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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-07-03 · Heft 27 (3.7.1891) · p. Seite 322

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 27 (3.7.1891)
Date
1891-07-03
Page
Seite 322 (sequence 10)
Language
German
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S22 schon zu Anfang des Gebets erwähnt wurde, hätte herabführen sollen, läßt uns im Stich, und ein Stück ganz anderen Inhalts beginnt, das aber auch in Gebetsform abgefaßt ist. Nur der Weisheit, die Salomo's und unsres Buches Grundthema ist, wird mit keiner Silbe mehr gedacht. Soll die durch neun Kapitel sich fortsetzende Besprechung der ägyptischen Auszugswunder nach echter Midraschart die Fortsetzung des salomonischen Gebets der Weisheit sein? Dann ist der weise Salomo ganz aus dem Konzept gekommen. Die Weisheit der letzten neun Kapitel, die strengste Strafgerechtigkeit — Middah k’neged middah — und schonungslose Verdammung der Heidenwelt predigt, bildet den größtmöglichen Kontrast gegen die platonischkosmopolitische Weisheit der vorhergehenden Kapitel. Und was ist denn aus dem betenden Salomo (8, 21) geworden? Der hat sich in den Wolken verloren oder ist mit dem Manna, mit dem das Gebet schließt (19, 21), vom Himmel auf die Erde gefallen. Nein. Die letzten neun Kapitel, vom 2. Vers des 11. angefangen, bilden ein für sich bestehendes Bruchstück einer alten Pesach- Hagada, die ein geschickter Uebersetzer an das unvollständig erhaltene Buch der Weisheit Salomo's, durch den gleichen Inhalt der Stücke verleitet, angereiht hat! Und zwar bilden die ersten vier Kapitel unsres Fragments nicht etwa, wie man gemeint hat, einen bloßen Warnruf an die Götzendiener des damaligen (alexandrinischen) Aegyptens, sondern einen midraschischen Kommentar auf die Plagen der alten Aegypter, basirt auf dem Grundtext: YT( (Exodus 18, 11) der der ganzen Ur-Hagada, wenn ich die vorpharisäische Hagada so nennen darf (siehe Sota 11 u. s. w.), den Leitfaden geboten hat. Die Heiden, die die sieben oder sechs noahidischen Urgebote nicht halten, müssten zn Grunde gehen. So schließt Kapitel 14. Kapitel 15 und das Folgende ist eine Paraphrase des Hallelpsalms (Ps. 115). Ich übergehe die echt efläisch gefärbten Schilderungen des Mannawunders, wie des von den Esiäern besonders heilig gehaltenen Heilssymbols, der Mosesschlange, deren Heilkraft im „Wort Gottes" besteht! (Siehe Kapitel 16.) Ich eile zum 18. Kapitel, das mir den Schlüssel zur Erklärung des ganzen Fragments darbot. Nach der Beschreibung des Lichts, das „die Heiligen Gottes" inmitten ägyptischer Finstcrniß sahen, weil die Thora ihnen Ora Licht gab, erwähnt die Esiäer-Hagada in wenig Worten die letzte der zehn Plagen, das Sterben der Erstgeborenen, als Himmelsstrafe für die Ertränkung der Jsraelsknäblein und fährt dann fort: „Jene Nacht wurde unsren Vätern vorher kundgethan, damit sie, wohl wissend, welchen Eidschwüren sie vertrauten, frohen Muthes seien. So erwartete dein Volk die Rettung der Gerechten, wie die Vernichtung der Feinde. Denn mit demselben Mittel, mit dem unsre Gegner heimgesucht, hast du uns deine Erwählten hoch erhoben." Im Stillen nämlich (man denkt hier wirklich an den Namen der Stillen Lhasaim: daehasai) feierten die Heiligen Kinder der Frommen ihr Opfermahl und traten einmüthig ein in den Bund der Heiligkeit, „damit sie im Glück wie in Gefahren treu Alles miteinander theilen, nachdem sie die heiligen Gesänge der Väter miteinander angestimmt haben." Es ist überflüssig, die essäischen Auslegungen des Ahronidischen Priesterschmncks und des Heileswunders durch Räucherwerk weiter zu verfolgen. Der citirte 9. Vers des 18. Kapitels hat nur Sinn, wenn wir an die um das Festesmahl am Pesach-Abend versammelten Essäer, wie sie sich in Lobhymnen des Erlösers ergehen, denken. Welche Bedeutung im Kreis der Esiäer das Pesachmahl gehabt hat, läßt sich aus dem christlichen Abendmahl nur theilweise erschließen. Mehr Licht fällt auf die Pesachfeier der Esiäer, wenn das pseudophilonische Buch über die Therapeuten — gegenüber dem jetzigen Stand der Kritik, die dasselbe zur bloßen christlichen Erdichtung stempelt, obgleich keine Spur christlichen Denkens darin zu finden! — auf seinen geschichtlichen Gehalt näher geprüft werden wird. Ich kann mich, je öfter ich es lese, des Eindrucks nicht erwehren, daß eine efläische Pesach- und Pentekostfeier darin beschrieben wird, was auch für fremde, ägyptische oder nabatäische Elemente sich in die von Plinius geschilderte Sekte am rothen Meer oder ins alexandrinische Effäerthum eingedrängt haben mögen. So viel steht fest, unsre auf rabbinische Tradition allein sich spreizenden Geschichtsschreiber haben sich die Aufgabe der Erforschung unsrer Vergangenheit etwas zu leicht gestellt. Die Apokryphen oder die heilige Litteratur der Esiäer verlangen größere Beachtung vom künftigen Geschichtsschreiber des Judenthums und — der Kirche. U FEUILLETON Anna. Aus dem galizischen Ghetto. Von Hermann Menkes. Die „Schulgaß'" in Brody ist ein ganz eigener Winkel in dieser galizischen Stadt. Diese krummen, bandwurmartig hin laufenden Gäßchen, wohin die Sonne nie so recht hineinleuchten will, weil es so trüb und dunkel ist in den Herzen derer, die sie bewohnen; dieser fußhoch dalicgende Koth und Schmutz, diese schier eingesunkenen Häuschen, altersschwach, primitiv, gebückt, mit ihren trüb angehauchten Fensterscheiben, die nicht immer echte Scheiben sind, sondern Nothscheiben aus Papier — welch eine unheimliche Patina des Elends hat die Zeit über Alles hingehaucht! Bunt zusammengewürfelt wie die Häuschen sind auch die Menschen, die sie bewohnen, bunt an Charakter, an Mißwuchs, verschieden an Leidenschaft, an Kleinheit und stiller Größe. Ein trüber, unsäglich trüber Winkel — ja! Darum bauten sie da diese grandiosen, formlosen Synagogen, diese Zufluchtsstätten ihrer gekrümmten Herzen, ihrer wehen Seelen, ihres unerschütterlichen Glaubens. Denn wenn das Leben sie gebeugt und eingeengt hat, wenn es ihnen nur ein hartes Lager und das Brod des Elends giebt — hier, in diesen Domen des Glaubens und Höffens wollen sie frei sein, wollen sie Licht und Sonne. Ach, es ist unsagbar, was diese» Menschen das Gotteshaus ist! Denn hier sind sie noch das freie, das auserwählte Volk, hier dürfen sie ungehöhnt jubeln und weinen, jene heißen Thränen weinen, wie einst an den Bächen Babels, da sie ihre Harfen an die Trauerweiden hingen und jenen ergreifenden Schwur thaten: „Wenn ich dein vergesie, o Jerusalem, dann werde lahm, du meine Rechte!" Da lösen sich ihre Herzen, da werden sie Menschen. Gesegneter Ort! Nur da sind sie ganze Menschen, nur da erwacht der wahre, große Gott in ihren Seelen. Und sonst? Es ist ein trübes Feuer das sie verzehrt Wehe, wenn es hervorbricht, dieses unheimliche Feuer des Fanatismus, des blinden Wahns. ... Sie wisien nicht, was sie thun; und wir, die wir ja auch Menschen sind mit armen, irrenden Herzen, wir wollen ihnen verzeihen, nicht aber verzeiht es ihnen die Gerechtigkeit, die Kultur, das Entwicklungsgesetz. . . . Darum sind ihre Rücken so sehr gebeugt — die Vergeltung schlug sie mit rücksichtsloser Faust, und — ach! — nicht nur die Vergeltung!.. Es ist ein seltsamer Winkel. Es ist ganz eigen hier. So schwermüthig sieht sich Alles hier an. Der alte „gute Ort" zunächst, desicn

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