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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-07-10 · Heft 28 (10.7.1891) · p. Seite 331

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 28 (10.7.1891)
Date
1891-07-10
Page
Seite 331 (sequence 7)
Language
German
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Christliches enthalten; es ist eine Anwendung einer alten rabbinischen Erleichterung. Denn die Halacha hat dieselben erleichternden Bestimmungen für Proselyten, die blas Einwohner sind (6er Toschab). Sie dispensirt sie von allen mosailchen und rabbinischen Vorschriften und verpflichtet sie nur zur Beobachtung der sogenannten sieben noachidischen Gebote,, die fast mit den oben erwähnten identisch sind. (Synhedrin S. 56.) Wenn ein 6er Toschab diese Vorschriften hält, so thut er recht und gehört dem sozialen Verbände der Gemeinde an, obwohl von einem Proselyten der Gerechtigkeit (6er reäek) die Beobachtung des ganzen Gesetzes verlangt wird. (Pesiachim 21.) .. (Schluß folgt.) Vas Iudenthmn und die KuanKheitsiehre. Von Dr. Jakob Werner, prakt. Arzt in Berlin. Es ist eine Thatsache, durch tägliche Erfahrung und Statistik aufs Unwiderlegbarste festgestellt, daß unser Stamm sich für eine Reihe gewisser Krankheiten besonders empfänglich erweist. Ich erinnere nur an die zahlreichen Nieren-, Magen- und Leberkranken, die die Sprechstunde der Aerzte und jene altberühmten Badeorte bevölkern, in welchen sich die überwiegend große Zahl unserer Glaubensgenossen aufhält. Ich erinnere an jene furchtbare Krankheit, die, wie keine zweite, ihre Zelte vorzugsweise in den Reihen Israels aufgeschlagen hat, die Zuckerruhr, den Diabetes, erinnere an gewisse Formen psychischer Störungen und Gehirn- resp. Rückenmarksleiden. Es wäre ein zweckloses Unterfangen, nach den innersten Gründen forschen zu wollen, denen in letzter Instanz unser Stamm jene traurige Bevorzugung verdankt. Sie sind ebenso in mehr oder weniger tiefes Dunkel gehüllt, als es die Grundursachen dieser Krankheiten selbst noch in vieler Beziehung sind, wir müssen uns hier in ebenso gewagten Hypothesen bewegen, wie es selbst die so weit vorgeschrittene pathologisch-anatomische Forschung und Erkenntniß noch heute bei der Ergründung der Aetiologie, der spezifischen Krankheitsursache mancher der erwähnten Krankheiten, zu thun gezwungen ist. Allein auch von allgemeineren Gesichtspunkten aus dürfte es sich der Mühe verlohnen, in das Geheimniß jener unheilvollen Beziehungen einzudringen, den Schleier, wenn auch nicht zu lösen, so doch zu lüften. Es liegt auf der Hand, daß wir in erster Reihe unser Augenmerk auf die Ernährung naturgemäß richten, uns fragen müssen: Ist vielleicht ein ursächlicher Zusammenhang anzunehmen zwischen der Prädisposition des israelitischen Volkes für gewisse Krankheiten des Verdauungsapparatcs und der Allgcnicinkonstitution — und der Ernährung, der Art und Weise seiner Körperpflege und Nahrungsaufnahme vorhanden? Wir müssen diese Frage unzweifelhaft bejahen, mit uns ein Jeder, der die Lage der Dinge mit offenen Augen sieht und zu beurtheilen versteht. So mancher Leser wird wohl bei den Anklagen, die hierbei kaum ausbleiben dürften, sich sagen: Das trifft mich nicht, ich habe mich längst von jenen Eigenthümlichkeiten in Nahrung und Ernährung emanzipirt, habe sie vielleicht nie vor mir gesehen rc. Das mag wohl sein, allein der Sohn unserer Zeit muß in mancher Beziehung Leiden erdulden, die sich wie eine ewige Krankheit seit jenen Tagen forterben, in welchen einmal in ein Geschlecht der Same, der Keim dieses Leidens hineingetragen worden ist. Das Moment der Heredität, der Erblichkeit läßt sich nun einmal nicht aufhalten, der Begriff der „fehlerhaften Anlage", der „fehlerhaften Richtung der Zelle", mit dem wir nur allzu häufig auch in der modemen Pathologie wirthschaften müssen, er tritt in letzter Instanz auch bei unfern Betrachtungen, in seine Rechte. Von altersher läßt sich beim Juden ein ganz besonders ausgebildetes Interesse für die Magenfrage erkennen. Er ist nicht eben Schlemmer und Prasser, die Bibel spricht sogar im Tone tiefsten Abscheus von jenem Fresser und Säufer, den der unglückliche Vater vor die Schranken des Gerichtes schleppt, beurtheilt und bestraft ihn gleich einem Verbrecher, allein zu allen Zeiten macht sich ein ausgesprochener Sinn für die Freuden und Genüsse der Küche in reichem Maße bemerkbar. Und was diese, speziell die „jüdische Küche" bietet, ist nicht gerade immer geeignet, vor einer ärztlichen Kritik Stand zu halten, ohne hiermit etwa den religiösen Speisegesetzen nahetreten zu wollen. Ich kann es mir versagen, sie alle aufzuzählen, jene altehrwürdigen Speisen, an denen sich schon unsere Väter und Urväter den Magen gründlich verdorben haben, Griewen und Stopflebern, an die sabbathliche Kugel; und das doppelkohlensaure Natron hatte schon damals seinen Ehrenplatz in der Hausapotheke, wie so häufig in unseren Tagen. Wie verstanden sie es, fast jedem unserer Feste eine nicht immer gerade besonders wohlverdauliche Speise als besonderes Attribut beizulegen, die um Alles in der Welt nicht fehlen durfte, auf die sie und ihre Kinder sich schon die ganze Woche, das ganze Jahr hindurch freuten, die schon erwähnte Schabbeskugel, die Kreppchen am Purim und die süß-klebrige Naute, die Chrimsel am letzten Peßachtage und die harten Eier am Sederabende. Wie ängstlich bedacht waren sie dagegen auf eine möglichst leichte Kost am Vorabend des Versöhnungsfestes, wie verständig erkannten sie hier, was dem Magen fromme. Die Zeit hat Viele und Vieles geändert, unendlich Viele sind leider nur dem Namen nach noch Juden, und sie, die da noch festhalten am Glauben der Väter mit seinen Freuden und Leiden, mit seinen süßen Erinnerungen und Verheißungen, seinen bitteren, dornenvollen Pflichten und Gesetzen sind verschwindend gegenüber denen, die sich aufgeklärt, liberal nennen. Die Eigenart in der Behandlung der Magenfrage ist fast Allen geblieben, gar mancher nioderne Jude mag keinen Juden leiden, doch seine Speisen ißt er gern. Ueberall diese Eigenart, überall dieselbe eigenthümliche Hervorhebung und Würdigung für die Interessen der Zunge und des Magens, bei den Diners und Soupers der Saison und dem Sabbathmahl des Hausirers, im Palast des Reichen und der Hütte des Armen, der nur einmal in der Woche seine Sorgen vergißt und Prinzessin Sabbath verklärten Auges empfängt, den Tag der Ruhe in begeisterten Hymnen begrüßt. Kein Zweifel, daß hierin ein nicht unbedeutendes, vielleicht sogar das hervorragendste Moment für die erwähnte Prädisposition zu finden ist. So erklärt sich auch der Umstand, daß vorzugsweise wohlhabende, reiche Glaubensgenossen das Hauptkontiirgcnt jener Leidenden ausmachen, daß die Zeit zwischen dem 35. und 40. Jahre und ferner zwischen dem 20. und 35. die meisten Fälle aufzuwcisen vermag bei jener Krankheit, die unser Interesse in ganz besonders hohem Grade fesselt, beim Diabetes. Hier beschuldigt die Pathologie direkt in erster Reihe unzweckmäßigeLebensweise, anhaltenden überreichlichen Genuß von Amylaceen und Zucker in den verschiedensten Formen in Verbindung mit einer sitzenden Lebensweise. Nicht anders wirken jene Momente auf die Nieren, die Leber, den Magen; wir wissen, wie diese Organe in ihren Funktionen wie die Rüber eines Uhrwerkes in einander greifen, wie sie nur allzu häufig sich verbinden, um geschlossen Mißhandlungen zu rächen, die Eines von ihnen erlitten hat. Unzweckmäßige Ernährung heißt die Hauptursache in den zahlreichen, furchtbaren Leiden, bei denen bald die Verdauungsorgane, bald die Circulation, die Gesammtkonstitution der Menschen dem Verfall, dem Untergange entgegengehen. Grund genug, ein wachsames Auge zu haben auf diese Gefahren, die die Genüsse des Augenblicks durch unendliche Qualen und Leiden nur allzuoft vergelten und rächen. Weise Mäßigung, das ist das

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