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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-07-03 · Heft 27 (3.7.1891) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 27 (3.7.1891)
Date
1891-07-03
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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aüs Rußland auswandernden Juden ihren Weg nach England nehmen. Die „Moskowskija Wjedomosti" haben bestimmt versichert, es seien bereits Schiffe gemiethet, um den Transport von nicht weniger als 60,000 heimathlosen, verarmten russischen Juden nach der englische,! Küste zu bewerkstelligen. Das Auswärtige Amt in London hat hierüber bei seinen Konsuln in den russischen Hafenstädten ungefragt und die Antwort lautete in allen Fällen negativ. Rußland. * Petersburg, 22. Juni. Die Spezialkommission im Ministerium des Innern, welche mit der Berathung eines Gesetzes für die Regelung der Verhältnisse der Juden in Rußland betraut wurde, hat die bezügliche Vorlage bereits ausgearbeitet, so daß dieselbe nunmehr im Reichsrathe zur Verhandlung gelangen wird. Die 38 Eingaben, ist welchen fremde, bisher in Warschau und in anderen Städten des Königreichs Polen ansässige Juden um Verlängerung der ihnen zur Abwicklung ihrer Geschäfte bewilligten Frist angesucht haben, sind sämmtlich abschlägig beschieden worden. Nach einer aus Odessa kommenden Nachricht ist zwischen der Negierung und der heiligen Synode ein Zwiespalt betreffs der Aufnahme von Juden in die orthodoxe Kirche entstanden. Nach der neuesten Verfügung der Synode darf kein Jude zur orthodoxen Kirche übertreten, weil der Glaubenswechsel für materielle Zwecke im höchsten Grade unsittlich fei. Der Justizminister erließ darauf ein Rundschreiben an die Prokuratoren, welches dieselben anweist, den bekehrten Juden die üblichen Rechte und Privilegien eines orthodoxen Bürgers zu gewähren, da die Thatsache, daß sie den christlichen Glauben angenommen, ihre Sittlichkeit unzweifelhaft darthne. — Der „Nowoje Wremja" zufolge hat der Justizminister den Reichsrath aufgefordert, die Nothwendigkeit der Festsetzung außerordentlicher Strafbestimmungen gegen offene Angriffe eines Theiles der Bevölkerung gegen andere auf Grund von Religions-, Raffen- oder Klassenhaß oder irgend welcher wirthschaftlicher Beziehungen zu prüfen. Die Strafen sollen sehr streng bemessen werden: Deportation nach Sibirien, Einreihung in ein Strafbataillon auf 8 Jahre re. Die „Now. Wrem." äußert die größte Ueberraschung über diesen Schritt, zu dem jeder Anlaß fehle, und in der That, so heuchlerisch das Staunen der „Now. Wrem." ist, so erklärlich ist es doch andererseits, angesichts des Verhaltens der russischen Regierung selbst gegen die Protestanten in den Ostseeprovinzen n. und gegen die Juden, daß ein Blatt wie das genannte sich hinter diesem Verhalten zu verstecken sucht. Die Erklärung des anscheinend widerspruchsvollen Verfahrens der russischen Regierung liegt offenbar darin, daß sie die Leitung der' nationalistischen und orthodoxen Verfolgung fest in der eigenen Hand halten will. Den nächsten Anlaß zu dem Schritte des Justizministers scheint eine vor etwa 2 Wochen stattgehabte sehr starke Ausschreitung gegen die Juden in dem Orte Makavinka, Gouvernement Jekaterinoslaw, gegeben zu haben. * Warschau, 23. Juni. In hiesiger und in anderen Städten Polens auf Grund von Aufenthaltsbewilligungen lebenden Ausländern jüdischer Konfession wurde befohlen, nach Ablauf der Präklusivfrist Rußland zu verlassen, gleichviel, ob sie ihre Geschäfte abgewickelt haben oder nicht. U Uon Nah und Fern. ----- Zu den Sälen, in welchen die Berliner jüdische Gemeinde an * den hohen Festtagen Gottesdienste veranstaltet, tritt in diesem Jahre" noch der Konzertsaal der Brauerei Friedrichshain vor dem Königsthore hinzu. Es ist dies einer der größten Festsäle der Residenz. — In der Synagoge der Alterversorgungsanstalt der jüdischen Gemeinde fand am vorigen Sonntag die kirchliche Feier der goldenen Hochzeit des Guttmannfchen Ehepaares im Beisein des Vorstandes und; der Ehrendamen, sowie einer großen Zahl von Anverwandten der - Jubilare statt. Die Einsegnung des Jubelpaares hatte Herr Rabbiner - Dr. Ungerleider übernommen. — Sonntag den 5. Juli findet im Ostendtheater eine Vorstellung zum Besten der russischen Flüchtlinge statt. Zur Aufführung gelangt die Novität: „Eine reiche Heirath," Schwank in drei Aufzügen von Eugen Kluge. Den Vorverkauf der Billets haben die Herren Loefer und Wolfs in ihren am Halleschen Thore, am Centralhotel und am Alexanderplatz belegenen Geschäften freundlichst übernommen. — In den nächsten Tagen erscheint — wie Stöckers Organ ankündigt — ein neues Buch von Rektor Ahlwardt. Dasselbe soll flch gegen Herrn von Bleichröder richten. — Eine Versammlung des deutschfreisinnigen Arbeitervereins, in welcher Herr Licentiat Gräbuer einen Vortrag über die antisemitische Bewegung halten wollte, ist von den Antisemiten gesprengt worden. — Herrn Fritsch in Leipzig scheinen die Strafmandate nicht mehr zu behagen. Darum steckt er lieber für fein Blatt Geld ein, als daß er sich für dasselbe einstecken ließe. So melden die antisemitischen Blätter: Der „Leipziger Tagesanzeiger" ist von seinem bisherigen Eigenthümer Ingenieur Theodor Fritsch an Herrn Wilh. Wauer verkauft worden. Auch ein Redaktionswechsel tritt ein. Als neuer Redakteur soll dem Vernehmen nach Herr Dr. Erwin Bauer, der Herausgeber der Monatsschrift „Das zwanzigste Jahrhundert", eintreten. — Herr Salomon May, Privatmann in Cincinnati, em Neffe des verstorbenen Herrn Nathan May in Kaiserslautern, hat zum ehrenden Andenken an seinen verstorbenen Onkel der israelitischen Kultusgemeinde Kaiserslautern, Hirschberg und Wallhalben - Oberhausen unter dem Manien „ Nath a n - Ma y - Sti stung" ein Kapital von 10,000 Mark geschenkt. Hierbei ist die Bestimmung getroffen, daß die Zinsen dieser Summe alljährlich unter bedürftige Israeliten der drei genannten Gemeinden am Neujahrstag vertheilt werden sollen! — Der bayrische Frauenverein unter dem rothen Kreuz, Kreisausschuß für Unterfranken und Aschaffenburg, sandte an Herrn Distriktsrabbiner Bamberger in Würzburg zur Unterstützung der aus Rußband vertriebenen Israeliten den Betrag von 200 Mk. aus der Vereinskasse, mit dem Ausdruck des tiefsten Abscheus über die unmenschlichen Maßnahmen gegen die hilflosen Betroffenen. — In Wien richteten am 19. Juni Abgeordneter Dötz und Genossen eine Interpellation an den Justizminister mit Berufung auf die jüngst erfolgte Gründung des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus". In der autonomen orthodox-israelitischen Gemeindesynagoge zu Budapest vollzog sich jüngst beim Frühgottesdienst eine schöne Feier. Die Gattin des uusgewiesenen russischen Flüchtlings Markus Feingold genas, auf der Reise nach Budapest begriffen, eines Knaben; die Ceremoni'e der Aufnahme des neuen heimathlosen Weltbürgers in den jüdischen Bund wurde nun in der oben genannten Synagoge vorgenommen. Als Gevatter fungirte Rabbiner Kopl Reich. — Aus Bud apest wird uns geschrieben: Herr H. S. Davitcho, der bisherige serbische Konsul in Budapest, welcher zum Staatssekretär im serbischen Ministerium des Aeußern befördert wurde, hat vor einigen Tagen seine ehrenvolle Stelle in Belgrad angetreten. — Für das nächste Studienjahr wurde zum keetor Magnificus der Universität Czernowitz der Professor der Chemie Dr. Richard Przibram gewählt. Es ist dies unseres Wissens der erste Jude, der ein solches Amt in Oesterreich bekleidet. — Nach einer uns aus Konstantinopel zugehenden Meldung begegnen die Bemühungen des englischen Botschafters Sir W. White in Angelegenheit der Ansiedelung der aus Rußland ausgewiesenen Juden in Palästina bisher den größten Schwierigkeiten, so daß zur Zeit nur sehr geringe Aussicht auf Verwirklichung dieses Projektes vorhanden sei. — Aus Salonicht wird gemeldet: Eine 25 Mann starke Brigantenbande schleppte einen reichen jüdischen Kaufmann, Juda Jakoel, aus seinem Hause in Gomendfche fort und verlangt 5000 Pfund Lösegeld. — Verschiedene jüdische Familien, welche vor Kurzem aus Corfu auswanderten. sollen, nachdem die Unruhen aufgehört haben, nach Corfu zurückgekehrt sein. *— In New-Uork erfolgte vor Kurzem die Gründung einer Gesellschaft zum Ankäufe großer Ländereien in Palästina. Es sind 500 Antheile in Aussicht genommen, ein Antheil tpird durch fünfjährige Einzahlung a 40 Dollars erworben. Da jede Woche neue Mitglieder von hier, Philadelphia, Baltimore, Chicago u. f. w. bringt, von denen Manche mehrere Antheile nehmen, so ist zu erwarten, daß in einigen Monaten die Zahl 500 erreicht sein wird. — Unter den Ausgewanderten in Brasilien herrscht großes Elend. Der von Bahia in Bremen ankommende Lloyddampfer „Köln brachte 200 Russen mit, welche in Brasilien dem Verhungern nahe waren. — Das russische Schiff Tsychatsew erlitt zwei Stunden vor Jaffa Schisfbruch. Alle Passagiere, die zum großen Theile einwandernde russische Juden waren, wurden gerettet. Druck und Verlag von Rudolf Mofse jn Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.

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