Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1891)
- Date
- 1891-07-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. 55. Jahrgang. M. 28. Berlin» 10. Juli 1891. Begründet von Haft trrner Ludw ig P h ilipp so n - B on«. V erlags-Grpedition: LerUn, Zerusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosfe, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements - Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt'von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redacterrr: Gustav Karpeles. Leitartikel r Die religiösen Bräuche des Judenthums. Von Reg.-Räth Dr. D. H. Mayer. — Wissenschaft und Litteratur: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Von Dr. S. Goldschmidt. — Ueber die Niederschrift der mündlichen Ueberlieferung. Von Dr. S. Gelb haus. — Das Judenthum und die:Krankheitslebre. Von Dr. Jakob Werner. — Onkel Bartboldy. Von 3- Löwenberg. (Schluß.) — AeniUeton: Anna. Von Hermann Menkes.— Aus dem Bade. I. — Litterarische Mittheilnngen. Der Oeweindevote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Danzig, Konih, Ratibor, Samter, Stolp, Aachen. Hannover, Marburg. Darmstadt, Augsburg. Wien, Lemberg, Budapest. London. Petersburg, Moskau, Warschau. — Bon Rad und Fern. — Sprechsaal. — Miscellen. — Briefkasten. Me religiösen Brauche des Iudenthums. Von Regierungsräth Dr. D. H. Mayer in Karlsruhe. Herr Rechtsanwalt Cmil Lehmann in Dresden hat in Nr. 34 des vorigen Jahrgangs dieser Zeitung angesichts der Zunahme der Judentaufen sehr lesenswerthe Betrachtungen darüber angestellt, was uns Noth thut. Kein Zweifel, daß eine Hauptursache dieser Fahnenflucht „die bodenlose Unwissenheit in jüdischen Dingen" ist, welche gerade in den gebildeten Kreisen der jüdischen Bevölkerung so sehr grassirt. Es darf in der That nicht Wunder nehmen, daß in unserer realistischen Zeit eine große Zahl solcher, die dem Judenthum durch die Geburt angehören, nach der Art ihrer Erziehung aber dessen inneren Werth nicht schätzen gelernt haben, dieses ihnen höchst überflüssig und unbequem erscheinende Anhängsel mit mehr oder weniger Anstand abstreifen. Derjenige dagegen, welchem sein Judenthum Licht und Wärme, geistige Erhebung und gemüthliche Befriedigung bietet, findet darin ein mehr als hinreichendes Aequivalent selbst für die schlimmsten Anfeindungen und Zurücksetzungen, welchen er als Jude etwa ausgesetzt ist. Der Antisemitismus mag Alles daran setzen, uns, wie im Mittelalter, Hab und Gut, Recht und Baterland, Ehre und Frieden zu nehmen: dem eisernen Fonds des Judenthums kann er nicht beikommen, die von diesem im Laufe der Jahrtausende angesammelten idealen Schätze muß er unberührt lassen, die in der Tiefe geborgenen Quellen, aus denen dasselbe auch in Zeiten des härtesten Druckes und der grausamsten Verfolgung die Kraft zum Widerstande und zu neuer Lebensentfaltung schöpfte, vermag er nicht abzugraben. Hieraus ergiebt sich, wie jeder Einsichtige Herrn Emil Lehmann ohne Weiteres einräumen wird, als wichtigste Aufgabe: im Gottesdienst und Religionsunterricht sowohl, wie namentlich auch im häuslichen Leben „das jetzige und künftige Geschlecht mit der sittlichen Hoheit, der wissenschaftlichen Reife des jüdischen Lebens zu erfüllen." Auch daß bei Lösung dieser Aufgabe „geschmackvoll und taktvoll"' verfahren werden soll, ist eine ganz vernünftige Forderung. Was versteht aber Herr Emil Lehmann darunter? Er empfiehlt: „nicht auf die veralteten, unseren Anschauungen fernliegenden und niedrig erscheinenden Bräuche, nicht auf die zwar schöne, aber schwierige und nur dem Gelehrten nickt fremdartige hebräische Sprache, sondern auf de» Gehalt den Werth zu legen. Aehnlich wie sich in der Gymnasialfrage jetzt die Reform vollzieht, daß man es für wünschenswerther erklärt, Tacitus und Sophokles vollständig in guten deutschen Uebersetzungen, als bruchstückweise in Latein und Griechisch zu lesen." Also Abschaffung der religiösen Bräuche und Entfernung des Hebräischen aus Synagoge und Religionsschule erscheinen Herrn Emil Lehmann als unerläßliche Vorbedingungen, wenn man in höherem Maße, als es in den letzten verflossenen Jahrzehnten geschehen, in unserer Jugend „Verehrung vor dem alten Judenthum, Liebe und Begeisterung für die angestammte Religion" erwecken will. Es würde den Rahmen dieses Aufsatzes überschreiten, wollte ich mich eingehend über die Bedeutung des Hebräischen als Gebetsprache und Gegenstand des Religionsunterrichts verbreiten. Ich verweise vielmehr auf das zu Anfang vorigen Jahres durch eine Probenummer dieser Zeitschrift in die weitesten Kreise gedrungene, wahrhaft klassische Mahnwort Professor Dr. Steinthals „An die Ettern", in welchem in überzeugender und zu Herzen gehender Weise der unvergleichliche Werth der hebräischen Sprache gerade für die religiöse Erziehung der Jugend dargelegt wurde. Eine Stelle daraus möge hier wörtlich angeführt werden. „Worum", so frägt der Verfasser des Mahnworts, „lernt denn der deutsche Theologe hebräisch? Warum lernen es viele Philologen? Ich will Dir sagen, warum sie hebräisch lernen: sie wollen am frischen Quell trinken und nicht durch weite Leitung matt gewordenes Wasser; sie wollen die Gedanken in der Originalfärbung und nicht im Holzschnitt der Uebersetzung." Ich habe diese Stelle besonders hervorgehoben, weil sie den Grund enthält, der in gleicher Weise dafür maßgebend ist, daß an unfern Gymnasien die griechischen und lateinischen Klassiker in der Ursprache und nicht in deutschen Uebertragungen gelesen werden. Von Bestrebungen maßgebender Kreise, welche auf eine Verdrängung der Originale durch derartige Uebersetzungen abzielten, ist bis jetzt nichts bekannt geworden, und ich kann meinestheils nur wünschen, daß eine derartige „Reform" nie zur Herrschaft gelange. Gerade die Heranziehung anderer Fremdsprachen zur Vergleichung mit der hebräischen — wobei ich davon absehe, daß diese für das jüdische Kind eine ,fremde" in dem gewöhnlichen Sinne natürlich nicht ist — hätte übrigens Herrn Einil Lehmann ein sehr gewichtiges Argument zu Gunsten der Pflege der letzteren.durch unsere israelitische Jugend nahelegen müssen. Jeder Gebildete kennt den Werth des Unterrichts in fremden Sprachen nicht blos für das unmittelbare