Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1891)
- Date
- 1891-06-26
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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zwecken gebraucht wird. Abet die Reproduktion von Buchstellen, die Jedem zugänglich sind, mutz gestattet sein, auch dann, wenn sie zu Tendenzzwecken erfolgt." Der Gerichtshof entschied: Der Einspruch gegen die Konfiskation des ersten Artikels wird zurückgewiefen, dagegen dem Einsprüche gegen die Beschlagnahme des zweiten Artikels stattgegeben. Das zweite Urtheil wird damit motivirt, datz Karl Julius Weber das Blutritual ausdrücklich als Märchen behandelt und die übrigen Stellen nichts enthalten, als eine Schilderung des grellzenlosen Elends und Jammers, welches im Anfang des Jahrhunderts über die Juden in Frankfurt am Main verhängt war. Danach also kann die Wiedergabe dieser Stellen nicht als Aufreizung gegen die Juden betrachtet werden. * Wien, 20. Juni. Der Wiener Gewerbe-Genossenschaftstag, eine Bereinigung sämmtlicher rückschrittlicher und antisemitischer Genossenschaften ulld Gewerbeverbände, ist aufgelöst. Der Mechaniker Schneider war die Seele des Genossenschaftstages. Die Regierung wird heute am Schluß der Reichsrathssitzung über die Auflösung interpellirt werden. * Lemberg, 22. Juni. Hiesige polnische Blätter erfahren aus Warschau, daß die russische Regierung die Judenauswanderung jetzt verhindere. Ganze Abtheilungen jüdischer Emigranten werden an der Grenze zurückgehalten und in die Heimath zurückbefördert Großbritannien. * London, 11. Juni. Marquis Salisbury informirte Rothschild per Brief, daß er die Petition zurückweisen müsse, in welcher um seine Unterstützung gebeten wird, vom Sultan die Erlaubniß dazu zu erlangen, daß die Juden sich in Palästina niederlassen dürfensobald er eine Intervention jedoch für annehmbar erachte, werde die Frage dem Sultan unterbreitet werden. Rußland. ,v * * Petersburg, 20. Juni. Für die Judenfrage war berm Ministerium des Innern, wie die „Now. Wr." berichtet, eine beI sondere Konferenz kreirt, die gegenwärtig ihre Arbeiten beendigt und demnächst mit einem Gesetzentwurf an den Reichsrath gehen wirbt Die Konferenz fand unter dem Präsidium des Millistergehilfen Geheimraths W. Plehwe statt. An ihren Arbeiten haben theilgenommen: die Generalgouverneure von Warschau, Kiew und Wilna, der Direktor de^ Polizei-Departements Geheimrath I. N. Durnowo, der GouverneW von Minsk Fürst N. Trubezkoi, der estländische Vieegouverneur WirM Staatsrath Wassiliewski u. a. m. M * Moskau, 18. Juni. Es ist eine trotz aller Dementis feststehende Thatsache, daß die im Etappenwege ausgewiesenen Juden aneinandergekettet marschiren müssen, eine Behandlung, der sonst nur gemeine Verbrecher unterworfen werden. Kranke Juden finden in den Spitälerü keine Aufnahme, weil laut neuesten Befehlen kein Jude in ein Krankenhaus ausgenommen werden darf. Während des Aufenthalts des kaiserlichen Paares in Moskau durfte kein Jude sich auf der Straße zeigen; ein junger relegirter jüdischer Student verging sich wider dieses Verbot, faßte au einer Straßenecke Posto, und als die Kaiserin vorüberfuhr, warf er ihr eine Bittschrift in den Wagen. Der junge Mann wurde arretirt, aber die Kaiserin nahm die Bittschrift an sich. Auch alte Soldaten, welche die russischen Kriege mitgemacht und für bewiesene Tapferkeit im Felde das Georgskreuz erworben haben, sind, weil sie Juden find, aus Moskau ausgewiesen worden. Etwa hundert jüdische Handwerker, die als Soldaten dem Zar gedient haben, haben eine Petition an den Zar gerichtet mit der Bitte, es möge ihnen gestattet werden, in Moskau zu verbleibendoch ist kaum Aussicht vorhanden, daß diese Petition jemals dem Zar zu Gesicht kommen werde. Nach den Juden kommen sofort die Polen und Katholiken an die Reihe». General Kuropatki, der Gouverneur der transkaspischen Provinz, soll eine Ordre erlassen haben, derzufolge alle polnischen Ingenieure und Beamten aus dem Dienste der centralasiatischen Eisenbahnen zu ent? lassen seien. Auch alle anderen Fremden, die bei der Herstellung der? Bahn thätig waren, werden entlassen, bis auf die Franzosen. Wie mit“, den Katholiken verfahren wird, darüber giebt eine Meldung aus Warschau Aufschluß, welche berichtet, daß. kürzlich ein katholisches Nonnenkloster in Dubno auf Weisung der Behörden geschlossen worden. Aon Nah und Fern. — Herr-Musikdirektor I. Rosenfeld begeht im September dieses Jahres die Feier seiner 25 jährigen Wirksamkeit als Leiter des Chors der alten Synagoge. — Die Konzertsängerin Rosa Olitzki ist für die Wiener Hofoper verpflichtet worden. Vorher wird die Künstlerin in Brünn ein Gastspiel absolviren. — Dr. Felix Liebermann in Berlin, ein Bruder des Malers Max Liebermann, wurde für seine Arbeit „Ueber den Ouadripartitns" zum „korrespondirenden Ehrenmitgliede der Historischen Gesellschaft in London" ernannt. — Im hiesigen jüdischen Krankenhause starb kürzlich ein Patient nach längerem schweren Leiden. Derselbe hatte einen der ihn behandelnden Assistenzärzte so lieb, gewonnen, daß er, der kinderlos war, ihn adoptirte. Der Verstorbene hat xin Vermögen von IV- Millionen zurückgelasseu, das einst, nach dem Tode seiner Wittwe, dem adoptirten Arzt zufallen wird. — Die zehnte ordentliche Generalversammlung des Verbandes der Synagogen-Gemeinden Ostpreußens wird am 29. Juni in Allenstein stattfinden. Auf der Tagesordnung steht unter Anderm auch die Auswanderungsfrage der russischen Juden. — Der Rabbiner der Synagogen- Gemeinde Czaruikau Herr Dr. Popper ist am 15. Juni gestorben.— In Breslau beabsichtigt der Vorstand, bei Gelegenheit des Engagements eines neuen Rabbiners verschiedene wesentlicheKultusresormen einzuführen. — In Hults chiu feierte am 9. Juni das Steiner'sche Ehepaar das Fest der gold enen Hochzeit. Herr Rabbiner Dr. Blumenthal aus Ratibor hielt die Festrede in der Synagoge. — Zu Tarnowitz wurde in voriger Woche Frau Philippine Kayser zu Ncabe geleitet. Dieselbe hat das seltene Alter von fast 92 Jahren erreicht und war sowohl in christlichen wie in jüdischen Bevölkerungskreisen durch ihren regen Wohlthätigkeitssinu hochangesehen. Die Mitglieder des katholischen Elisabethvereins schritten bei der Beerdigung dem Leichenzuge voran. Zwei Nachkommen der Verstorbenen find durch ihre allerdings verschiedenartig hervorragende Stellung in der politischen Welt bekannt geworden. Der eine war der vor mehreren Jahren verstorbene sozialdemokratische Reichstägsabgeordnete Max Kayser, der andere ist der in diesen Tagen zum Wirklichen Geheimen Legationsrath ernannte Leiter der Kolonialabtheilung des Auswärtigen Amtes Dr. Kayser. — Eine Versammlung des Deutschen Rabbiner-Verbandes soll am 6. Juli in Hamburg tagen. — In München hat sich ein Lokalkomitee für die russischen Juden gebildet. An der Spitze stehen der Vorsteher Herr Hermann Müller und der Rabbiner Herr Dr. Perles. — Unter ehrenvoller Betheiligung von schriftstellerischen, politischen und künstlerischen Kreisen der Stadt Wien wurde jüngst der ^Chefredakteur des „Neuen Wiener Tagblatt", Moriz Wen graf, zu Grabe getragen. Trauerreden hielten Herr Dr. Adolf Jellinek, Herr Professor Warhanek, Herr Redakteur Wilhelm Frey und Herr Hofrath Exner. — Die österreichischen Antisemiteil beantragten im Reichsrath, die Regierung möge ein strenges Gesetz gegen die Einwanderung auswärtiger, namentlich russischer Juden erlassen und sich dafür die nordamerikanischen Gesetze gegen die Chinesen-Einwanderung zum Muster nehmen. — Herr Rabbiner Dr. Zim mels in St. Pölten ist zum Rabbiner von Mährisch- Ostrau gewählt worden. — Aus Budapest wird das Ableben des Präsidenten der Pester Ungarischen Commercialbank, des Herrn Ludwig RosavonKunhalom, gemeldet. Der im 85. Lebensjahre Verstorbene war seit 1857 Mitglied der Bankdirektion und seit 1882 deren Vorsitzellder. — Die Stadt Rad os zkow ice im Gouvernement Wilna wurde durch eine furchtbare Feuersbrunst verheert. Gegen 350 Häuser, darunter die Hanptsynagoge, sind eingeäschert. Fünf Personen kamen unrs Leben. Der Schaden ist enorm. An 4000 Menschen sind obdachlos. — In Paris ist der bekannte Verlagsbuchhändler Calmann Levy plötzlich am Schlagfluß gestorben. — Der Einführung des Oberrabbiners von London, welche am 23. Juni In der Synagoge in Dukes Place stattfand, wohnten unter Anderen auch der Oberrabbiner Von. Paris, der Lord-Mayor, Lord Rothschild und viele hervorragende Mitglieder der jüdischen Gemeinde von London bei. — Die griechische Polizei beschlagnahmte alle in den Buchhandlungen Athens vorgefundenell. Exemplare einer antisemitischen Broschüre. Druck und Verlag Von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.