Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1891)
- Date
- 1891-07-03
- Page
- Seite 323 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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WWWWWWWW Rüü 323 VrV > Thore sie für die neuen Ruhesucher schon lange geschlossen, damals als die Cholera so viele Menschenleben zerstampft — dieser romantische Ort mitten in der Oede, mit seinen gigantischen Bäumen, die dunkel und mächtig in den Himmel starren, diese eingesunkenen, gebeugten Grabdenkmale — hier kannst du vernehmen die Sprache der Vergänglichkeit, eitles, närrisches Herz!— Dennoch webt auch hier Poesie ihren Blumenkranz, auch hier ist der Frühling ein Lichtbringer, auch hier giebt's ein Blühen und Weben, und froher Kinder Lachen kannst du hier vernehmen. Auch hier giebt's Taubenflug, Vogelgezwitscher — dennoch, es fällt so schwer, so unendlich schwer, das Lachen hier zu erlernen. Dennoch giebt's hier zwei Häuser, die ich so gern immer und immer wieder betrachte, weil es mir so warm ums Herz wird. Das eine ist das jüdische Krankenhaus. Hier wohnt das Erbarmen. Es überkommt mich immer stille Rührung, wenn ich all die blassen und doch hoffnungsdurchsonnten. genesungsfrohen Gesichter sehe, die sich nach schweren Leiden wieder zur Gesundung durchringen. Wie sie die Fenster öffnen und die Frühlingsluft jetzt hereinwehen laffen, wie sich ihr Auge satt trinkt an all dem Herrlichen, das die Natur nun bietet! Da das arme, bleiche Kind, wie es dem Flug der Vögel nachschaut und dabei so herzhaft lacht, als gäbe es keine Sorgen mehr und keinen Hunger — dort das schlanke, arme Mädchen, das sich, schwach und kraftlos noch, an den Baum im Hofraume lehnt und mit träumerischen, frommen Augen, die Hände gefaltet, ins Weite hinaus schaut, als wolle es ein Wunder erspähen — vielleicht den, den sie lange schon so hoffnungslos liebt und nun darüber krank geworden, krank, um vielleicht nie mehr ganz zu gesunden — welch ein ergreifender Anblick! . . . Und nun doch zuzusehen, mit welch liebevoller Hast sich hier Menschenhände regen, um zu helfen und zu lindern, auch da, wo es nichts mehr zu lindern giebt, als das Weh Verwaister und Verlassener — welch ein erhebender Anblick! . . . Das sind die Lichtpunkte der „Schulgaß'" — sonst ist es trüb und unsagbar herzbeklemmend an diesem Orte, wo nur das Elend seine Lagerstätten aufschlägt. Aber an einem Tage in der langen Woche der Mühsal und Beladcnheit ist es lichtvoll an diesem Orte. Wenn du herannahst,heiliger, ruhebringenderSabbath—geschmückt und reizend wie eine Braut, wenn aus tausend Kehlen weihevoll das „Lechu daudi“ im Choral ertönt: welch ein Gnadenbringer bist du dann, wie weißt du auch starres Weh, wenn auch nur für Stunden, zu lindern... Es ist ein seltsames Leuchten dann in all' diesen Gesichtern — cs geschieht ihnen Wunderbares, Unsagbares ... es überkommt sie ein Seclcnjauchzcn ... Und in diesen Momenten wußte ich, warum ihr nicht untcrgingct, Söhne Judas, trotz Roth und Unterdrückung.... Es giebt hier seltsame Lebewesen in der „Schulgaß"'. Für den Psychologen giebt's da weite, weite Gebiete. Sie haben alle ihre „Lebensgeschichte" — meist ist es stille Tragik, die sie mit herumtragen, meist haftet ihnen aber auch jene Komik an, bei der uns doch die Augen übergehen müffcn . . . Manche tragen mit starrem Trotz ihr Schicksal; sie sind nicht gebeugt — aber sie können nie lächeln; ihr Herz ist verstcint ... Sie sind herb und rücksichtslos — was sie sprechen, ist Gift und Galle. Blanche sind ganz gebeugt vom Schicksal — es ist dies traurig: diesen Menschen ist nicht zu helfen, und wenn du sie mit noch so mächtigen Armen stützest, sie fallen doch um beim leisesten Windhauch . . . Manchen wieder hat herbe Roth die Seele gesänftigt; was sie nicht s i ch sein konnten — das wollen sie Anderen sein. Ein Lächeln, sanft und resignirt, umschwebt stets ihr Antlitz. Sie haben verzichten gelernt; sie wollen nichts mehr für sich — Alles für die Anderen. Sie effen mit vergnügtem Lächeln trockenes Brod, wenn sie nur Andere mit Speise laben konnten. . . . Ich kenne euch — Alle, Alle ... Ich lächle nicht, weil ich euch begreife, weil ich weiß, daß ihr so werden mußtet . . . Euer Leben werde ich später einmal zu schildern versuchen. Jetzt will ich „ihre" Lebensgeschichte erzählen. * . * * Es sind noch immer Spuren einstiger Schönheit an ihr, obgleich sie noch jetzt schön sein könnte. Sie ist noch jung trotz ihrer ergrauten Haare — aber schon so gebrochen und zerknittert. Doch ist noch in ihren Augen stille Hoheit, in diesen Augen, die so viel, so viel geweint. Jetzt hat sie es verlernt. Ist sie doch nur ein Schatten von dem, was sie gewesen. Ein Schatten! So gleitet sie durch die Gassen und Gäßchen der „Schulgaß'". Sie scheint stets etwas zu suchen, etwas, das sie nun schon lange verloren ... ihr ganzes Glück, den süßen Traum einer rasch verflohenen Jugend ... Sie ist die Zielscheibe jugendlichen Spottes ui' der „Gasse" . . . „die Meschumedes" (Abtrünnige). Und dennoch ist sie dem Glauben ihrer Väter nie im Herzen untreu geworden. Hätte sie es doch gekonnt! Wenn sie doch Alles hätte weggeworfen, wie man ein unbequemes Kleid wegwirft, wie ein schweres Gewicht, das uns am Gehen hindert. Sie aber trug Alles mit sich, was sie ererbt, was ihrer jungen Seele einst eingepflanzt wurde. Selbst die Liebe hatte dies Alles nicht überwinden und todtmachen können, es folgte ihr wie ein Schatten, wie sie auch dagegen zu kämpfen versucht... es verschlang sie, diese verwundende Sehnsucht nach dem, was sie gewesen . . . Was war sie für eine herrliche Mädchenknospe gewesen. Sie war die schönste in der Gaffe, sie war der ewige Frühling ihres Elternhauses. Wohl hatte sie keine frohe Jugend verlebt. Es siel ihr schwer, all das zu entbehren, was ein Kind strenggläubiger Eltern entbehren muß Wie oft hatte sie heimlich geweint! Alles durfte sie nicht — das frische, warmblütige Leben draußen — ihr mußte es verschloffen bleiben, wie sie sich auch darnach sehnte und sehnte. So eingeengt und eingezwängt durch engherzige fanatische Verbiffcnheit ihrer ganzen Umgebung — bohrte sich ein stiller Haß dagegen in ihre Seele. Nie durste sie frei hinaus in die frische, belebende Natur, zu tollen und sich auszujauchzen, wie es die Jugend will; sie durfte nicht all die Bücher lesen, die ihr eine zweite Welt gaben — den Heine und den Spielhagen —, sie wurde deswegen verlacht, verachtet. Nur in unbewachten Stunden stürzte sie sich über all die theurcn, arg zcrlesenen Bücher mit fieberhafter Leidenschaft — und dann fühlte sie sich um so unglücklicher. Die Sehnsucht nach Liebe, Luft und Leben wuchs und wuchs in ihr, und sie drohte ihr armes junges Herz zu sprengen. . . . Wie haßte sie ihr trauriges, ödes Heim, all die Folianten mit ihrer überlebten Weisheit — grau, wie das Papier, auf dem sie gedruckt ist. Der Talmud war ihr ein böser Dämon, ein Kerkermeister — herzlos, erbarmungslos. Und diese Menschen ringsum, die nichts mehr wissen, als das Beten und das „Geschäft". Uno dieser herbe, gemüthlose Vater, der nie ein Wort der Liebe für sie hatte, diese arme, schon so lange leidende kranke Mutter, an die sie sich ketten mußte, dieser ganz verdummte Bruder/ der nichts mehr wußte, als sie gering zu schätzen, sie als untergeordnetes Geschöpf zu betrachten — überall das Häßliche, Kleine um sie, nirgends ein Fünkchen Schönheit ... o, und draußen das herrliche, schöne Leben, und dabei verwelken zu müssen, wie eine Pflanze in immerwährendem Schatten, wie furchtbar! . . . Wie oft schlich sic sich hinaus in die vornehmeren Viertel der Stadt — dorthin, wo diejenigen wohnten, die zechen durften an der Tafel des Lebens. Wie reizend, wie vornehm waren jene Mädchen, wje durftem sie die Freiheit genießen und das Leben.