsencigenthümlichkeiten verstand sie nicht mehr, ja, sie erfüllten sie mit geheimer Abneigung. Er wollte ihr eine Freude bereiten. Er hoffte, das würde ihre Seele aufthauen machen. Es war am Peffachfeiertage. Er blieb zu Hause und machte sich allerlei zu schaffen in dem leerstehenden Gastzimmer. Sie bemerkte es nicht. Abends kam er ganz froh und aufgehcitert auf sie zu, ergriff sie beim Arm, und als er die Thür öffnete, da war sie geblendet, wie eine Verklärung kam es über sie, ihr Auge bekam neuen Glanz ... Da war cs ganz wie im Elternhause. Da waren Lichte, ein festlich gedeckter Tisch, darauf Mazzoth, ein jüdisches Gebetbuch lag aufgeschlagen, jene Stelle, die vom Auszug der Juden aus Aegypten erzählt. Sie war gerührt. Wieder gab es frohe, glückselige Stunden. Sie saßen bis spät in die Nacht, sie sang jüdische Weisen, er hörte ihr mit Begeisterung zu. Jedoch auch dies hatte nicht lange segensreich zu wirken vermocht. Wieder kam die alte Trübseligkeit — Mißverständnisse. Es ging abwärts mit ihr. Niemand hätte das reizende Mädchen von früher wieder erkennen können . . . Oft wünschte sie sich ein Kind. Von dem erwartete sie, daß es ihr verlorenes Glück wieder bringen werde. Es kam nicht. Nach und nach nistete sich in seine Seele Haß ein. Sie hat sein Leben, sein Glück vernichtet! O Thorheit, Thorheit der Jugend! Sich an ein solches Wesen weiter zu ketten — das erschien ihm nun furchtbar. Er vergaß mm alles frühere Glück, das sie ihm gebracht. Er wurde hart, roh. Er suchte Ersatz für das, was er verloren. Alles Feingefühl wich von ihm. Sie wurde ihm eine Last. So begann er Leidenschaften zu sröhnen. Auch er sank und sank- Und eines Tages wurde es hell vor ihren Augen. Sie sah den Abgrund, dem sie cntgegcnschritten. Sie erschauerte. Sie wollte umkehren. Sie nahm ihre letzte Kraft zusammen, sie raffte sich auf. Mit gerungenen Händen bat sie ihn, umzukchren. „Ich will Dir wieder sein, was ich Dir gewesen bin. Verzeihe! Ich will Alles vergessen, ich will nur Dir leben. . . ." Es war zu spät. Er liebte sie nicht mehr, und zu stark war er gesunken.- -i- . * * Er ist lange todt. Ihr sandte Gott milden Wahnsinn. Sie sucht und sucht — ihr einstiges Glück und hofft cs zu finden. So schleicht sie hin wie ein Schatten — sie ist nun die Zielscheibe des Spottes, der Verachtung. Die „Mcschumedes"! Wohin sie kommt, sie fühlen kein Erbarmen, kein Mitleid mit ihr. Selbst aus dem Bethause treiben sie sie weg. So lichtlos ist es noch in der „Schulgaß'" des galizischen Städtchens. . . .

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