Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-07-10 · Heft 28 (10.7.1891) · p. Seite 333

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 28 (10.7.1891)
Date
1891-07-10
Page
Seite 333 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3227877-3227906--48076-3270576
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

833 „Frömmelei" schuld gegeben wird, die ihn zum Negoziiren ungeeignet niache. Derjenige, welcher statt Mebuhr als „rechter" zu verwenden sei, wird gleichfalls nicht ausdrücklich bezeichnet; aber man wird nicht irren, wenn man annimmt, daß nach Bartholdys Meinung er selbst der geeignete sein möchte. Mebuhr fühlte .Mch alsbald den Einfluß Bartholdys. „Ein wahrer Unstern," schreibt er, „ist der Aufenthalt des Bartholdy, einer von denen, mit denen Hardenberg sich unglücklicher Weise umgeben, und der den Kardinal Consalvi, den er sich zu London und Wien durch Dienstleistungen verpflichtet, gewonnen hatte/, von Hardenberg zu erbitten, daß er hier als Generalkonsul von Hardenberg angestellt werden möchte. Jetzt hat er ihn kennen gelernt und bereut .seine Empfehlung." — So hieß es daher auch in dem Entwurf des gemeinsamen Ministerialschreibens über die Berichte Bartholdys: „Die Schreiben des Herrn Bartholdy sind nicht ohne Geist und ohne Sachkenntniß abgefaßt, aber ihre Pointe scheint darin zu bestehen, daß sie des Herrn Mebuhr Ansichten entgegenwirken." Auch der Wiener Kongreß bot ihm vielseitige Thätigkeit und -ehrenvolle Anerkennung, dauernd aber beschäftigte ihn die neapolitanische Revolution, und sein Werk: „Ueber die Carbonaria" ist zugleich Beweis seines richtigen Urtheils und seines Muthes. Bartholdy war allen politischen Gesellschaften von Herzen abhold, aber schon 1813 der Meinung, die Regierungen müßten im Sinne Friedrichs des Großen,vor ihrer Zeit hergehen, nicht aber sich vonden Masten oder der Opposition eines Theils des Volks Hinreißen lasten. So ..verlebte er in ehrenvoller amtlicher Stellung glückliche Jahre, bis er nach einer nur achttägigen Krankheit am 27. Juli 1825 sein Auge schloß. Sein Grab an der Pyramide des Cestius wird noch heute wohl gepflegt und erhalten. Der schon am 29. Juli in Rom geschriebene Nekrolog („Allgemeine Zeitung" 1825 Nr. 230) sagt von ihm: „Bartholdy war klein und schmächtig von Gestalt, etwas höckerig, und auch seine Beine trugen Spuren eines rachitischen Uebels. Sein Kopf war rein morgenländisch, die jüdische Abkunft auf den ersten Blick unverkennbar. Die Haare waren schwarz, beinahe negerartig, und früh mit Grau gemischt. Das Gesicht war voll Sagazitat, nur durch schwache, häufig etwas entzündete Augen entstellt. Wir erinnern uns, nur dann ihn ohne Brille gesehen zu haben, wenn er etwas sehr scharf in der Nähe sehen wollte. In der Kleidung war er elegant, ohne Ziererei, im Essen und Trinken höchst mäßig. Anstrengungen aller Art ertrug er leicht, aber die Ruhe nicht. Diese liebte er durch Spiel, zuweilen durch sehr hohes, zu unterbrechen. Sein Gedächtniß war vortrefflich. Er las schnell, fand die Hauptpunkte sehr leicht heraus und komponirte mit großer Fertigkeit. Sein Witz war schlagend, seine Antworten behend. Er fühlte sich zu größeren Verhältnissen berufen, als vielleicht seine Geburt, seine, nicht einnehmende Gestalt, seine mehr ins Breite als Tiefe gehenden Studien zu gestatten schienen. Er mußte nicht nur die alten Edelleute, sondern auch die alten Christen zwingen, ihn unter sich zu dulden, er mußte sich beliebt, gefürchtet, unentbehrlich machen, allen alles, beständig in aufsteigender Bewegung sein, um da geduldet zu werden, wo ein Andrer Platz nimmt, ohne besonders daran zu denken." Als Diplomat war er mit den ausgezeichnetsten Staatsmännern seiner Zeit zum^Theilj in innigeren Verhältnissen, die Fürsten Hardenberg und Metternich, Consalvi und Medici, Sir W. A'Court und.'viele Andere standen mit ihm in Briefwechsel. Italien haben wenige Menschen so genau gekannt und noch weniger so klar erkannt als er. Seine Berichte galten für Musterstücke, besonders hatte er das Talent, auch das Kleinste zu benutzen. Eben so vorzüglich waren seine Artikel in der „Allgem. Ztg", deren thätiger Korrespondent er vor seiner Anstellung als Geschäftsträger war. Er hielt es mit Recht für weit schwieriger, einen guten Zeitungsartikel zu schreiben, als eine gute Depesche, denn diese braucht nur Wenigen zu gefallen, da Ton und Form so ziemlich gegeben sind, jener muß jedem Leser'etwas, dem Verständigen aber sehr viel geben und doch die Zensur pasfiren. So viel von Bartholdys amtlicher Stellung, die damals für einen Proselyten sehr ehrenvoll und bedeutsam war. Aber noch ungleich bedeutsamer, folgenreicher war Bartholdys begeisterte Thätigkeit für die Förderung der schönen Künste. -Bartholdy liebte es, für die Künstler zu sorgen und bei ihnen einträgliche Bestellungen für sich und Andere zu machen. In einem seiner Zimmer ließ er Frescobilder — die Geschichte Josefs — durch die deutschen Künstler Cornelius, Overbeck, Schadow und Veit nialen und machte damit den Anfang zur Wiedererweckung dieses Kunstzweiges in- Deutschland. „Ueberhaupt sind diese Malereien" — so schreibt er von Rom an seinen Schwager — „eine wahre Wohlthat. für unsere Künstler gewesen, nicht wegen der Summen, die ich in meiner Armuth ihnen bewilligen konnte und, wie mir ums Herz ist, ohne Eigennutz gegeben habe, sondern wegen der Entwickelung ihrer Kräfte, zu der ich . . . sie, ihnen selbst unbewußt, gezwungen habe." — „Gott weiß es," heißt es in einem anderen Briefe, „daß diese Ausgabe mich drückt und daß ich bei so vielen andern, die meine Lage nothwendig macht, und bei meiner Unfähigkeit zur Oekonomie manche Nacht nicht gut schlafe, aus Sorge, wie ich das viele Geld, was ich verbrauche, znsammenschwindeln soll; aber die wahrhaft reichen Leute thun ja nichts, oder thun es ungetheilt und für sich." „Er sollte nur Papst werden!" scherzte Abrahams Schwester Henriette: „Bartholdy der Erste und Leo der Zehnte, der so wie Bäthvldy alles Große und Schöne liebte, ohne viel zu rechnen!" In der Thal, nichts war ihm zu viel und zu beschwerlich, wenn es galt, ein verborgenes Talent zu fördern und ans Licht zu ziehen. Auch sammelte er mit vieler Einsicht Antiken, von denen Feldmarschall-Lieutenant von Koller die Glaspasten und Terracotten schon früh erworben hatte. Gleichwohl hinterlieb er noch eine ausgezeichnete Sammlung von etrurischen Vasen, Bronzen, Elfenbeinbildern, Majoliken und dergleichen mehr. Die letzten Monate seines Lebens beschäftigte ihn der Plan,'eine Gesellschaft von Kunstkennern zu gründen, deren Aufgabe sein sollte: Verhütung von Verfälschungen, Prüfung der Echtheit zweifelhafter Kunstgegenstände, wechselseitige Aufklärung und Beantwortung von Anfragen u. s. w. Die Ergebnisse sollten zur Benutzung der Mitglieder in ein Buch geschrieben werden. Eine solche Gesellschaft wäre in vieler Hinsicht von großem Nutzen, aber auch nur in Rom möglich gewesen. Leider hat Bartholdy das Zusammenbleiben seiner Sammlungen nicht verfügt, zwei seiner schönsten Vasen erhielt Frau von Pereira in Wien, drei Vasen und drei Bronzen durfte FML. von Koller sich auswählen. Seine Schwester, die Mutter Felix Mendelssohns, erbte alles Uebrige. Sie überließ 1830 den größten Theil der Sammlung, darunter 128 Vasen, 10 glasirte Thonarbeiten, der florentinischen Bildhauerfamilie della Robbia, italienische Majoliken und werthvolle italienische Bildwerke, welche geeignet waren, den Sinn für die italienische Renaissance auszübilden, dem Berliner königlichen Museum, wo sie als besondere „Bartholdysche Sammlung" aufbewahrt wird. (Festschrift zur Feier des 50jährigen Bestehens des Königlichen Museums in Berlin. 1830. S. 116, 117, 129.) Was jene Fresken betrifft, so hatte der Maler Hensel, der Gatte Fannys, während seines damaligen Aufenthaltes in Rom den Bartholdyschen Nachlaß geordnet und den Plan in Anregung gebracht, die Fresken aus der ,',Casa Bärtholdy" abzulösen und sie nach Berlin in die Leipziger-Straße Nr. 3 zu schaffen. Er wollte das auf Kosten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.