Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1891)
- Date
- 1891-07-10
- Page
- Seite 336 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus drin Sude. v ' / i. Aus Karlsbad natürlich. Denn hier sammeln sich unsere Glaubensgenossen seit Jahrzehnten am häufigsten und liebsten. Die Gründe hat ein verehrter Mitarbeiter in dieser Nummer vom medizinischen Standpunkt aus angegeben. Ich habe dem nur wenig hinzuzufügen. Wenn man aber von antisemitischer Seite auch den starken Bäderbesuch gegen die Juden ins Feld geführt hat, so möchte ich mir doch die Bemerkung gestatten, daß derselbe vom sozialethischen Standpunkte aus eher als ein Vorzug erscheint. Es ist doch immer ein Zeichen höherer Kultur, wenn man der Pflege des Körpers, der Erhaltung der Gesundheit besondere Aufmerksamkeit zuwendet, größere Opfer bringt. Der russische Bauer geht nicht nach Karlsbad, der russische Jude Hut es — welchen von Beiden wird der unbefangene KulturhistoHer wohl höher stellen? Die, geneigten Leser haben errathen, daß es heute regnet. Denn nur bei Regenwetter kann man sich in Karlsbad mit antisemitischen Fragen beschäftigen. Unter den vielen Spielarten des Antisemitismus ist aber der Karlsbader sicher die seltsamste: er existirt nur im Win ter! Im Sommer, während der Saison, giebt es hier nur Judenfreunde, ausschließlich Philosemiten. Mit Ausnahme einer „Christlichen Tuchhandlung" in der Bahnhofsstraße merkt man hier im Sommer nichts von einer judenfeindlichen Bewegung. Und das ist gut so, Aber man muß auch billig anerkennen, daß seitens der hiesigen jüdischen Badegäste Alles sorgsam vermieden wird, was geeignet wäre, Haß oder Neid hervorzurufen. Unsere Damen kleiden sich nicht luxuriöser als die arischen; sie, versuchen in dieser Saison nicht einmal durch Schönheit diesen, den Rang abzulaufen. Unsere Männer sind bescheiden, ohne sich, vorzudrängen, sicher und gewandt in ihrem Benehmen. Ich kann nicht sagen, daß ein Einziger während der ganzen Zeit meines Aufenthalts hier als Jude aufgefallen wäre! Und das ist sehr viel, wenn man bedenkt, daß hier aus asten „vier Enden der Erde" Juden zusammenkommen: aus San Francisco und Berditschew, aus Amsterdam und Stuhlweißenburg, aus Krojanke und Boskowitz, am meisten, natürlich aus Berlin und Wien. In dieser Mannigfaltigkeit, in dieser bunt zusammengewürfelten Gesellschaft liegt, natürlich ein besonderer Reiz des hiesigen Badelebens. Man kann hier am Besten beobachten und beurtheilen. Im Allgemeinen darf man wohl sagen, daß sich, Gott sei's gedankt, bei den Juden aller Länder ein gesteigertes religiöses Stammesgefühl kundgiebt. Es giebt keine Leute mehr, die sich schämen, Juden zu sein und zu heißen, es herrscht bei Allen ein Gefühl der Würde, und fast Alle theilen die, Sorge , um die Erhaltung des Judenthums. Das ist ein großer Fortschritt, den selbst unsere Orthodoxen nicht gering anschlagen sollten. Denn vor vierzig,Jahren war es in dieser Beziehung viel schlimmer bestellt um unser Judenthum. Die Fragen: Was haben Sie für einen Rabbiner? Wie ist bei Ihnen die Synagoge? Wie groß ist Ihre Gemeinde? kann man hier auf Schritt, und Tritt hören. Dem gesteigerten Interesse an jüdischen Angelegenheiten entspricht natürlich auch die Theilnahme an denselben. Die Sorge für die russischen Juden beschäftigt augenblicklich hier alle jüdischen Kreise. Und der süddeutsche Bankier, der bei einer Sammlung für dieselben erklärte, nichts geben zu wollen, „weil die russischen Juden noch koscher äßen"; bestätigt nur als unrühmliche Ausnahme die oben aufgestellte Regel. Der Mann hat kein jüdisches Herz und doch, einen schlechten Magen. Er vermag uns also ganz und gar nicht zu täuschen. Da imponirt wohl die Berliner Dame viel mehr, die ihre jüdischen Kenntnisse jüngst in so eklatanter Weise zu bestätigen versuchte, indem sie auf eine neugierige Frage eines ihrer Verehrer — nach guter Sitte — mit der Gegenfrage antwortete: „Sie halten mich wohl für einen Chochem aus dem Frauenstamm?" Sie hatte immer von einem „Chochem aus der Ma nischtane" gehört und „aus dem Mannesstamm" verstanden... Die Dame war allerdings sehr schön — und das entschuldigt Vieles. Etwas weniger entschuldbar erschien mir die Frage einer Wiener Bankiersgattin, die unser humoristischer Freund St. die „Menuwwel von Milo" genannt hatte: „Me heißt denn der jüdische Feiertag heute?" Ich erlaubte mir, sie zu fragen: „Erinnern Sie sich nicht mehr, gnädige Frau, des Festes, an dem man die guten Käse- Kreppchen ißt?" Und nun fiel ihr plötzlich das schöne Schebuotfest ein. Ja, es war auch hier schön, das Schebuotfest, obwohl wir der Diät halber auf die Käsekreppchen verzichten mußten. An beiden Tagen fiel kein Tropfen Regen. Die Wälder und die Berge strahlten 'im Festglanz der goldenen Sonne. An solchen Tagen ist Karlsbad wirklich entzückend schön. Der Gottesdienst in der freien Natur ünd der in der Synagoge lösen dann einander in wirksamer Weise ab. Beide erheben das Gemüth und den Geist, der von den Sorgen des Alltags befreit ist, zu höheren idealen Sphären und öffnen das Herz den Offenbarungen des Gottesgeistes in der Natur, in der Geschichte, im Menschenleben. Ueber den Gottesdienst in der Natur kann ich nur wenig sagen. Man muß die Psalmen lesen, die die Allgewalt des Schöpfers preisen und die Herrlichkeit der Natur verkünden, man muß sie immer und immer wieder lesen, man muß sie namentlich in schöner und erhabener Naturumgebung, in feierlicher Stimmung lesen, um diese mächtigen und gedankenvollen Dichtungen in ihrem tiefsten Inhalt zu erfassen und würdigen zu können. Hier weht der Odem des Weltgeistes ewiger Andacht, hier rauscht der Quell, aus dem alle Naturpoesie strömt. Desto mehr hätte ich aber über den Festgottesdienst der Synagoge zu sagen. Doch will ich mir dies auf einen zweiten Brief verspüren. U Fitterarische Mrttheitrmgen. — In den nächsten Tagen wird bei C. H. Beck in München eine Schrift erscheinen mit dem Titel „Der Blutaberglaube beiChristen und Juden". Der Verfasser ist der bekannte Theologe, Professor Dr. theol. H. Strack in Berlin. Das Jnhaltsverzeichniß verheißt für die Beurtheilung der Blutfrage neues, hochinteressantes Material. Die Kapitelüberschriften des erstell Theils (der Blutaberglaube bei Christen) lauten: 1. Einleitung, Litteratur; 2. Menschenblut dient zur Bekräftigung des gegebenen Worts; 3. Blut anderer Menschen wird zu Heilungszwecken verwendet; 4. Menschenblut heilt den Aussatz; 5. Benutzung des eigenen Bluts; 6. Abgänge und Abfälle des menschlichen Körpers; 7. Leichen und Leichentheile; 8. Blut und sonst zu Hingerichteten oder Selbstmördern (Gemordeten) Gehöriges; 9. Aberglauben bei Verbrechern (Diebeskerzen u. s. w.); 10. Thierblut; 11. Zur Erläuterung. Der zweite Theil der Schrift beschäftigt sich speziell mit dem Judenthum: 12. Was sagt das jüdische Relrgionsgeseh über Blutgenuß und Verwendung von Leichentheilen? 13. Fälle von Aberglauben innerhalb des jüdischen Volkes, die mit Blut, Leichentheilen und Hingerichteten Zusammenhängen (Alterthum, Mittelalter, Neuzeit; der Jude zu Vechta, der Fall Bernstein); 14. Ist die Anwendrmg von Christenblut für irgend einen Ritus der jüdischen Religion erforderlich oder gestattet? 15. Ueber den Ursprung der „Blutbeschuldigung"; 16. Schluß. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für dre Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.