Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-07-10 · Heft 28 (10.7.1891) · p. Seite 330

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 28 (10.7.1891)
Date
1891-07-10
Page
Seite 330 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227877-3227906--48073-3270573
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

neue Fälle, theils aus alten gefolgert, theils aus der Schrift hergeleitet, hatten den Umfang derselben vielfach erweitert. Die verschiedenen Schulen und Richtungen hatten manche Gesetzesbestimmung in Zweifel gezogen, welche einer Entscheidung harrten. R. Jehuda legte daher seiner Sammlung den bereits halb und halb geordneten Mischna R. Akiba's zu Grunde, in der Weise, wie sie R. Mair vorgetragen und verbessert hatte, und behielt auch dieselbe Ordnung bei. Z. Frankel „Darke Hamischnah" S. 217) entwickelt darüber folgende Ansicht: „Da in den Tagen Rabbi's die ältesten Halachot mehr und mehr dem Gedächtniffe der Tanaim entrückt wurden, so ging die Absicht R. Jehuda's dahin, die rabbinischen Denkmäler einer alten Zeit der vollständigen Vergessenheit zu entreißen. Dieses konnte am besten dadurch erreicht werden, daß er die verschiedenen Themata in gesonderte Abtheilungen ordnete, welche er Mischna nannte." I. H. Weiß dagegen macht folgende Bemerkung: „In der Rabbi vorangegangenen Generation war das eigentliche Mischnastudium im Medergange, indem man sich größtentheils mit spitzfindigen Auslegungen der Satzungen befaßte, so daß ein korrekter Mischnatext selten zu finden war. Wegen dieses Uebelstandes redigirte R. Jehuda die Mischna, um allen Zweigen der mündlichen Ueberlieferung gleiche Pflege angedeihen zu lassen." (vor iveckoreseliot' S. 183). Diesen Meinungen ist aber Folgendes entgegenzuhalten: Die uneigentlichen Tanaim waren in sehr geringer Zahl vorhanden, wie aus einem Nekrolog den Resch Lakisch an der Bahre eines derselben gehalten hat, deutlich hervorgeht. „Wehe!" rief er aus, „wieder hat das Land Israel einen großen Mann verloren!" (Megila 28.) Ihr Einfluß könnte, selbst bei etwaiger Inkorrektheit ihrer Citate, durchaus kaum schädlicher sein, weil der Halachatext von dem Schuloberhaupte zu jeder Zeit einer Revision unterzogen werden durfte. Auch standen dieselben bei den berufenen Gelehrten in großem Ansehen, was daraus zu ersehen ist, daß ihnen nach dem Tode im Lehrhause von einem autorisirten Rabbiner ein Nachruf gewidmet wurde. (Das.) Im praktischen Leben war ihre Thätigkeit umsoweniger für das Volk nachtheilig, weil ihnen niemals ein judizieller Wirkungskreis angewiesen wurde. Ebensowenig haben die Meinungsverschiedenheiten der Tanaim, das Eindringen der römischen Gesetzgebung in Palästina, das Jnterpretationsbestreben und die Alterthumsverehrung Rabbis, die Anhäufung des halachischen Materials und die Nothwendigkeit einer vollständigen Mischnarezension die Niederschrift der mündlichen Ueberlieferung bewirkt. Denn schon vor R. Jehuda war der halachische Stoff umfangreich genug, und die hadrianische Verfolgung, durch die Alles ins Schwanken gerieth, hätte eher zu einer nationalen Gesetzsammlung herausgefordert. In den vorangegangenen Perioden war Judäa in viel größerem Maße dem Anstürmen ausländischer Einflüsse ausgesesetzt, deren verderbliche Wirkung sich allgemein fühlbar machte. Die sogenannten Erklärungen der Halachot sind gerade in der Mischna spärlich vorhanden. Die Zurückführung der Satzungen auf die heilige Schrift ist im Siphre vorherrschend. (Vergl. Maimonides Einleitung zu Jad Hachsaka S. 1.) Ferner bildet die Mischna nur einen Theil der mündlichen Ueberlieferung; der andere ist in den verschiederen Barajtot enthalten. (Vergl. Samuel Hanagid, Mebo Hatalmud S. 7.) Die Mischnasammlung ist für nichts weniger als eine vollständige Halacharelation zu betrachten, da doch die Gemara selbst Lückenhaftes und UeberflüssigeS in ihr entdeckt. (Beza 2, Schebuot 4, Jebamat 30 und andere Stellen.) Ueberhaupt erhält eine ganze Volkslitteratur, die seit undenklichen Zeiten nur mündlich vorgetragen wurde, nicht durch geringfügige Ursachen eine schriftliche Redaktion, und das umsoweniger, wenn ein uraltes Gesetz die Niederschrift verbietet. Nur tief eingreifende Bewegungen und heftige Erschütterungen des Volksgeistes vermögen solches zu bewirken. Will man das bewegende Motiv der Niederschrift finden, so muß man es in der großen Erregung suchen, in welcher damals das Judenthum durch das plötzliche Erstarken des Christenthums versetzt wurde. Um aber diese Erregung zu begreifen, ist es nöthig, das gegenseitige Verhältniß beider Religionen bis zu dieser Epoche zu betrachten. — Nach dem Tode des Stifters der christlichen Religion bestand die Zahl seiner Anhänger aus hundertundzwanzig Mitgliedem (Apostelgeschichte 1, 15.) Sie stärkten und ermuthigten sich gegenseitig, auszuharren auf dem von ihrem Meister betretenen Wege. Sie lebten in stiller Beschaulichkeit, verkauften Hab und Gut, gaben den Erlös in eine gemeinsame Kaffe und beschäftigten sich mit Gebet und Andacht. In ihrer Lebensweise unterschieden sie sich nicht viel.von der jüdischen Sekte der Essäer, die bei dem Volke sogar wohlgelitten war. Man ließ sie daher ruhig gewähren und störte ihren Frieden nicht. Es dauerte aber nicht lange, da fing das junge Gemeinwesen an, neue Keime zu treiben. Seine Sendboten machten Propaganda für die junge Lehre, welche nach und nach eine festere Form zu gewinnen begann. Es gelang ihnen auch, Proselyten zu machen, nach den« Berichterstatter in der Apostelgeschichte 4, 4 sogar fünftausend. Unter den Neugewonnenen befanden sich nicht nur Juden, sondern auch Heiden. Man unterschied daher Judenchristen von Heidenchristen. Das soziale Verhältniß der Judenchristen zu den Rabbaniten ist in jener Zeit ein freundliches. Die zwei Parteien stehen mit einander in gesellschaftlichem Verkehr. Wiewohl sie sich der wesentlichen Verschiedenheit ihrer Religionsprinzipien bewußt sind, so hindert sie das nicht, einen gegenseitigen Gedankenaustausch zu pflegen. Die Rabbinen hörten die Meinungen der Christen ruhig an, wenn sie sie auch nicht billigten; ebenso umgekehrt. Im Talmud wird sogar von einem christlichen Richter der Spruch Jesu im Evangelium Math. 5. 17 mitgetheilt: „Er sprach zu ihnen, es steht da geschrieben: Ich bin nicht gekommen, das Gesetz Moses aufzulösen, ich bin gekommen, das Gesetz Moses zu erfüllen." (Sabbat 115.) Zu dieser Zeit wurden die Christen mit dem Namen Minim bezeichnet, vielleicht eine Abbreviatur: Mokiie Jeschu Nozri, d. i. Verehrer Jesus, des Nazareners. Dieses friedliche Einvernehmen dauerte bis zum Ende des ersten Dritttheils des zweiten Jahrhunderts. Der jüdisch-römische Krieg, der für die Juden verhängnißvolle Untergang ihres Staates, der Verlust der politischen Selbständigkeit alterirte das Verhältniß beider Parteien nicht im Geringsten. Das Fernbleiben der Christen vom Kriege geschah nicht aus antirabbinischen Tendenzen, sondern weil das Kriegführen mit ihrem beschaulichen Leben sich nicht vereinte, wie auch die Essäer sich den Schlachtfeldern nicht einmal näherten. Rabbinischerseits wurde dieses Verhalten den Judenchristen auch nicht zum Vorwurf gemacht, weil man dessen harmlose Motive kannte. Wie Irenaus (ado haer. 1, 26) berichtet, unterschied man damals innerhalb der Judenchristen selber zwei Richtungen: eine strengere und eine mildere. Wie Justinian (Dialog, c. Tryph. 6, 47) mittheilt, verlangten die strengeren Judenchristen, daß die zu ihnen übergetretenen Heiden alle Vorschriften des Gesetzes beobachten müßten, während die milderen Judenchristen sich für ihre Person an das jüdische Ceremonialgesetz gebunden erachteten, für die Heiden aber nur einen Theil desselben verlangten. Auf ihre Richtung ist es daher zurückzuführen, daß von den Sendboten der neuen Religion an die Heiden der Bericht erging, „daß, wenn sie sich nur der Unreinheit, der Abgötterei, der Unsittlichkeit, des Erstickens und des Blutes enthielten, sie auch schon recht thun und zur neuen Gemeinschaft gehören würden." (Apostelgeschichte 15, 20, 29.) In dieser Kundgebung ist aber nichts speziell

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.