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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-07-10 · Heft 28 (10.7.1891) · p. Seite 334

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 28 (10.7.1891)
Date
1891-07-10
Page
Seite 334 (sequence 10)
Language
German
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der Familie thun, sein Plan jedoch scheiterte am haushälterischen Sinn der knapp bemittelten Schwiegermutter, welch« erklärte, daß solche kostbaren und zeitraubenden Ausschmückungen für ein Bürgerhaus nicht paßten, und sie als Mutter von vier unversorgten Kindern die künstlerischen Liebhabereien ihres unverheirathet gestorbenen Bruders nicht übernehmen wollte. Viele Jahre sind seitdem verflossen, bis endlich ein günstiges Geschick (1887) die Bilder wohlerhalten der Nationalgalerie in Berlin zugeführt hat. Und so knüpft sich in dem Namen Mendelssohn-Bartholdy an die Glorie musikalischer Schöpfungen auch die Erinnerung an ruhmvolle Verdienste um die deutsche Malerei. 9 FEUILLETON -«*-■ Anna. Aus dem galizischen Ghetto. Bon Hermann Menkes. (Schluß.) Daß sie so oft an ihn denken mußte! Daß sie sich dann so oft sehen mußten! Sie wußte selbst nicht, wie es kam. Es zog sie hin. Sie war willenlos. Oft, in einsamen Stunden, quälte sie sich ab. Was wird daraus werden? Anna, Anna — siehst Du nicht den Abgrund, den Abgrund? . . . Wohl, ich will hin, untergehen — mit ihm, durch ihn, in selig-unseliger Liebe. Und manchmal hörte sie in sich tausend Lieder singen. Es brach hervor in ihr wie ein Vulkan — all das, was so lange gewaltsam eingedämmt war. . . . Sie ging herum wie verzaubert — was kümmerten sie all die Dornen, mit denen man sie stach — wenn er ihr eine Rose reichte. Wie verstand er zu lieben, Schönheit zu geben, das Beste, was in ihr war, emporzuwecken. Sie fühlte sich von ihm so sehr verstanden, und er war so glücklich durch ihre Liebe. Mochte kommen, was immer, mochte diese Liebe sie veruichten — es war doch besser, als dieses langsame Welken und Absterben im Schatten dumpfen, freudlosen Dahinlebens. . . . Wenn sie nur eine Freundin gehabt hätte, der sie Alles hätte zujauchzen können ... so sprach sie den ganzen Tag mit sich selbst, sic sang mit den Vögeln, ihr dufteten süßer die Blumen ... sie legte die ganze Poesie ihrer jungen Seele in ihre Umgebung hinein, sie war so gut wie noch nie. Ihre Augen bekamen einen wehmüthig-freudigen Glanz, ihre Stimme wunderbaren Wohlklang, ihre ganze Gestalt wurde biegsam — stand in voller Blüthe. Wie wußte sie sich zu schmücken mit den einfachsten Gegenständen. Ein Blümchen im Haar, eine Rose an der Brust, ein blaues Halsbändchen, das Alles konnte sie reizend machen. . . . Den ganzen Tag über zählte sie mit Ungeduld die Stunden. Bald werde ich ihn sehen! Was wird er mir heute sagen? Wird er mir zürnen? Wird er mich noch so lieb haben? Daß es nur Niemand merkt! Sie werden Alles zertreten, in den Koth zerren. Sei es. Wenn er nur mich lieb hat! Zweifelst Du nicht? Meint er es gut mit Dir? O, seine süßen, treuen Augen, die können nicht lügen — nein — nein. Aber was dann- Anna, Anna — vergaßest Du denn, daß es nicht sein kann! Kannst Du ihn für die Dauer glücklich machen, ihm Alles ersetzen, was er durch Dich verliert? Wird er es nicht einst bereuen — bitter, bitter? Und Du — bedenke, Du wirst sie morden, Väter und Mutter morden, wenn Du es thust . . . und ihr Schatten wird Dich verfolgen — wird Deine Liebe vergiften — Dein Glück, Deines und seines! Sein Glück! O rette mich, Du mein Gott? Was thun? Verzichten? Ich kann von ihm nicht lassen, das wäre furchtbarer als der Tod! In den Tod gehen? Das wäre sein Verderben! O, und es ist so süß zu leben! So quälte sie sich ab, während sie an den verabredeten Ort ging, wo sie ihn treffen sollte. Es war ein Herbstabend. Draußen war ein Sausen und Singen in der sterbenden Natur. Alles Harste und tönte. Es war sonst unsäglich still um sie — da und dort fiel ein Blatt zur Erde oder ein ganzer Haufen, geisterhaft, leise . . . Todesbriefe der Natur. ... Es war nicht weit von der Stadt — in der Einsamkeit. Am fernen Walde stiegen Nebel auf und hüllten Alles in Silberschleier . . . wie ein leises Seufzen ging's durch die Einsamkeit. Weiße Wölkchen zogen am Himmel wie Schneehaufen, der Mond goß blaffes Gold auf die schmuckberaubte Erde, ein leiser Wind durchfuhr die Einsamkeit und wirbelte welke Blätter auf und zerzauste den Kopfschmuck einer einsamen Birke. . . . Ihr wurde unsagbar wehmüthig ums Herz. Wird auch mein Glück abfallen wie welkes Laub? Sie hätte weinen mögen, sie konnte es nicht. Sie lehnte sich an einen Baum, sie schloß die Augen. Der Mond wob um sie ein Brautgewand, setzte ihr eine Goldkrone aufs Haupt. Sie war unsagbar schön, ihr Antlitz so bleich, hinschmachtend. So fand er sie, er überhäufte sie niit Liebesworten. Er wußte all'' ihre Sorgen zu zerstreuen, und in seiner Nähe vergaß sie Alles. Sie wurde lustig wie ein ausgelassenes Kind. Wie wußte sie zu lächeln. ... O Liebe, Liebe — du unausgesungenes Gedicht! Es wurde spät. Der Gedanke zurückkehren zu müssen, durchfröstelte sie. Jetzt werden sie es merken, sagte sie sich, und mit Grauen dachte sie der Szenen, der Rohheiten, die kommten könnten. Die Straßen waren schon menschenleer. Ihr Herz klopfte stürmisch. Sie begann zu schluchzen. Er war gerührt; er sagte ihr Trostworte. „Ich kann nicht mit ansehen, Anna, wie Du Dich abhärmst. Ich muß Dich befreien von der Kette, die Dich so niederdrückt. Es muß etwas geschehen. Wenn Du mich liebst, ganz so, wie Dein süßes Herz lieben kann — so wirf Alles von Dir, Alles, Alles, sie verdienen Dich nicht; ich will Dir Schutz und Hort sein!" Er sprach wie im Fieber. „Komm mit mir, Anna, Du meine süße Braut — gleich jetzt, Du bist ja mein, mein, Du sollst es bleiben in aller Ewigkeit!" Auch sie wurde machtlos — berauscht, weit hinter ihr lag Alles. Jetzt nahten sich Schritte. Ihr Vater! Ihr war es, als müßte sie umsinken. „Finde ich Dich hier, Du elende Dirne? Ha, ha! Fort aus nieinen Augen. Du hast kein Heim mehr! Du hast keinen Vater mehr, keine Mutter, keinen Bruder! Fluch Dir für die Schande, die Du über unser Haupt gebracht!" Und er spie ihr ins Gesicht. Franz riß sie mit sich fort. Sie folgte ihm halb ohnmächtig. Sie zerraufte sich das Haar. Er kniete vor ihr nieder. Mit thränenerstickter Stimme bat er sie, sich zu beschwichtigen. „Die Bande zwischen Dir und ihnen sind nun entzwei gerissen, Anna. Dn mußt nun mein Weib werden, wenn Du unser Aller Ehre retten willst. Kein Weg führt Dich mehr zurück. So sei stark — sieh, ich gebe Dir Alles, mein ganzes Sein, weise es nicht zurück! Komme, ich bringe Dich zu meiner Schwester, dieses gute Mädchen wird auch Dir Schwester sein." Und sie gingen. Die Straßen warfen ihnen dunkle Schatten entgegen.

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