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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-07-03 · Heft 27 (3.7.1891) · p. Seite 324

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 27 (3.7.1891)
Date
1891-07-03
Page
Seite 324 (sequence 12)
Language
German
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V •I An einem Winterabend stand sie vor dem Musikvereinshause. Ein Ball sollte soeben beginnen. Wagen um Wagen langten an — Alles strahlend in Putz, in Frohsinn, und diese berauschenden, schönen; Töne eines Jvanovicischen Walzers, dieser feine Dust, der ihr entgegenströmte! Sie beachtete Niemand — sie, das Mädchen aus der Schulgaß'! . . . Auch hier brachte man ihr Verachtung entgegen — o, wie mußte sie auch diese Haffen — warum ihnen, nur ihnen Alles? Hatte sie nicht mehr Herz als Alle? Und frierend und weinend stand sie an diesem Winterabend, und sie gelobte sich hoch und heilig, sich aus ihrer Umgebung zu befreien und wenn sie einen Gewaltstreich vollführen müßte. ... Wohl hatte auch sie — wenn nur selten, selten — Stunden des stillen Glückes. Wenn die kranke Mutter am Abend einschlief und sie allein, ungestört sein konnte, wenn sie das Fenster öffnen durfte und, die linde, frische Frühlingsluft herein strich, und der Mond Alles verklärte, Zauberwelten um sie schuf — dann vergaß sie Alles, Alles, dann wurde ihr so wohl und so selig ums Herz. . . . Dann sang sie vor sich hin, als ob sie bete, das kleine süße Lied: ' „Leise zieht durch mein Gemüth ..." In diesen Momenten war sie wie bezaubert. Sie fühlte, wie^ sich ihre Flüge! regten. Sic wollte etwas Gutes, etwas Schönes; vollbringen, sie hätte ihr ganzes Herz hingeben können für ein Fünkchen Liebe, für ein gutes Wort. Dann war es kein kleines ödes Zimmerchen, das sie umgab, sondern ein Feenpalast voll Glück und Wonne. Sie, eilte dann hinaus, voll Stolz, voll innerer Glückseligkeit, das Haupt emporgerichtet — eine herrliche, schöne Mädchenblüthe. Was kümmerte - sie all das Zischeln und Spötteln der Leute um sie . . . sie fühlte sich hoch und erhaben über all das Kleinliche! ... Wenn sie dann nach Hause kam und wieder bittere Scheltworte j hören mußte von ihrem Vater — über ihr ungeziemendes Benehmen, daß sie so „unjüdisch" sei und in das Gerede der Leute komme; dann zerfiel Alles um sie, dann weinte sie in ihrem Kämmerlein bittere Thränen der Wuth, der Empörung! Einmal kam es, daß sie aufbrauste: „Ihr werdet mich noch zu einer Verzweiflungsthat bringen! Wem habe ich Schlechtes gethan? Wollet Ihr mir auch verbieten zu athmen, zu leben? Bin ich Euch , mehr als eine Sklavin, ein Dienstmädchen, das nur so lange Euch gut bleibt, so lange es für Eure Bequemlichkeit, Euer Wohlleben Kraft und Jugend hingiebt? Was kümmern mich all die Leute? Ich scheue Niemanden, weil ich recht thue!" „Wo hast Du all' die weisen Worte gelernt, honigsüßes Täubchen," rief ihr Vater keuchend vor Wuth, „aus diesen unheiligen, sündigen Büchern vielleicht, mit denen Du die Zeit todtschlägst? Na, so will ich Dir zeigen, wie ich mir zu helfen weiß, und wehe Dir, mißrathenes Kind, wenn Du nicht das wirst, was ich aus Dir machen will: ein braves, jüdisches Weib nämlich. Das Mädel wird noch Schande über mein Haupt bringen — o!" Mit erhobener Faust lief er hin und er zerriß ihre theuern Bücher. Sie stand zitternh, schluchzend da, sie konnte kein Wort hervor-, dringen. Ihr zur Seite stand ihr Bruder, innerlich vergnügt über die Demüthigung, die ihr zu Theil geworden; mit einem, empörenden Lächeln auf den Lippen. O und ihr stand Niemand bei! Wohl suchte die blaffe, kranke Mutter Alle zu beschwichtigen, ihr wurde vom Gatten das Wort abgeschnitten: „Schwelg! Auch Du noch. Du, Du mit Deiner dummen Güte. Hast schon genug verdorben in Deinem Leben, brauchst mir nicht auch das Mädel zu verderben durch Deine „Nachsicht". Als der Vater wegging, überhäufte die Mutter sie mit Koseworten, küßte sie, beschwor sie, nicht traurig zu sein, es werde noch Alles gut werden, Gott müßte sich ja erbarmen. Anna fühlte sich doch innerlich nicht beschwichtigt, mit tiefem Erschrecken sah sie die Kluft, die sie von ihren Eltern trennte. Eine Furcht überkam sie vor dem, was noch kommen konnte, vielleicht noch kommen Mißte . . . Trüb brannte die Lampe, ächzend lind stöhnend schlief die Mutter ein. Ein Sturm erhob sich draußen, er rüttelte an den Fenstern, er klang wie der Aufschrei eines empörten Herzens. . . Anna lehnte sich an den Nand des Bettes, gequält von düstern Vorstellungen schlief auch sie ein . . . Und über allen Zimmergegenständen brütete der Geist des Unfriedens. Tage, Wochen vergingen. Eines Tages, als Anna bei einer Arbeit beschäftigt war, trat ein Herr ein — eine vornehme Gestalt, christlich-polnischer Typus — der nach ihrem Vater fragte. Der war nicht zu Hause, so bat sie ihn einige Momente zu warten. Leicht wurde ein Gespräch angeknüpft. Er hatte ein einschnieichelndes Organ. Welche lieben Worte wußte er ihr zu sagen. Er war Concipient bei einem Advokaten, er hatte soeben seine Studien beendet in der Hauptstadt unter Kainpf und Noch. Er erzählte ihr von dem Leben in der großen Welt, von seinen Zukunftsplänen. Sie hörte ihm zu mit wachsendem Interesse. Er gefiel ihr. Welche feine Ausdrucksweise, welche vornehme Bewegungen. Sie fühlte sich geschmeichelt, daß er sie einer längeren Unterhaltung würdigte. Wann war ihr dies geschehen! Auch ihm schien das Mädchen zu gefallen, ihre Naivität, ihre Schüchternheit zogen ihn an. Als er wegging, mußte sie lange, lange an ihn denken. Sie verglich ihn mit all den jungen Leuten ihrer Umgebung — wie hoch stand er vor ihr da. Einige Tage später kam er wieder. Er verhandelte lange mit ihrem Vater. Als er wegging, lächelte er ihr einen fteundlichen Gruß zu. (Schluß folgt.) * Fitterarische Mittheilungen. '= Herr Prof. Dr. August Wünsche, der rühmlichst bekannte Herausgeber der Bibliotheca Rabbinica, ist gegenwärtig mit der Uebersehung des Midrasch Tehillim beschäftigt. Der Druck hat bereits begonnen, so daß die Ausgabe voraussichtlich zum Herbst erfolgen kann. — Das Juliheft der von Paul Lindau herausgegebenen, in Breslau, Schlesische Buchdruckerei, Kunst- und Verlags-Anstalt vorm. S. Schottlaender, erscheineuden Monatsschrift „Nord und Süd" ist mit dem Bilde Julius Rodenbergs geschmückt, der in diesen Tagen seinen 60. Geburtstag feiert. Ludwig Ziemssen widmet dem Dichter eine eingehende warme Würdigung seines geistigen Schaffens. — Julius Grosse in Weimar veröffentlicht eine spannende Novelle „Das Gespenst". — Hans Blum in Leipzig weist mit wuchtigen Hieben die Angriffe zurück, die Graf Hübner in seinem Tagebuche aus dem Jahre 1848 gegen den edlen Robert Blum macht. — Professor Lothar Meyer in Tübingen erörtert das sehr zeitgemäße Thema von der Vorbildung der Studirenden. — Rudolf von Gottschall in Leipzig bringt werthvolle Erinnerungen an den leider so früh verstorbenen Dichter Spiller von Hauenschild (Max Waldau). — Der Amtsrichter Schwartz bietet den ersten Theil einer ausgezeichneten Abhandlung über den berühmten Vater des preußischen Rechts Karl Gottlieb Svarez. — Paul Lindau schildert in lebhaften Farben die Hauptstadt Mexiko, in der er sich auf seiner großen amerikanischen Reise mehrere Wochen aufgehalten hat. — Reichhaltige bibliographische Notizen btlbeu wie immer den Schluß des Heftes. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für dre Redaktion: Mar Bauckwiß in Berlin.

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