Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1891)
- Date
- 1891-07-03
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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GMOMMM-L 55. Sohrjang. «lt. 27, «erlm, 3. 3nlU891 WeiLage zur „Allgemeinen Zeitung des IuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. tD Beettu. 28. Juni. Vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebund liegen die „Mittheilungen" Nr. 30 vor. welche den Rechenschaftsbericht über das Geschäftsjahr 1890/1 enthalten. Dieselben lassen einen Fortschritt der Bundessache nach jeder Richtung hin etfeniien — ein rühmliches Zeichen nicht nur für die Thätigkeit des Ausschusses, sondern auch für den wachsenden Einheitssinn der deutschen Judenheit. Im Einzelnen sei Folgendes angeführt: Die Einnahmen beliefen sich auf 80,366 Mk., darunter gegen 11,600 Mk. an Jahresbeiträgen und 5600 Mk. Zinsen. Die Beiträge der ordentlichen Mitglieder (Gemeinden) sind gegen das Vorjahr um ca. 400 Mk. gewachsen. Im Ganzen zählte der Bund am l. April 510 Gemeinden mit. Beiträgen zwischen 600 und 2 Mk. Die Zahl der persönlichen Mitglieder und Spender iü in erfreulicher Weise gestiegen, nämlich von 357 auf 493. — An einmaligen Zuwendungen ist besonders zu verzeichnen ein Legat des Herrn Hermann Hirsch in Berlin in Höhe von 2000 Mk. Die vertragsmäßigen Zuwendungen, die der Bund seitens der Versicherungsgesellschaft „Victoria" erhalten hat, beliefen sich auf 28,187 57 Mk. <-h 3048 Mk. gegen das Vorjahr). Nur die Einnahmen für Zwecke des Religionsunterrichts sind in diesem Jahre spärlich geflossen, was um so bedauerlicher ist, als gerade dieser Zweig der Thätigkeit des Gemeindebundes von Jahr zu Jahr sich steigernde Ausgaben erfordert. Bei den Einnahmen für „Handwerk und technische Gewerbe" ist besonders der Ertrag der Sammlung hervorzuheben, durch welche gelegentlich des 70. Geburtstages des Herrn Geheimrath Dr. Samuel Kristeller dem Gemeindebund eine neue Stiftung überwiesen worden ist. Die Sammlung ergab 13,731.83 Mk. und vermehrte sich durch spätere Zuwendungen bis auf den im Bericht angegebenen Betrag von 14,622.23 Mk. Für die Verwaltung wurden im Geschäftsjahr 1890.1 im Ganzen 2385.07 Mk. verausgabt, wovon den größten Theil (1339.12 Mk.) die Kosten für Porto und Inkasso ansmachen. Die Summe von 818.40 Mk.^ ist für den Druck der „Mittheilungen", sowie für eine umfangreiche Propaganda zu Gunsten der Ausbreitung des Bundes verwandt worden. Für Religionsunterricht konnten 6646.75 Mk. (1675.65 Mk. mehr als im Vorjahr) verausgabt werden. 10 Lehrervereine erhielten zu ihren Jahreskonferenzen Zuschüsse. Für Herstellung von Religionsunterricht in kleinen Gemeinden wurden 3925.85 Mk. verwandt. Aus der Herxheimer-Stiftnng sind 25 Seminaristen unterstützt worden. Die Friedrich-Wilhelm-Victoria-Stiftung hat an Prämien für 420 versicherte Beamten 13,774.68 Mk. zu zahlen. Das Versicherungskapital für die genannten Beamten beträgt 1,603,800 Mk., der Antheil, welchen die Stiftung versichert hat, 386,000 Mk. Unter den Kosten für Bibliothek (666.33 Mk.) befinden sich wiederum Ausgaben für Anschaffung von Duplikatsexemplaren, welche zur Ausstattung von Gemeinde- und Schulbibliotheken dienen sollen Der Bund hat bis jetzt neun solcher Bibliotheken theils selbst begründet, theils durch regelmäßige Zuwendungen von Büchern und Broschüren bereichert Die Abtheilung für Handwerk hat an 31 Lehrlinge Stipendien im Gesammtbetrage von 1801 Mk., an 3 Zahntechniker, 2 Polytechniker und 1 Kunstschüler solche im Gesammtbetrage von 586 Mk. gezahlt. Ferner sind zu erwähnen die Ausgaben für Krankenpflege (Ausbildungskosten für Pflegerinnen), die Beiträge zu den Erziehungskosten verwahrloster Kinder, sowie die Zuwendungen an Vereine für Armenpflege mannigfacher Art. Das Gesammtvermögen belief sich am Schluß des Rechnungsjahres auf 156,090.01Mk. Hiervon gehören den angegebenen Stiftungen l44,359.85Mk., sodaß für allgemeine Zwecke des Gemeindebundes ein Vermögen von 11,730.16 Mk. vorhanden ist, wovon 3340 Mk. zum eisernen Fonds gehören. Das ist allerdings eine für die Repräsentanz der jüdischen Gemeinden Deutschlands überaus geringe Summe. Mögen unsere wohlhabenden Glaubensgenossen zu der Einsicht gelangen, daß die würdige Ausstattung unserer deutsch-israelitischen Centrale nicht nur Sache der Gemeinden sein kann, sondern, daß auch die private Opferwilligkeit durch laufende, wie durch einmalige Beiträge hier helfend ejngreifen muß. Mögen sie an England, Frankreich und Oesterreich sich hierin ein Beispiel nehmen und nicht vergessen, daß die Würde der deutschen Gesammtjudenheit sich zu allererst in dem Ansehen der freiwillig von ihr ein* gefetzten Centralleitung wiederspiegelt. X. Berlin, 29. Juni. 3u der gestrigen Sitzung der Repräsentanten Versammlung wurde nach Erledigung einiger kleinerer Vorlagen die Beschlußfassung über den Kultus in der Lindenstraßensynagoge dahin getroffen, daß derselbe demjenigen in der „Neuen Synagoge" analog sein, vielleicht der deutschen Sprache iu der Liturgie noch ein größerer Platz eingeräumt werden solle. Eine sehr heftige Debatte entspann sich bei der Bernthung über eine Eingabe des Direktors der Gemeindeknabenschule, Rasenstücke des alten Friedhofes in der Großen Hamburgerstraße als Spielplatz für die Schüler der Anstalt zu überlassen. Der Vorstand verhielt sich diesem Gesuche gegenüber zustimmend. Dagegen bat der Referent,Herr Heilmann, die Versammlung, im Namen der Kommission eine Ablehnung zu votiren. Essei unschicklich, führte Redner als Motive an, daß Spielplatz und Friedhof so eng an einander grenzten, daß der Lärm und das Toben der Knaben die Ruhe der Todten oder vielmehr den Schmerz der die Gräber Besuchenden störten. Außerdem befänden sich noch siebenzehn Gräber auf dem Stücke, das abgetreten werden müßte. Es zeuge von einem Mangel an Pietät, wenn man zuließe, daß Knaben über Gräbern spielend umhertummelten. Gegenüber diesem und andern Rednern führte der Kommissar des Vorstandes zunächst aus, daß die Ruhestörung durch Errichtung eines Zaunes leicht gehoben werden könne. 1827 habe die letzte Beerdigung auf dem Friedhof stattgefunden. Gräber seien auf dem abzutretenden Rasenstücke nicht sichtbar. Ob Ueberreste von Leichen tief unten sich befänden, könne Niemand behaupten. Leichensteine wären auch auf dem heutigen Schulhofe gefunden worden; trotzdem hätten die Vorgänger des Vorstandes und der Nepräsentanten-Versammlung, die doch ebenso pietätsvoll, wie die Herren jetzt, gewesen wären, kein Bedenken getragen, Bauten vornehmen zu lassen. Bewegung thue der Schuljugend Noth. Herr Rabbiner Dr. May bäum habe sein Gutachten in bejahendem Sinne abgegeben. Von den Rednern, die f ü r die Bewilligung der Rasenfläche waren, führte einer als Autorität Herrn Prof. Steinthal an, der die Ansicht kundgegeben habe, daß man nicht nur, wenn es zweifelhaft sei, ob Gräber auf dem Platze sich befänden, sondern selbst, wenn dies ganz gewiß wäre, trotzdem kein Bedenken zu tragen habe, der Jugend den Spielplatz zu gewähren. Zur Entscheidung kam es nicht; vielmehr wurde ein Antrag des Herrn Löwenberg angenommen, die Angelegenheit zu vertagen, bis eine Kommission durch Augenschein sich davon überzeugt, ob das Rasenstück, das der Vorstand abzutreten gedenkt, Gräber enthalte. Berlin, 29. Juni. Vor einem überaus zahlreichen Publikum, welches zum größten Theil aus Damen bestand, hielt Herr Rabbiner Dr. Maybaum gestern in der neuen Synagoge die Konfirmationsfeier ab. Es hatten sich 24 Mädchen zu derselben gemeldet. Nachdem der Chor unter Orgelbegleitung ein Lied abgesungen, hielt Herr Dr. Maybaum die Ansprache an die Konfirmandinnen, in welcher er sie auf die Bedeutung des Momentes hinwies und ermahnte, die frommen Lehren des Religionsunterrichts nunmehr im Leben zu bethätigen. Hieran schlossen sich die Ansprachen zweier Mädchen, deren eine den Gefühlen, welche sie und ihre Genossinnen in diesem feierlichen Momente erfüllten, Ausdruck gab, während die Andere im Namen aller Konfirmandinnen das heilige Gelöbniß der Glaubenstreue ablegte. Auf die Aufforderung des Herrn Dr. Maybaum, verkündigten nunmehr die Mädchen die Sinnsprüche, welche sie sich für das Leben gewählt hätten, um hierauf vom Rabbiner den Segen der Religion zu empfangen. Nach Absingung eines zweiten Chorliedes schloß die erhebende Feier. O Berlin, 30. Juni. Zum Chordirigenten der Synagoge in der Lindenstraße ist nunmehr endgiltig Herr William Wolf, zum Organisten Herr Deckert gewählt worden. An Stelle des verstorbenen Lehrers Lewinski ist Herr Dr. Samter aus Wolfenbüttel zum Lehrer an der jüdischen Gemeinde-Knabenschule berufen worden.