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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-07-03 · Heft 27 (3.7.1891) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 27 (3.7.1891)
Date
1891-07-03
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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‘WVW'&mr**?. - 55. Jahrgang. Nr. 27. Allgemeine Berlin, 3. Juli 1891. eitung des Dudenchums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. I Begründet von Nabkrner 0rikrrdrmg PHBippson-Bonn j t r . , v, , .. . Vertags-CrpeLrtwn: Wtn, Zerusalernerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der ^Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin 8^., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Leitartikel: Die Auswanderung der russischen Juden. — Die tllinekfeier in Wien. Von Bernhard Stern. — Dr. Hermann Adler. Vm enas Levh. — Wissenschaft und Litteratnrr Der arjsche Ursprung der Juden und ihre welthistorische Bestimmung. Bon Dr. G. M. Asher. — Onkel Bartholdy. Von I. Löwenberg. — Wie alt ist die Pesack-Hagada? Von Dr. K. Köhler. — Feitilleion; Anna. Von Hermann Menkes. — Litterarische Mittheilnngen. Der «emeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin' Aus Oberschlesien, Samter. Rheda. Wittlick. Wien, Prag, Fiume, Budapest- Amsterdam, Brindisi, London. Petersburg, Warschau. — Von Nav und Fern. — Sprechsaal. — Miscellen. - Bei der Redaktion eingegangene Bücher. — Geschäftliche Notizen. Nie Auswanderung der russischen Juden. Berlin, 29. Juni. Keine Frage beschäftigt gegenwärtig die Gemüther so lebhaft, wie die der Kolonisirung. Berufene und Unberufene ergreifen das Wort, gute und schlechte Vorschläge werden auf den Markt gebracht, abenteuerliche und praktische Vorschläge durchschwirren die Journale. Aus diesem Wirrwar leuchtet nur ein fester und gerade darum viel umstrittener Punkt auf: Palästina. Wieweit aber auch in Bezug auf diesen Punkt die Meinungen noch auseinander gehen, mögen die beiden folgenden Aufsätze darlegen, von denen der eine mit Begeisterung für Palästina plaidirt, während der andere mit voller Energie dagegen spricht. Es wird aber noch viel Wasser den Jordan hinunterfließen, ehe diese wichtige Frage klar liegen wird. I. Berlin, 22. Juni. Vor den bitteren Fragen: Wohin? Was nun anfangen? steht gegenwärtig der größte Theil des jüdischen Stammes. Ungeachtet aller Proteste der gesitteten Menschheit und aller Entrüstungsrufe der Presse werden die Juden in Rußland fortdauernd unter allerlei Vorwänden bald aus dieser, bald aus jener Stadt verjagt und gezwungen, jenes ungastliche Vaterland zu verlassen. Aber was sollen diese vom Schicksal so schwer Heimgesuchten beginnen? Wohin sollen diese Unglücklichen ihre Schritte nun lenken? Diese Fragen treten jetzt mit ihrer ganzen Härte an uns heran. Sollen sie ihr Augenmerk nach Amerika richten? Das wäre entschieden verfehlt. Wer nur einigermaßen mit den Verhältnissen der Gesammtjudenheit vertraut ist, der weiß es, daß ein großer Theil der Emigranten, die in den letzten neun Jahren in Folge der zur Zeit in Rußland ausgebrochenen Kravalle über Hals und Kopf nach Amerika eilten, in großen Schaaren nach Europa zurückgekehrt ist, weil „drüben" der Kampf ums Dasein jetzt viel schwerer ist als sonst irgendwo. An eine Anpedlung im Kongogebiet oder in anderen Tropenländern ist ebenfalls nicht zu denken; denn es wäre, wie die „Hamb. Nachr." davor warnend richtig bemerkten, „reiner Massenmord". In Australien regt sich der Widerstand schon gegen eine mögliche Einwanderung russischer Juden. In einer Sitzung des Halles null Labour Council zu Sydney, berichteten vor einigen Tagen in- und ausländische Blätter, stellte Kelly, Vorsitzender der Seemanns-Union, den Antrag, zu erklären, daß die gerüchtweise verlautende Masseneinwanderung der aus Rußland vertriebenen Juden und Ansiedelung derselben auf den Südseeinseln zu den größten Besorgnissen Anlaß geben müsse. Der Antrag wurde nicht nur ohne alle Diskussion mit Stimmeneinheit angenommen, sondern auch beschlossen, Sir Henry Parkes brieflich zur sofortigen Ausarbeitung eines drakonischen Ansschlußgesetzes aufzufordern. Ein gleicher Schritt ist von dem Melbourner dralles anll Labour Council bei der dortigen Regierung gethan worden. Vor einigen Jahren wurde die Frage aufgeworfen, ob es nicht rathsam wäre, daß die unterdrückten russischen Juden nach Spanien auswanderten. Einige Großen in Spanien, berichteten damals verschiedene Zeitungen, hätten angesichts des Umstandes, daß in ihrem Lande der Kastanien Handel und Wandel brach darnieder liege, selbst den Impuls zu einer Agitation für die Rückkehr der Juden nach Spanien gegeben. Allein all' diese Pläne und Gerüchte erwiesen sich bald als eine Fata morgaua. Wie Eingeweihte nachher wissen wollten, dachten die großherzigen Spanier nicht im Entferntesten daran, die mittellosen russischen Juden heranzulocken, sondern die stolzen und reichen Portugiesen, die Nachkommen der im Jahre 1492 aus Spanien vertriebenen Juden, die aber diese Liebeswerbung unberücksichtigt ließen. Außerdem wurzelt im Herzen der meisten Juden der Welt eine berechtigte Antipathie gegen dieses Land, das noch gegenwärtig, an der Wende des 19. Jahrhunderts, unter dem Joche einer finstern, fanatischen Priesterherrschaft seufzt. Auch der viel besprochene Plan des Baron Moritz von Hirsch, die russischen Juden in Argentinien anzusiedeln, wird und muß zu Wasser werden. Nur die professionsmäßigen Bettler, die man hier unter dem Namen „Polnische Juden" kennt, dürften dem Rufe des Herrn Barons folgen, nicht aber der Mittelstand und solche, die durch das über sie hereingebrochene Unglück so plötzlich zu Bettlern geworden sind. Letztere würden nicht vor einem Bären fliehen, um sich in den Rachen eines Löwen zu stürzen, würden nicht die Trümmer ihrer Existenz in Rußland in Argentinien zu Grabe tragen. — Nur einen Ausweg giebt es, der Allen, die die russischen Juden und ihre Denkungsweise kennen, als der rationellste und hoffnungsvollste erscheinen muß: nämlich eine.zielbewußte Ansiedlung in Palästina. Nur in dem Lande, wo einst ihre Stammväter ge-

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