Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1891)
- Date
- 1891-06-26
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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WWWWMWW Blumenfeld-Schweidnitz, Dr. Cohn-Kattowih, Herbst-Lissa, Dr. Mattersdors-Gleiwitz durch Akklamation wiedergewählt. Lebhafte Debatten entstanden bei der Diskutirung der neuen Statuten. Nach längerer eingehender Berathung wurde der Wortlaut der neuen Statuten fixirt. Dieselben werden allen Mitgliedern gedruckt zugehen. Infolge der vorgerückten Zeit konnte das auf der Tagesordnung stehende Referat des Herrn Dr. Brann-Pleß. betr. das Uebersetzen aus dem Hebräischen und die neuesten Hilfsmittel hierzu, nicht mehr ganz erledigt werden. Ll Hirschberg i. S., 13. Juni. Am 26. Mai beging der erste Vorsteher der hiesigen Gemeinde, Herr Hermann Rosenthal, seinen 70. Geburtstag. Den Kollegen des Jubilars wie den übrigen Gemeindevertretern bot diese Feier die gewünschte Veranlassung, ihrem langjährigen Leiter einen kleinen Dankestribut zu erstatten. Zu diesem Zwecke hatten die^ beiden Körperschaften beschlossen, Herrn Rosenthal ein kostbares Geschenk in Gestalt eines silbernen Tafelaufsatzes zu überreichen. Die Deputation, die mit dieser Ausgabe betraut war, bestand aus den drei übrigen Herren vom Vorstande und aus dem Vorsitzenden und dem Schriftführer der Repräsentanten; außerdem gehörte ihr auch der Rabbiner an. Nach Ueberreichung des Geschenkes durch den Vorsitzenden der Repräsentanten, Herrn Emil Cassel, ergriff der Vorsteher, Herr Rechtsanwalt Ledermann, bas Wort zu einer längeren Rede, in welcher er die Verdienste des Jubilars hervorhob. Mit einer kurzen Ansprache übergab darauf Herr S. Münzer, der stellvertretende Vorsitzende des Vorstandes, in einem künstlerisch gearbeiteten Rahmengestell die vier Photographien des jetzigen Vorstands-Kollegiums, dem als vierter Herr Emmo Weißstein angehört. Den Schluß bildete die Rede des Rabbiners, Herrn Dr. Biram. Herr Rosenthal dankte mit bewegten Worten und versprach, daß, so lange ihm Gott seine Frische und Rüstigkeit erhalle, er auch fernerhin dem Heil und Gedeihen der Gemeinde-Angelegenheiten seine Kraft widmen werde. Bald daraus erschien noch eine Deputation der erst kürzlich hier gegründeten Chewra-kadischa, deren Sprecher wieder der Rabbiner war. Auch der Vorstand des Frauen-Vereins, dessen Vorsitzende Frau Nosenthal ist, hatte ein Glückwunschschreiben an den Jubilar gerichtet. 22 Aus Oherschlefierr, 15. Juni. Gestern haben sich in B e u t h e n die oberfchlesischen israelitischen Gemeinden zu einem „oberschlesischen Hilsskomiteefür dierussischenJuden" verbunden. Das Komitee hat seinen Sitz in Kattowitz und zählt 15 Mitglieder. Rabbiner Dr. Blumenthal-Ratibor übermittelte der Versammlung die Beschlüsse des deutschen Centralkomitees. Schließlich wurde auf Antrag des Kommerzienraths Zerköwskh-Beuthen der Anschluß an das B erliner Centralk-omitee beschlossen. Die Versammlung leitete Amtsgerichtsrath Lewy. Dieses einmüthige Vorgehen der zahlreichen oberfchlefischen Gemeinden ist freudig zu begrüßen und allen anderen Provinzen zur Nachahmung warm zu empfehlen. O Posen, 17. Juni. Dem hier bestehenden Komitee zur Unterstützung der aus Rußland ausgewiesenen Juden wurde die erbetene Genehmigung zur Veranstaltung einer Hauskollekte bei den jüdischen Einwohnern der Stadt bezw. Provinz Posen vom Herrn Oberpräsidenten ertheilt. HaLverftadt, 22. Juni. Die Nothlage der russischen Juden, sowie die Erkenntniß, daß nur durch Unterstützung von einiger Dauer geholfen werden könne, hat in unserer Gemeinde zur Gründung eines Vereins geführt, dessen Mitglieder sich zu bestimm ten Monatsbeiträgen, und zwar vorläufig für ein Jahr, zur Unterstützung der russischen Juden verpflichten. Der Verein umfaßt nicht nur die sämmtlichen beitragspflichtigen Mitglieder, sondern auch sämmtliche selbstständige jüdische Bewohner unserer Stadt und ist so glücklich, eine Summe von ca. 1000 Mark allmonatlich für unsere unglücklichen Glaubensgenossen verwenden zu können. Frankfurt a. M., 18. Juni. Das hiesige Komitee für die russischen Juden, dem unter Anderen die Herren Dr. Bärwald, Ph. Schiff, Charles L. Hallgarten, Adolph B. H. Goldschmidt, Selig Goldschmidt und Georg Speyer angehören, hat seine Thätigkeit bereits begonnen. Die Zeichnungen erreichten eine bedeutende Höhe und legen wiederum Zeugniß von der großen Opferwilligkeit der hiesigen Gemeinde ab. Vorr acht Wohlthätern wurde die Zeichnung eröffnet mit einem Gesammtbetrage von 100,000 Mk. Es sind dies die Herren Willy v. Rothschild mit 30,000 Mk., Charles L. Hallgarten, Georg Speyer, Adolph B. H. Goloschmidt, Selig Goldschmidt, Jakob S. H. Stern, Bankier Sulzbach und L. Sonnemann mit je 10,000 Mk. — Von jungen Leuten, Commis rc. gingen am ersten Tage der Sammlung gegen 1000 Mk. ein. Auch aus der Sammelstelle für Kleidung sstücke lausen ununterbrochen Liebesgaben ein. — An Stelle des jüngst verstorbenen Herxn Emil Nosenthal looptirte der hiesige Gemeindevorstand Herrn Otto Höchberg und wählte zu seinem Vorsitzenden Herrn Joseph Bär. Bei den heutigen Ergänzungs- Wahlen zum Vorstande wurden die Herren Ferdinand Schwarz sch ild, Carl Herz b erg, Direktor der Effektenbank, und M. A. Wolfs neu gewählt. jg/IIEr Münster U W, den 14. Mai. In einem der schönsten Theile der Promenade wird das Auge zu dem Anblicke eines Gebäudes hingezogen, das in der Reihe herrschaftlicher Wohnhäuser sich nicht nur durch Größe, sondern auch durch die in seinem Baustile ausgesprochene Symmetrie auszeichnet. Es ist das Lehrerseminar der Marks-Hai ndorf'schen Stiftung. So wie das Gebäude in seiner schmucklosen, einfachen Schönheit den Ausdruck eines architektonischen Gedankens trägt, so wird man bei der Betrachtung des Innern davon überzeugt, daß bei dem Bauentwürfe die sorgfältigste Berechnung auf den Zweck des Gebäudes gerichtet gewesen ist. Den Wohn- und Schulräumen entsprechen die dazu gehörigen Wohn- und Schulutensilien, in dem Vorhandensein welch letzterer ein maßgebendes Schulregulativ aus das Genaueste beobachtet ist. Ueber der zweiten Etage liegt ein geräumiges Mansardzimmer, welches als Schlafzimmer für die Zöglinge der Anstalt bestimmt ist; neben demselben ein Dachraum, versehen mit Wasch- und Badeapparaten nebst der dazu erforderlichen Wasserleitung. Die Aufstellung der Bettstellen, die Ordnung der Betten, die Reinhaltung des Zimmers die mit dem Wechsel der Luft korrespondirende Ventilation deuten auf eine wachsame Beaufsichtigung, wie solche in diesen Punkten, wo es sich um Gesundheitsrückstchten handelt, unumgänglich nothwendig ist. Der Betsaal befindet sich in zweiter Etage am äußersten Ende des Seitenbaues, umfaßt einen Raum, daß Lehrer, Schüler und auch noch eine kleine Anzahl fremder Theilnehmer in gottesdienstlicher Versammlung Platz haben. Den Wänden fehlt jegliche Verzierung, doch in dieser Einfachheit liegt eine ehrwürdige Stimmung. Mitten iw der Vorderwand ist die heilige Lade, zwei Thorarollen enthaltend; an beiden Seilen der heiligen Lade je eine ungefähr I V- Meter hohe und 3/* Meter breite Tafel, auf welchen in hebräischer Schrift in Goldbuchstaben die Namen der Verstorbenen verzeichnet sind, zu deren Seelenfeier am Jahresgedächtnisse - Gebet verrichtet wird. Einsender schließt seine Mittheilungen mit dem herzlichen Wunsche, daß die Marks-Haindorf'sche Anstalt in allen ihren Zwecken stets gütige Aufmerksamkeit finden möge. Gestrrrrich - Ungarn. * Wien, 20. Juni. Vor dem Landesgerichte wurde am 6. d. M. eine sehr interessante Einspruchsverhandlung durchgeführt. Am 1. Juni wurden nämlich die antisemitischen „Unverfälschten deutschen Worte" wegen zweier Artikel konfiszirt. Der erste derselben war durch die Gründung der Vereins zur Abwehr des Antisemitismus veranlaßt worden, und der Chef der Staatsanwaltschaft, Oberlandesgerichtsrath v. Soos, bemerkte hierüber: „Hier werden die Folgen der allgemeinen Weltlage den Juden aufgebürdet. Wenn man den Lesern immer zuruft: Ihr seid die Sklaven, die Juden aber sind die Herren, dann muß es endlich zu Gewaltthätigkeiten kommen, und wir haben auch solche eben erlebt." Ueber den zweiten Artikel, welcher eine Buchstelle von Karl Julius Weber wiedergiebt, sagte der Staatsanwalt: „Es wäre mir gewiß nicht eingefallen, diese Stelle des Verfassers des „Demokrit" in dessen Werken zu konfisziren, so wenig wie andere Stellen seiner Werke, die wegen §516 beanstandet werden könnten. Aber in dieser Stelle erzählt Karl Julius Weber, daß in seiner Kindheit das Gerücht vom Blutrituale der Juden ihm zur Kenntniß kam, und wenn aus der ungeheuren Menge von Betrachtungen Weber's gerade diese Stelle herausgehoben wird, so liegt darin eine Tendenz. Es ist eines der aufregendsten Gerüchte, das vom Blutritual. Es hat erst jüngst bei beit Judenverfolgungen in Corfu eine Rolle gespielt und schon die Reminiszenz an dieses Gerücht ist der Thalbestand nach 8 302." Der Einspruchserheber, Dr. Vinzenz von Berger, that folgende bemerkenswerthe Aeußerung: „Der Antisemitismus der deutschnationalen Antisemiten ist kein blutrünstiger. In unseren Kreisen giebt es Niemanden, der die Behauptung vom Blutrituale aufstellt. Diese Fabel — ich sage ausdrücklich Fabel — wird von uns deutschnationalen Antisemiten nie ausgesprochen und wir finden es sehr bedauerlich, wenn sie zu Agitations-