Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1891)
- Date
- 1891-07-03
- Page
- Seite 320 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Onkel Bartholdy. Von I. Löwenberg. Wer und was war Bartholdy, von deni Felix Mendelssohn den Beinamen Hut? Diese Frage beantwortet Sebastian Hensel in seinem Werk: „Die Familie Mendelssohn 1729 bis 1847. Nach Briefen und Tagebüchern" (3 Bände. Berlin. Behr 1879) in der Hauptsache ganz richtig. Bartholdy sei Felix' Onkel mütterlicherseits gewesen, und von diesem habe Felix' Vater auf den brieflich ausgedrückten Rath und Wunsch des unverheiratheten Schwagers, der seinen Namen gern vererben wollte, den Beinamen angenommen, als er seine Kinder taufen ließ. Damit ist aber die Sache nicht erledigt. Es fragt sich vielmehr noch: woher hatte der Onkel diesen Namen, da die Mutter des Felix eine geborene Salomon war, und auch er selbst, der besagte Onkel urspünglich Salomon hieß; cs fragt sich ferner: welche Bedeutung hatte Onkel Bartholdy schon damals, daß die Familie Abraham Mendelssohn zu ihrem klangvollen historischen Namen den seinigen hinzufügte? Von den drei Söhnen des Philosophen Moses Mendelssohn war der zweite, Abraham, der Vater des Felix, mit Lea Salomon verheirathet. Lea war Enkelkind des reichen jüdischen Patriziers Daniel Jtzig, des Stammvaters der späteren Hitzigs. Eine seiner Töchter, Veilchen oder Bella Jtzig, war mit dem ebenfalls sehr wohlhabenden Kaufmann Lewin Salomon verheirathet, und dieser Ehe entsprossen außer jener Tochter Lea zwei Söhne, Jakob und Jsaac. Felix war also ein Enkel Moses Mendelssohns von väterlicher Seite und ein Urenkel Daniel Jtzigs von mütterlicher Seite. Wie das Haus des Großvaters Mendelssohn sich durch philosophische, gediegene Bildung, so zeichnete sich das des Urgroßvaters Jtzig durch Prunk und alle das Leben verschönernde Künste aus. Sein großer parkartiger Garten in der Köpenicker Straße war wegen seiner prachtvollen Anlagen und Kunstwerke berühmt und wurde bald „Luisenhof", bald „der große Judengarten", bald „Klein-Sanssouci" genannt. Noch in späterer Zeit, als der Park und seine Anlagen bereits im Verfallen waren, wurde von ihm berichtet: „Es war ein eigener melancholischer Zauber, den der alte einsame Garten, der Zeuge ehemaligen Glanzes, noch in der letzten Zeit auf den Besucher mit seinen verfallenen, epheubedeckten Grotten ausübte. Eine prachtvolle Lindenallee durchlief die Mitte; sie war unterbrochen durch zwei Bassins, in deren einem der Neptun stand, der von Schlüter herrühren sollte. Künstliche Anhöhen waren mit Pavillons aus reich vergoldetem Gitterwerk verziert, wie wir sie noch heute auf den Flügeln von Sanssouci sehen. Die Treibhäuser waren von großen Dimensionen, ein Orangeriehaus in halbkreisförmiger Gestalt bildete einen Saal, dessen breite, steinerne Treppenstufen die Sitze eines Gartentheaters repräsentirten, und dessen Kulissen dichte Gebüsche bildeten." Eine andere Stelle berichtet: „Daniel Jtzig hatte den Garten ganz neu angelegt und so verschönert, daß er Klein-Sanssouci genannt wurde, weil sich in ihm eine eben solche Terrasse wie dort erhob, und andere Baulichkeiten gleichfalls an das Schloß bei Potsdam erinnerten. Friedrich der Große hatte von den durch Daniel Jtzig ausgeführten Neubauten wohlgefällig Kenntniß genommen, und der Prinz von Preußen (nachmaliger König Wilhelm II.) sie mit seiner Gemahlin wiederholt besucht. Die Verbefferungen und Verschönerungen des Gartens waren von dem königlichen Hofgärtner Heidert in Potsdam angegeben, und der Garten enthielt außer Hecken, Bogengängen und schattigen Plantagen auch einige tausend (?!) schöne Fruchtbäume von den besten Sorten. In dem Garten war auch ein Gartentheater unter fteiem Himmel. Die Statuen waren meist von dem Dresdner Bildhauer Knöfler. Der Besitzer gestattete den Besuch seines schönen Gartens, in welchem er mit seiner Familie während des Sommers weilte, auf vorherige Anmeldung, und es wurde von dieser Erlaubniß vielfach Gebrauch gemacht." In diesem Garten, und das ist hier von wesentlichem Interesse, ist auch der Ursprung des Namens „Bartholdy" zu suchen. Bartholdy hieß nämlich sein erster Besitzer. Er war 1684 Bürgermeister von Kölln, zur Zeit, als in Berlin noch zwei Bürgermeister waren, und hatte in der Köpenicker-Straße eine große Meierei errichtet, die sein Sohn wesentlich erweitert und verschönert hat. Wer die späteren Besitzer gewesen, ob und was sie für die Verschönerung des Gartens gethan, interessirt weiter nicht. Es genügt, den Namen „Bartholdy" hier gefunden und einen Blick in den Garten geworfen zu haben, als er in seiner vollen Schönheit während des Besitzes von Daniel Jtzig bewundert wurde. Damals und später, da der Garten theilweise als Erbtheil aus dem Nachlaß Daniel Jtzigs an seine Tochter Bella Salonwn gefallen war, mochte sich hier in Jacob Salomon der Sinn für die Schönheit der Architektur, Plastik und ihrer Schwesterkünste erschlaffen haben, der ihn schon früh nach Griechenland und Rom hingezogen und später als Kenner und Förderer der schönen Künste in hohem Maße ausgezeichnet hat. Was zuletzt aus dem Garten geworden, ob die Pionierkaserne und das Modellhaus an seine Stelle getreten, oder ob und wie das Grundstück nach wechselnden Besitzern endlich an die Jmmobilien- Gesellschaft zur Spekulation und Parzellirung übergegangen war, darüber stritten die Gelehrten der Geschichte Berlins, — et adhuc sub judice lis est. (Vgl. „Voss. Ztg. 1869 Nr. 29. 2. Beilage. 1881 Nr. 101. 2. Beilage. Nr. 106. 1. Beilage.) Kehren wir nun zu Jacob Lewin Salomon zurück. Er hatte eine sorgfältige Erziehung genoffen, verstand Latein und Griechisch; die deutsche, französische, italienische und englische Sprache schrieb und sprach er richtig, zum Theil mit Eleganz. Auch die orientalischen Sprachen waren ihm nicht fremd. Ohne sich bestimmten Fakultätswiffenschaften zu widmen, studirte er seit 1796 in Königsberg, das durch Kant, und in Halle, das durch Wolf anzog. Auf einer Bildungsreise 1803 und 1804 begleitete ihn der Ahnherr der später berühmt gewordenen Künstlerfamilie Gropius, der hier die Illustrationen für Salomons Werk: „Bruchstücke zur näheren Kenntniß des heutigen Griechenlands", Berlin 1805, und die Ansichten zu dessen Abhandlung: „Das Löwenthor in Mykenä" in Wielands „Mercur", 1805, zeichnete. Beide Arbeiten überraschen durch des Verfasiers umfassende Kenntniß der klassischen und antiquarischen Literatur. In wohlhabender Unabhängigkeit besuchte Salomon auch Italien, und erst nach längerem Verkehr mit den Künstlern in Rom ging er nach Deutschland zurück, widmete sich in Dresden verschiedenen Kunststudien. ließ sich 1805 von dem berühmten protestantischen Kanzelredner Reinhard taufen und nahm den Namen Bartholdy an, in Erinnerung an den Namen des ersten Besitzers des schönen Gartens, in dem er seine ersten Kunstfreuden genossen, und wo sein Kunstsinn nachhaltig angeregt wurde. Dies ist die hoffentlich befriedigende Erklärung, woher sein Name Bartholdy. Uebrigens gestand er offen, er sei Protestant geworden, nicht weil er an eine positive Religion geglaubt habe, sondern weil er den Pro testantismus für die Gesittung und den Fortschritt des menschlichen Geschlechts förderlicher halte, als Judenthum und Katholizismus. Der Konfessionswechsel hatte sein Verhältniß zur Familie nicht gestört, nur seine streng orthodoxe Mutter hatte sich einige Zeit von ihm abgewandt.