Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1891)
- Date
- 1891-07-03
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 > Se. Majestät in exuem ähnlichen Falle in Oesterreich nicht anders spräche, als in Ungarn. Es bietet sich hier nur nicht die Gelegenheit dazn. Leider muß es gejagt werden, daß man einmal eine ähnliche Gelegenheit verpaßt hat. Im Jahre 1880 waren es nämlich 100 Jahre, seitdem Kaiser Josef II., der den Juden die Toleranz gewährte, den Thron bestieg. Nachdem ich erfahren hatte, daß die Protestanten diesen Moment benutzen würden, um dem Kaiser dafür zu danken, daß er das Werk beschlossen, welches sein Ahnherr Josef II. begonnen hatte, beeilte ich mich, dem damaligen Präses der israelitischen Kultusgemeinde, dem sel. Dr. I. Kuranda, hiervon Mittheilung zu machen und legte es ihm nahe, daß die israelitische Kultusgemeinde einen ähnlichen Schritt mache. Doch er wollte nicht darauf eingehen. Er meinte, die israelitische Kultusgemeinde sei keine politische Gemeinde und wolle keine Demonstrationen madjeii rc. Bald hernach hatte ich Gelegenheit, einen leitender! Minister zu sprechen, der noch jetzt die maßgebendste Stelle eiunimmt. Im Laufe des Gespräches fragte er mich, wie es komme, daß die israelitische Kultusgemeinde bei dieser Gelegenheit nicht vor den Stufen des Thrones erschienen sei. Selbstverständlich suchte ich den Vorstand zu entschuldigen; aber tief erschrocken fragte ich, ob diese Abwesenheit etwa übel bemerkt wurde, und Se. Exzellenz hatte die Güte, mich zu beruhigen. Es bleibt jedoch zu bedauern, daß man damals den Moment nicht benutzte. — Jungst war ein Prozeß zwischen Antisemiten untereinander. Es braucht nicht gesagt zu werden, daß der Kläger (der ehemalige Reichsrathsabgeordnete Fiegel), sowie die Geklagten sich gegenseitig allerlei Niederträchten an den Kopf warfen. Ich würde kein Wort darüber verlieren, wenn ich nicht folgendes Moment markiren wollte. Der Vertheidiger des Klägers, Dr. Pattai, erklärte, die Antisemiten wollten gar nicht die Rechte der Juden schmälern. Wozu aber ist dann der ganze Lärm? Der Verein gegen den Antisemitismus ist übrigens den Leuten sehr zuwider. Der ehemalige Staatsminister Anton Ritter von Schmerling, der die Verfassung ins Leben gerufen (derselbe ist jetzt Präsident des obersten Gerichtshofes), ist ebenfalls diesem Verein beigetreten, und das ärgert die Antisemiten gar sehr. 8 WiLn, 24. Juni. Inder gestrigen Sitzun g desAbg eordneten Hauses führten die Antisemiten wieder einige Skandale herbei. Zuerst war es der Abgeordnete Kaiser, welcher mit der Behauptung, die liberale Partei nähere sich jetzt deshalb der Regierung, damit diese nicht etwa, das Beispiel Rußlands nachahmend, gegen die Juden vorgehe, den Beifall der Antisemiten und die Entrüstung des gebildeten Theiles im Hause hervorrief. Beim Titel „Dispositionsfonds" wurde der in wenig erfreulicher Weise bekannte Abgeordnete Schneider, „von der geänderten Haltung der Judenpresse gegen Taaffe" sprechend, vom Präsidenten mit der Bemerkung unterbrochen, er könne nicht gestatten, daß von der Presse in derartigen Ausdrücken gesprochen werde. Schneider fährt fort, indem er ausführt, daß die Juden Taaffe durch Unterstützung desselben los werden wollen. (Rufe links: Gehen wir hinaus! Die Vereinigte deutsche Linke verläßt demonstrativ den Saal.) Der Redner bewilligt den Dispositionsfond, damit die Negierung unabhängig von der jüdischen Presse ihre Anschauungen zum Ausdruck bringen könne. Dieses Benehmen führte dazu, daß in der heutigen Budgetdebatte Graf Coronini erklärte, er müsse als treuer Anhänger der Verfassung, sowie als treuer Sohn Oesterreichs, vor Allem aber als Christ, dessen vornehmstes Gebot Nächstenliebe sei, die Tendenzen auf das Entschiedenste bedauern und verdammen, welche die gestrigen antisemitischen Reden erfüllt hätten. - •* Prag, 24. Juni. Der „Josefovsky Obcansky Klub" (Josefstädter Bürgerklub) hat eine Petition an das Abgeordnetenhaus eingebracht, in welcher er um die Errichtung eines böhmischen Rabbinerseminars in Prag nachsucht. Als Gründe werden in der Petition angeführt, daß dermalen nur Zöglinge ungarischer und reichsdeutscher Seminare als Rabbiner in Böhmen angestellt werden, welche der böhmischen Sprache nicht mächtig seien, daß dieser Uebelstand um so empfindlicher sei, da nach Maßgabe des Ergebnisses der letzten Volkszählung die Majorität der Juden in Böhmen sich zur böhmischen Umgangssprache einbekannt hätte, und da die Zahl der Kinder, welche den Religionsunterricht in böhmischer Sprache zu erhalten wünschen, von Jahr zu Jahr zunehme. Darauf hat der Budget-Ausschuß den Antrag gestellt: „Es werde diese Petition der k. k. Regierung zur Würdigung abgetreten." * Prag, 26. Juni. Eine Anzahl russischer Juden, welche auf der Reise nach Amerika unsere Stadt passirten, etwa 150 an der Zahl, wurden in Bodenbach angehalten, und da sie nicht den Nachweis, daß sie Schiffskarten besitzen, liefern konnten, an der Weiterreise behindert. Eine sofort von hier ans eingeleitete Hilfsaktion hatte zur Folge, daß von dem sächsischen Ministerium telegraphisch die Erlaub«iß zur Weiterreise ertheilt wurde. Die ganze Bevölkerung von Tetschen und Bodenbach, ohne Unterschied der Konfession, bewies den armen Reisenden ihre Theilnahme durch Unterstützungen. Die Verwaltung der dem Grafen Thun gehörigen Brauerei lieferte Stroh, der Bürgermeister erwirkte die Benutzung der Turnhalle für das Nachtlager. Männer und Frauen versorgten die Reisenden mit Kleidern, Speisen und Geld. * Fiume, 25. Juni. Der Deputation der israelitischen Gemeinde antwortete der Kaiser in italienischer Sprache: „Mit besonderer Zufriedenheit nehme Ich den Altsdruck Ihrer Treue und Anhänglichkeit entgegen, welche Sie im Namen der hiesigen israelitischen Gemeinde zum Ausdruck gebracht haben. Ich interessire Mich lebhaft für Ihr Geschick, welches mit Gottes Hilfe unter den schützenden Fittigen unserer bestehenden, auf dem Prinzipe der Gleichberechtigung der Konfessionen aufgebauten Gesetze immer mehr aufblühen möge." * Budapest, 18 Juni. Die Pester israelitische Gemeinde hat den auf das Jahr 1890 bezüglichen Bericht über das von ihr erhaltene Spital veröffentlicht. Man erhält daran3 ein übersichtliches Bild über das Wirken der Anstalt im ersten Jahre der Errichtung ihres neuen Heims. Die hellen und gut ventilirten Krankensäle, die zwecklnäßigen Nebenlokalitäten, die gute Verpflegung, die den Anforderungen der Wissenschaft entsprechend ausgestatteten Laboratorien der Aerzte und der schöne Garten machen das Spital zu einem Musterinstitut. Die Leitung führte auch im Berichtsjahre in vorzüglicher Weise Prof. Dr. Stiller; mit der ökonomischen Aufsicht waren Ignaz Mandl und Leopold Keppich betraut. Als Primarärzte in den drei Abtheilungen fungirten Prof. Stiller und die Dozenten Dr. Baron und Dr. Szili; Sekundarärzte waren die Doktoren Pollak, Baumgarten und Mohr. Assistenzärzte waren Dr. Adler und mehrere junge Aerzte. Die Zahl der Kranken war 1064 (gegen 888 im vorigen Jahre), darunter 139 Christen; die Zahl der ambulanten Kranken betrug 10,734, denen 55,087 Ordinationen ertheilt wurden. Von den ambulanten Kranken waren 5239 Christen. Die Gesammtausgaben beliefen sich auf 36,502 fl. Holland. * Amsterdam, 26. Juni. Das Hauptkomitee, welches im Anschluß an die Bemühungen des Centralkomitees sich hier gebildet hat. um Beiträge für die ans Rußland vertriebenen Juden zu sammeln, hat ein Cirkular erlassen, in welchem es seine Pläne auseinanderseht. Das Komitee beabsichtigt, nicht in erster Linie den hier durchziehenden Juden Unterstützungen zu verleihen, weil das Versprechen einer derartigen Unterstützung vielleicht nachtheilige Folgen haben könnte, ebenso wenig will das Komitee zur Auswanderung der Juden nach anderen Ländern aufmuntern, weil auch eine derartige Bewegung keine Erfolge verspreche, so lange die Bemühungen des Barons Hirsch und anderer Menschenfreunde noch kein befriedigendes Resultat ergeben haben. Deshalb stellt sich das Komitee ausschließlich zum Zweck. Gelder zu sammeln, um im Allgemeinen das Loos derjenigen Juden zu mildern, welche in den ihnen angewiesenen Wohnorten der Unterstützung bedürfen, damit sie im Stande sind, die günstige Zeit abzuwarten, um auszuwandern, oder wenn sie in Rußland bleiben, dort bessere Zeiten abzuwarten. Wenn es Noth thut, werden natürlich auch die durchziehenden Juden mit den nöthigen Lebensbedürfnissen versehen werden. Ehrenvorsitzender des Komitees ist der Oberrabbiner Dr. Dünner, Vorsitzende Professor de Hartog und der Eigenthümer der großen Diamant-Schleiferei Alex Daniels. Italien. <E Brindisi, 24. Juni. Die hiesige Munizipalität hat auf Antrag des Sindaco (Bürgermeisters) den 400 corfiotischen Juden, welche sich in Folge der Unruhen in Corfu hierher geflüchtet haben, das Ansiedelungsrecht verliehen und ihnen Grund und Boden auf Kosten des Munizipiums gewährt. Es soll dieser Schritt, wie der Sindaco bei Begründung seines Antrages ausdrücklich betonte, ein Versuch sein, der in Corfu zu Boden getretenen Menschlichkeit wenigstens in einem Theile wieder zu ihrem Rechte zu verhelfen. Großbritannien. * London, 24. Juni. Die russische Presse, die es bekanntermaßen den Engländern sehr verübelt, daß die Letzteren bei jeder Gelegenheit ihre Sympathien für die verfolgten Juden öffentlich bethätigen, hat das englische Volk durch die Meldung zu erschrecken versucht, daß sämmtliche