Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1891)
- Date
- 1891-07-03
- Page
- Seite 321 (sequence 9)
- Language
- German
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321 Die alte Frau, erzählt Hensel, schien unversöhnlich, aber sie liebte Musik, und als einst ihr ältestes Enkelkind Fanny, die Schwester von Felix, ganz besonders schön bei ihr gespielt hatte, sagte sie ihr, sie könne sich zur Belohnung ausbitten, was sie wolle. Da sagte Fanny: „So vergieb dem Onkel Bartholdy." Die Großmutter, gerührt von dieser unerwarteten Bitte des halben Kindes, von dem sie vielleicht den Wunsch eines Hutes oder Putzgegenstandes erwartet hatte, versöhnte sich wirklich mit dem Sohne, „um Fanny's willen", wie sie ihm schrieb. Nach dem unglücklichen Kriege Preußens 1806 und 1807 privatisirte Bartholdy in Wien, wo damals der Brennpunkt des Haffes gegen den französischen Zwingherrn lag. Er zog als Oberlieutenant in dem Bataillon der Wiener Landwehr unter dem Freiherrn von Steigentesch aus und führte, nach der Schlacht bei Ebersberg vom Bataillon getrennt, obwohl verwundet, seine Kompagnie geschickt und glücklich zurück. Seitdem lebte er abwechselnd in Wien und in Berlin, mit litterarischen, meist publizistischen Arbeiten, Berichten an das Kabinet des Staatskanzlers von Hardenberg und mit Abfassung seines von Franzosenhaß glühenden Werkes: „Der Krieg der Tiroler im Jahre 1809", beschäftigt. Anfang 1813 arbeitete er in der Kanzlei des Fürsten Hardenberg, begleitete die vereinigten Heere nach Paris und ging von da auch nach London. Während der Ueberfahrt machte er auf dem Packetboote die Bekanntschaft des Kardinal-Staatssekretärs Consalvi. Die Fahrt von Calais mochte etwa sechs Stunden gedauert haben; als man sich der Küste von Dover näherte, wurde einige Verlegenheit sichtbar. Seit ein paar Jahrhunderten hatte kein Kardinal Aufnahme in England gefunden, wo die katholische Religion nur geduldet ist, wo der Pöbel vor nicht gar langer Zeit den Papst im Bildniß zu verbrennen pflegte. Der Kardinal hielt mit einigen Bekannten, die er auf Deck traf, Rath: ob er sich mit seinen rothen Kardinalsstrümpfen getrauen dürfe, die Reise nach London zu machen? Durch die Strümpfe könne er sich Unannehmlichkeiten aussetzen. Schon war er im Begriff, sie gegen schwarze zu vertauschen, als man vor Anker ging, jene Bekannten die Schaluppe bestiegen und ihn verließen. Nur Einer der noch Zurückgebliebenen, Bartholdy, bemerkte, daß es besser sein möchte, sich von Anfang an als Kardinal zu zeigen, daß eine Verkleidung seinem Charakter nicht zieme, und daß seine Sendung schon dadurch Nutzen schaffen würde, wenn er überall als Staatssekretär Sr. Heiligkeit aufträte. Es bedurfte nichts weiter, den Kardinal zu bestimmen. Aus Mangel an Pferden brachte er den Rest des Tages in Dover ju. Erst nach Mitternacht machte er sich in einer Postkalesche auf den Weg nach London; zwei Preußen schlossen sich in einem andern Postwagen an, die Herren Bartholdy und Fauche-Borel; Bartholdy gehörte zum Büreau des Staatskanzlers von Hardenberg. Das englische Volk war damals im Freudentaumel. Wer auf dem Kontinent zum Sturze Napoleons beigetragen hatte, ward in Großbritannien mit Herzlichkeit begrüßt. Der Gesandte Pius VII. mußte mit Wohlwollen ausgenommen werden. (Bartholdy, Züge aus dem Leben des Kardinals Hercules Consalvi, Stuttgart 1824, S. 56.) Bartholdy leistete dem Kardinal im Verein mit Wilhelm von Humboldt wesentliche Dienste zur Wiedererlangung der von Napoleon aus Rom entführten Kunstschätze, blieb bis zum Tode des Kardinals, im Januar 1824, in intimen Verhältniffen mit ihm und schrieb dessen Biographie mit vieler Wärme und Anerkennung. 1815 kam Bartholdy auf Consalvis Wunsch nach Rom als Generalkonsul für ganz Italien. Diese Stelle wurde eigens für ihn geschaffen. Er sollt« die politischen Schwingungen beobachten, welche von den Bewegungen der letzten Jahre nachgeblieben waren. Während dieses Aufenthalts in Rom, der bis zu seinem Tode (1825) währte, traten bei Bartholdy vorzugsweise zwei Richtungen seiner Thätigkeit hervor: einmal diplomatische Arbeiten, betreffend die Feststellung des Verhältnisses zwischen dem preußischen Staat und der Kurie, und dann künstlerische Bestrebungen. In beiden Thätigkeiten hat er unbestrittene Verdienste und nachhaltige Anerkennung erworben. (Schluß folgt.) Wie alt ist die Pesach-Aagada? Eine Studie zum „Buch der Weisheit". Von Dr. K. Köhler in Newyork. Daß unsre am Pesach-Abend vorgetragene Hagada älteren Ursprungs ist als die Mischna und aus der Zeit des Tempelbestandes stammt, hat Zunz in seinen „Gottesdienstlichen Vorträgen" S. 126 f. zur Genüge erwiesen. Daß die Samaritaner eine der jüdischen vollkommen gleichartige Pesach-Hagada besitzen, hat Dr. S. Kohn in seiner Abhandlung „Zur Sprache und Litteratur der Samaritaner" vom Jahre 1876 gezeigt, und eine solche Entlehnung nach der Zerstörung des Tempels ist — trotz aller Weisheit unsrer heutigen Epigonen — kaum anzunehmen. — Die Zusammenhänge der samaritanischen mit der rabbinischen Midraschlitteratur bedürfen einer tieferen geschichtlichen Untersuchung, als ihnen bisher geworden. Wie aber, wenn sich Spuren einer Festliturgie auffinden lassen, die weit älter und origineller ist, als die durch rabbinische Tradition formulirte? Ich glaube eine solche im apokryphischen „Buch der Weisheit" entdeckt zu haben und lege sie den Lesern und Mitarbeitern der unter. der bewährten neuen Redaktion zum Sprechsaal jüdischer Schriftsteller erhobenen „Zeitung des Judenthums" zur Prüfung vor: Die kritische Forschung der Apokryphen hat außer dem jüngst verstorbenen Brüll (und Gutman) wenig jüdische Meister gefunden. Das „Buch der Weisheit" aber insbesondere hat trotz des reichen midraschischen Gehalts die Aufmerksamkeit der Hagadakenner nicht in dem Grade auf sich gelenkt, als es verdient. Ja, ich möchte geradezu behaupten, die höhere Kritik ist seit 1815 oder seit Eichhorn (1775) nicht recht vorwärts gekommen. Kein Leser mit gesundem Urtheil kann aus dem Buch, trotz aller Gleichheit des Stils und der Gleichartigkeit gewisser Ideen, den Eindruck gewinnen, daß es aus Einem Geiste, oder das Werk Eines Verfaffers sei. Die „Weisheit Salomo's", die dem Buch seinen Namen gegeben, läßt sich ganz ausschließlich vom sechsten bis zum zehnten Kapitel vernehmen, und was vorangeht, ist späterer Zusatz, wiewohl aus demselben Jdeenkreis eines hellenisirten Effäerthums hervorgewachsen. Es ist nicht der biblische, auch nicht der rabbinische Salomo, der ob seiner Sündhaftigkeit im Talmud hart angeklagte König, es ist der als Beherrscher der Geisterwelt der Dämonen, als Besitzer der das All mit seinen vierundzwanzig heiligen Urelementen (oder Buchstaben) beherrschenden Gotteskrast, der schöpferischen Weisheit, zum Repräsentanten der „Heiligen" erhobene Weise, der uns im siebenten und achten Kapitel seine eigene Wundergeschichte entrollt und in einem echt effäisch-gnostischen Gebet (Kapitel 9 + 10), die Natur und Geschichte der Weisheit schildert, wie sie sich als „Himmelskönigsthum" durch die Geschlechter der „Gerechten" im Kampf gegen die überirdischen und irdischen Rebellen von Kain und Nimrod bis zu Esau und Pharao herab siegreich bewährte. Mit dem ersten Vers des elften Kapitels bricht plötzlich der Faden ab. Das salomonische Gebet, ein Lobpreis der göttlichen Weisheit, das uns sachgemäß durch die weitere Geschichte Israels bis zu David und dem Tempelbau, der als nach „himmlischem Vorbild" vollbracht