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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-07-10 · Heft 28 (10.7.1891) · p. Seite 326

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 28 (10.7.1891)
Date
1891-07-10
Page
Seite 326 (sequence 2)
Language
German
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m praktische Bedürfnis;, sondern für die allgemeine Ausbildung des Geistes. Wenn wir nun sehen, daß selbst übelwollende Beürtheiler des jüdischen Stammes in besonderem Maße dessen Intelligenz hervorheben und namentlich die umfassende Verbreitung derselben durch alle Schichten konstatiren: sollte dies nicht in engstem Zusanimenhange stehen mit der Thatsache, daß von altersher jedes jüdische Kind außer der Muttersprache mindestens noch eine weitere Sprache erlernt? Von diesem Gesichtspunkte aus würde die Beseitigung der hebräischen Sprache aus den israelitischen Gotteshäusern und Religionsschulen nichts Anderes bedeuten, als eine Herabdrückung des geistigen Niveaus, wenigstens der unteren Klaffen der israelitischen Bevölkerung. Auch die folgenden, mehr den Gefühlsstandpunkt vertretenden Sätze, welche ich einem in dem Verordnungsblatt des Großherzoglich badischen Oberraths der Israeliten (Jahrg. 1887, S. 39) veröffentlichten Gutachten des Reallehrers E. Bloch in Pforzheim, „über die Unterweisung der israelitischen Seminarzöglinge im Kantorfache", entnehme, dürften der Beachtung nicht unwerth sein: „Die hebräische Sprache bei den Synagogengebeten ist das einzige Band, das die Israeliten auf dem ganzen Erdenrunde äußerlich umschlingt, und in der That besteht keine einzige, auch der äußersten Reform huldigende Gemeinde, welche bei noch so weitgehender Berücksichtigung der Gebete in der Landessprache die hebräische Sprache gänzlich aus dem Gottesdienste entfernt hätte. Es wird wohl dies für immer also bleiben. Man muß in einer Stadt im Auslande gewesen sein, muß sich während der Wochentage im geselligen Verkehr mit der fremden Landessprache mühsam hindurch gearbeitet haben, muß dann am Freitag Abend in die Synagoge getreten sein und die überwältigende Wirkung an sich selbst empfunden haben, die, um das Erhabenste herauszugreifen, das Schema Jisroöl, das uralte Glaubensbekenntniß Israels, in hebräischer Sprache gesungen, ausübt!" Damit verlasse ich diesen Gegenstand und wende mich zu den „veralteten, unfern Anschauungen fernliegenden und niedrig erscheinenden" religiösen Bräuchen, wie sie Herr Emil Lehmann kennzeichnet. Es sind dies dieselben Bräuche, mit Bezug auf welche Prof. Dr. Steinthal in einem Aufsatze über Ludwig Börne (Allg. Ztg. d. I., Jahrg. 1890 Nr. 39) Folgendes schrieb: „Es kommt darauf an, wie die Ceremonie geübt wird: jenes Waschen und Bete», die Feier des Sabbath und der Festtage, das Essen und Trinken und das Fasten, der täglich zweimalige Besuch der Synagoge. Wenn z. B. der jüdische Vater sein Kind Freitag Abend segnete, legte er die Hand auf dessen Haupt und murmelte einige Worte. Wenn dabei aus der Hand und aus dem Mund des Vaters ein geistiges Fluidum ins Herz des Kindes dringt, so ist die Wirkung von Heil, und das Kind bleibt in Rapport mit Vater und Großvater und den Ahnen und seinem Volke; wenn aber der Vater nichts mitzutheilen vermag, so ist sein Wort und seine Berührung profan, und der Knabe lacht. Und so ist alle Uebung religiöser Ceremonien mit dem echten Geiste ebenso erhebend und erquickend, tröstend und stärkend für das ganze Leben, wie ohne den Geist thöricht und das Gemüth ausleerend." Ich weiß nicht, ob Herr Emil Lehmann diese Sätze gelesen hat. Jedenfalls aber haben dieselben auf ihn keinen Eindruck gemacht, wie aus dem von ihm unlängst in dieser Zeitschrift (Nr. 10 des lauf. Jahrg.) veröffentlichten Artikel über den Religionsunterricht hervorgeht, in welchem er sich über den gleichen Gegenstand wie folgt äußert: „Für die höhere Schulklasse mag es paffend sein, jüdische Alterthümer als solche vorzutragen; aber Bräuche, die im Elternhaus nicht geübt werden, den Kindern als Heiligthümer aufznreden, das widerstrebt dem ersten Gebot der Moral, wie der Pädagogik: der Pietät." Die Redaktion dieses Blattes bethätigte ihre Unparteilichkeit, indem sie im „Sprechsaal" der Nr. 13 einen schlichten Religionslehrer aus Schlesien, Herrn Jakob Bähr in Reichenbach, zur Vertretung seines abweichenden Standpunktes Gelegenheit gab. In dieser Entgegnung heißt es: „Es spreche nur der Lehrer mit Begeisterung und Wärme von der veredelnden Wirkung des religiösen Brauches, wie derselbe mit so viel Weihe und Innigkeit das altjüdische Faniilienleben durchzogen, wie er die schönsten und herrlichsten Tugenden: Enthaltsamkeit, Genügsamkeit, Mäßigkeit und Nüchternheit gezeitigt, und die Schüler werden mit gespannter Aufmerksamkeit auf seine Ausführungen lauschen; seine Worte werden einen bleibenden und nachhaltigen Eindruck aufs empfängliche Kindesherz Hervorrufen, es erfüllen mit frommer Gesinnung und es aneifern zu religiösem Thun." Die genannten Lobrcdner der jüdischen Ceremonien dürfen wohl ' als Sachverständige gelten, da sie sich berufsmäßig mit Religionslehre und Religionswiffenschaft befassen. Gerade dieser letztere Umstand wird jedoch für Manchen Grund genug sein, ihrem Urtheile zu mißtrauen, daffelbe auf Einseitigkeit und Befangenheit zurückzuführen. So möge denn einem Laien, der als Jurist einen ähnlichen Bildungsgang durchgemacht hat, wie Herr Rechtsanwalt Lehmann, und von dem ebenfalls bekannt ist, daß er in religiöser Hinsicht der freisinnigen Richtung angehört, gestattet sein, an der Seite jener Männer zur Vertheidigung der von dem juristischen Herrn Kollegen so abfällig deurtheilten religiösen Bräuche des Judenthums in die Schranken ' zu treten. (Fortsetzung folgt.) U Auge um Auge, Zahn um Zahn! Von Rabbiner Dr. S. Goldschmidt in Colberg. Wer kennt nicht dieses Schiboleth unserer geschworenen Todfeinde, , das sie fort und fort im Munde führen, um unsere Religions- und Sittenlehre zu schmähen und ihren niedrigen, ja unmoralischen Werth zu bezeichnen! „Auge um Auge, Zahn um Zahn", so heißt es, sei das oberste Religions- und Sittengesetz der Juden, ihr Gott sei ein Gott der Rache und des Zornes, ihre Sittenlehre stelle nicht die Liebe, sondern den Haß, den Zorn, die Rache obenan. Die Feinde unserer Religion und unseres Stammes haben diese Entdeckung bereits vor Jahrtausenden gemacht. Unsere Freunde, die grundsätzlich unserer Religion und unserem Stamme nach Kräften gern Gerechtigkeit widerfahren lassen möchten, beten ihnen dennoch diesen Vorwurf oft gedankenlos nach. Ja, selbst viele Bekenner unserer Religion wiffen hierauf nichts zu erwiedern, weil ihnen leider unsere Religionsquellen verschloffen, ein Buch mit sieben Siegeln sind. Aus einer solchen schiefen Anschauung der jüdischen Sittenlehre und des jüdischen Stammcharakters ist dem Dichter auch die finstere Gestalt eines Shylock herausgewachsen, in dem die Rachelust die einzige Triebfeder seines Empfindens, Denkens und Handelns ist, und da Shylock noch immer lebendig über die Bretter wandelt, welche die Welt bedeuten sollen, so ist er einem großen Theil unserer gebildeten und halbgebildeten Welt die lebendige Inkarnation des Judenthums und seiner Sittenlehre. Was der Haß im Bunde mit der Lüge einmal geboren, das betet leider die Gedankenlosigkeit nach und hat es von Geschlecht zu Geschlecht überliefert. — Haben unsere Gegner Recht? Ist das Wort „Auge um Auge, Zahn um Zahn" wirklich das erste Gebot der jüdischen Religions¬ und Sittenlehre? Ist Shylock in der That die fleischgewordene Verkörperung des jüdischen Charakters? Und wenn nicht, was hat alsdann dieses Wort in der Schrift zu bedeuten? Denn in unserer heiligen Schrift steht dieses Wort nicht ein-, sondern zweimal, das kann nicht geleugnet werden. Welche Bedeutung hat nun dieses Wort in dem Buche, das wir als ein heiliges verehren, und das die Grundquelle, das Palladium des Judenthums ist? Diese Frage soll uns hier beschäftigen, und wenn ich mir auch bewußt bin, dem Schriftkundigen nichts Neues zu bieten, so ist es dennoch gut, einmal diesem

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