Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1891)
- Date
- 1891-07-10
- Page
- Seite 332 (sequence 8)
- Language
- German
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Alpha und das Omega hier wie auf allen Gebieten menschlichen Daseins. Verhängnißvoll in mancher Beziehung kann dem Juden auch das ihm eigenthümliche rege, in seinen verschiedenartigsten Richtungen fluchende und sich offenbarende Geistesleben werden. Denken wir zum Beispiel nur an die Art und Weise, wie der Jude zu allen Zeiten in seinem Erwerb, in seinem Wirken und Schaffen die ganze Kraft seines Geistes, seines Denkens und lftberlegens hat aufwenden müssen. Seit jenen Tagen, in denen das Judenthum aufgehört hat, eine souveraine politische Macht zu sein, ist es ihm versagt geblieben, ohne Kampf, ohne Mühen und Sorgen sich eine Stellung in Mitten der Völker im Allgemeinen, das tägliche Brod und ein menschenwürdiges Dasein im Einzelnen zu erwerben. Seine Körperkraft ward kaum hierin auf die Probe gestellt; wie das Schwert in der Scheide ruhte sie, ohne zur Entfaltung zu gelangen, desto mehr die Kraft seines Geistes, seines Wollens, seiner Ethik. So war es im Laufe der Jahrhunderte, so ist es noch heute, was der Jude auch erreicht hat, seine Bildung allein, seine Bildung des Geistes und Herzens Hai ihn frei gemacht, wird ihn freier machen! Allein dieser Geisteskampf, die logische Konsequenz der sozialen Lage des Judenthums zu allen Zeiten, ist nicht spurlos an ihm vorübergegangen, hat manch tiefe Furchen in seinem Charakterbild hinterlassen. Versagt ist ihm, beschaulicher Ruhe zu pflegen, da ist noch heute ein glühendes Streben nach geistigem Besitz, noch heute ein rastloses, nervöses Haschen nach unveräußerlichem und veräußerlichem Gut, und an der wilden Jagd, die heutzutage auf allen Gebieten die Welt durchrast, nimmt der Jude lebhaften Antheil. So kam denn, was kommen mußte. Solch Treiben konnte unmöglich spurlos an Körper und Geist vorübergehen, ohne bleibende Eindrücke zu hinterlassen, und eben diese Eindrücke sind nicht zum Wenigsten gewisse pathologische Züge, die Disposition für so manche Krankheit des Körpers und Geistes. Unleugbar ist ja der Einfluß der Psyche auf das Gedeihen des Leibes, wie kraftstrotzend, wie blühend meist beim Sorgenfreien, wie mager, welk, kraftlos bei ihm, der da sein Brod mit Thränen ißt und in kummervollen Nächten jene furchtbaren Mächte Kummer, Noth und Sorge an der Schwelle seines Hauses erblickt. Auch die wiffenschaftliche Medizin kennt diesen Einfluß und würdigt ihn, gar häufig muß der Arzt die Frage stellen, ob etwa ein erschütterndes Ereigniß Körper und Geist durchrüttelt hat, das ihn mit einem Schlage oft über die Grundursache eines Leidens informiren kann. Wer wüßte nicht, wie speziell der Magen in seiner Funktion, von psychischen Einflüffen gar häufig regiert wird, der Volksmund sagt, „er ist vor Aerger gelb geworden", oder „das geht ihm an die Nieren", „das Herz ist ihm gebrochen". Speziell der Diabetes, bei dem sicherlich in letzter Instanz höchst bedeutsame Beziehungen zum Gehirn bestehen, muß nicht selten in seiner Entstehung oder verhängnißvollen Propagation auf psychische Einflüsse zurückgeführt werden. Ich erinnere mich noch deutlich eines oft erwähnten Falles eines meiner Lehrer, in welchem entsprechend' den Kursschwankungen an der Börse der Prozentgehalt des Zuckers bei einem Bankier zu- resp. abnahm. Daß aufreibende Geistesthätigkeit, Ueberarbeitung und Grübeln, aufregende, nervenerschütternde Berufsarbeit die Ursache von Psychosen ist, ist eine allgemein bekannte Thatsache. Ich bin überzeugt, daß in den Krankengeschichten unserer Nervenärzte und Heilanstalten diese ätiologischen Momente immer und immer wiederkehren. Ein weiterer Umstand kommt hier noch hinzu, daß dem Juden eine Intensität im Schmerz und im Leide, im Mitgefühl und im allgemeinen menschlichen Empfinden verliehen ist. die ihm selbst von seinen ärgsten Feinden stets zugestanden werden wußte, aber ihm auch nur allzu oft verhängnißvoll geworden ist und täglich wird. „Ties in unserem Volke wurzelt der Zauber der Familie" , sagt der Arzt de Silva zu dem abtrünnigen Uriel, und eben dieser Zauber macht den Juden oft maßlos im Schmerz, unermüdlich im Trösten und Helfen, aufopfernd und opferfreudig. Auch das „jüdische Herz" mast so manchmal den Keim zu schwerer Krankheit gelegt und erweckt haben. Wir sind am Ende unserer Betrachtungen angelangt, Je sollen nur in ganz allgemeinen Zügen einen bescheidenen Beitrag zu den gemeinsamen Interessen bieten, denen dieses Blatt dient, und die unfern Stamm verbinden und Zusammenhalten. Ich behalte mir vor, späterhin diese Gedanken in erweiterter, populär-wiffenschaftlicher Forin mit statistischen Daten fortzuspinnen; mögen die heutigen Zeilen zum Nachdenken über dieselben, zum Interesse für dieselben, ayregen. .? . Onkel Barthotdy. Von I. Löwenberg. ‘ (Schluß^) Gedenken wir zuerst Bartholdy's diplomatischer Thätigkeit. Seit dem Sturze Napoleons waren alle Staaten mit katholischen Unterthanen bemüht, ihre Verhältniffe mit der Kurie von Neuem zu ordnen. Es war die Blüthezeit der Konkordate. Preußen verhandelte in Rom mit der Kurie durch Niebuhr, der von Berlin aus durch zwei Parteien beeinflußt wurde.. Die eine war für den Abschluß eines umfassenden Konkordats, die andere für vereinzelte „Circumskriptsonsbullen". Diese letztere Partei — preußische Staatsmänner aus der Fridericianischen Zeit: Wilhelm von Humboldt, Schuckmann, Raumer, Nicolovius, Schmedding u. A.. — erkannte die Unverträglichkeit der ultramontanen Ansprüche mit preußischem, protestantischem Staatswesen und wollte die deutsche Kirche von dem Einfluß des päpstlichen Stuhls frei erhalten. Während der langsam sich hinschleppenden Verhandlungen kam Bartholdy nach Rom und berichtete seitdem wiederholentlich an den Staatskanzler von Hardenberg gegen Abschluß eines Konkordats. (Dr. Otto Mejer, Zur Geschichte der römisch-deutschen Frage, 1873. II. Th. 2. Abth. pag. 82 ff.) Er empfahl die Erwägung: ob nicht die katholisch-kirchlichen Verhältniffe ohne Konkordat, vielmehr „in lauter spezialen Arrangements" mit der Kurie „nach dem Muster von Oesterreich" zu ordnen, das Richtigere sei. Zur Zeit sei es aus zwei Gründen nicht wünschenswerth, ein Konkordat zwischen Preußen und Rom zu beschleunigen; denn einestheils eigne sich eine Zeit des Provisoriums, wie sie jetzt wegen der auf staatlichem Gebiet zu erwartenden „neuen Organisation" in Preußen bestehe, für den Abschluß endgiltiger Traktate überhaupt schlecht; — anderntheils seien Rußland und Hannover, besonders günstig gestellte nicht katholische Mächte, augenblicklich mit der Kurie in Unterhandlung, beide mehr aus Liberalität und Ordnungsliebe, als aus Nothwendigkeit, Hannover mit vortrefflich zusammengesetzter, den deutschen nichtkatholischen Fürsten unzweifelhaft nichts vergebender Gesandtschaft, Rußland schläfrig und ruckweise, nach Kaiser Alexanders Natur. Da Preußen nicht so vortheiltzast wie diese situirt sei, so müsse es abwarten, was durch sie erreicht werde. Daher möge man, wie keineswegs schwer sein werde, jetzt blos über Einzelpunkte verhandeln; nur dürfe däbei nicht am Erfolge verzweifelt, nicht auf Gesichtspunkte der katholischen Kirche eingegangen, wohl aber müßten -— die rechten, der richtigen Wege kundigen Unterhändler dabei verwendet werden. Niebuhr ist sticht genannt, aber dies Alles war gegen ihn gerichtet; er gerade war der am Erfolg zweifelnde, auf katholische Gedanken eingehende, nicht 'richtig gewählte Unterhändler, dem überdies auch