Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1891)
- Date
- 1891-06-26
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 # Berlin, 22 Juni. Die Frage der Kolonisation der russischen Juden nimmt augenblicklich das Interesse weite; Kreise in Anspruch, und zwar nich t nur innerhalb der Judenheit. So meldet die Münchner „Allgemeine Zeitung": „Neben Baron Hirsch, der bekanntlich Argentinien ins Au ge gefaßt hat, ist heute in St. Petersburg ein anderer Unternehmer thätig, der im Gegensatz zu dem Gedanken, die russischen Juden nach Palästina zu verpflanzen, Arabien, und zwar das ehemalige Gebiet der Midianiter, in Angriff genommen unb dort auch beträchtliche Ländereien erworben hat. Man kann nur wünschen, daß diese Gedanken zur Ausführung kommen, denn das Elend der von Haus und Herd verstoßenen Leute ist allerdings sehr groß." Inzwischen gewinnt auch die palästinensische Kolonisation immer mehr an Umfang. Es wird berichtet, daß Herr Elias Scheid vom Baron Rothschild in Paris den Auftrag erhalten hat, sich in das Gebiet am östlichen Jordanufer zu begeben und 300,000 Dunam (ca. 5V2 Millionen lliMet.) an Boden zu erwerben. In Odessa ist in diesen Tagen, auf der Rückreise von Palästina, ein gewisser Herr M as e, der Bevollmächtigte der Moskauer jüdischen Gemeinde, eingetroffen, welcher für die russischen jüdischen Emigranten am rechten Ufer des Jordan Land angekauft hat. Auf einem österreichischen Dampfer sind auch kürzlich zwei Bevollmächtigte der jüdischen Gemeinde der Stadt'Po.ltaw a nach Jaffa gereist, um daselbst Land für die russischen Juden anzukaufen. Dieselben haben hierzu von 72 Familien die Vollmacht erhalten. (D Berlin, 18.Juni. Die hier domizilirende Gesellschaft zur Verbreitung des Handwerks und des Ackerbaues unter den Juden im Preußischen Staate, gegründet 1813, hielt ihre Generalversammlung am 7. Juni er. in der Aula der jüdischen Gemeinde- Knabenschule, um den Jahresbericht vom 1. Januar bis 31. Dezember 1890 vom Vorstand entgegen zu nehmen und die statutarischen Neuwahlen zu vollziehen. Den Mittheilungen des Vorsitzenden, Herrn Lesse r, entnahmen wir, daß aus dem Jahre 1889 72 Lehrlinge übernommen, im Jahre 1890 44 Lehrlinge neu ausgenommen, davon 10 als Gesellen und 12 anderweitig ausgeschieden sind, so daß pro 1890 94 Lehrlinge unter der Obhut voll 5 Inspektoren sich befanden. Außer diesem liegen 14 Gesuche um Aufnahme zur ordnungsmäßen Erledigung vor. Obige 94 Lehrlinge vertheilen sichauf die folgenden Gewerbe: Barbier 1, Buchbinder 9, Buchdrucker 3, Ciseleur 2, Konditor 1, Drechsler 3, Elektrotechniker 1, Glaser3, Gelbgießer 3, Goldarbeiter 3, Goldschmied 2, Graveur 1, Gürtler 3, Holzbildhauer 5, Instrumentenmacher 1, Klempner 2, Kürschner2, Lederarbeiter 1, Maler5, Maurer 1, Mechanikers, Sattler 1, Schlosser 1, Schneider 14, Schuhmacher 2, Schriftsetzer 1, Steindrucket 1, Steinmetz 3, Tapezierer 6, Tischler 2, Uhrmacher 2, Vergolder 2, Zahntechniker 2. Aus dem Kassenbericht ergiebt sich, daß an Mitgliederbeiträgen Mk. 4135.50, an Geschenken für bestimmte Zwecke Mk. 12,600 und an Zinsen Mk. 3915.35 eingegangen, für Stipendien Mk. 325, für Lehrlinge direkt Mk. 5703.14, für Religions- und Fach-Unterricht Mk. 555, für angekaufte Effekten Mk. 5539,05 ausgegeben worden sind. Die Einnahmen und Ausgaben bilanziren auf jeder Seite mit Mk. 26,044.51. Das baare Gesellschaftsvermögen besteht aus Mk. 114,625.00, welche in zinsbringenden Papieren angelegt sind. Die Gesammtmitgliederzahl beträgt 433. O Berlin, 21. Julli. Die unter dem Protektorat der Kaiserin Friedrich stehenden Baruch Auerbach'scheu Waisen -Erziehungs- Anstalten haben ihren 58. Jahresbericht ausgegeben, welcher den gedeihlichen Fortgang dieses segensreichen Instituts erkennen läßt. In demselben wurden 50 Knaben und 26 Mädchen erzogen, voll denen die ersteren größtenteils, die letzteren fast ausschließlich höhere Schulen besuchten. Hervorgehoben wird in dem Bericht der gute Gesundheitszustand der Zöglinge, die seit 1885 alljährlich für dieselben eingerichtete, unter der Oekonomie und Aufsicht der Anstalten stehende Ferienkolonie und der für einen Theil der Knaben veranstaltete Handfertigkeits- Unterricht. Neben einem unantastbaren Vermögen von 732,151.28 M. bzw. 365,12.488 M. besitzeil die Anstalten Stiftungska^italien in Höhe von 262,153.47 M.. welche früheren Zöglingen Beihilfen zur Selbstständigmachung bezw. Verheirathung, zum Studium oder sonstige Unterstützungen gewähren. Tie Ausgaben betrugen (einschließlich Gottesdienst und Gräberpflege, .Stipendien und Renten) 48,269.19 M. bezw. 25,714.19 M.; die Kosten der Verpflegung 10,870.35 M. bzw. 5,454.34 M. d. h. 52 Pfennig für den Tag und Kopf. Den Vorstand bilden nebew dem Direktor Dr. Strelih die Herren Louis Liebermann, Kommerzwnrath Jacob Israel, Berthold Markwald, Louis Gradenwitz, Kommerzienrath E. Lohnstein und Kommerzienrath Anton Wolff. L. S. Stettin, 14. Juni. Auch in unserer Stadt hat man ein Wohlthätigkeitskomitee zu Gunsten der russischen Juden ins Leben gerufen, welches mit einem Aufruf in den hiesigen Blättern an den bewährten Opfersinn der Stettiner appellirt. Das Komitee besteht aus den Herren Dr. Vogelstein, I. Samuel, Dr. Freund, Konsul Manasse, Justizrath Werner. Es war auch hohe Zeit, etwas für diese Märtyrer zu unternehmen, denn das Elend der armen Durchreisenden war unbeschreiblich. Wie ich höre, sind bereits ganz bedeutende Summen an das Komitee und die Redaktionen gezahlt worden, andererseits sollen sich die hiesigen überseeischen Rhedereien in gentilster Weise dem edeln Werke zur Verfügung gestellt haben. Um so bedauerlicher ist es freilich, daß sich sogenannte professionsmäßige Schnorrer diese Stimmung zu Nutze machen und bei der Gunst der Umstände natürlich möglichst viel prositiren. ' Breslau, 19 Juni. Hofprediger a. D. Stöcker hat vorgestern eine Gastrolle in unserer Stadt gegeben. Für 59 Pfennige Entree sprach er über „Christenthum, Deutschthum, Judenthum". Die Ursache des seltmen Besuchs mag wohl in dem Umstande zuffuchen sein, daß der Antisemitismus hier von Tag zu Tag mehr an Boden verliert. Hat doch selbst eines der gelesensten schlesischen Blätter, die früher stark judenfresserische „Schlesische Zeitg.", den Antisemiten vorigen Sonntag deutlich den Abschied gegeben, indem sie schrieb: „Im Hinblick auf den Bildungseifer, auf die wirthschaftliche Tüchtigkeit und auf den ausgesprochenen Drang der deutschen Juden, sich mit dem germanischen Volksthum zu assimiliren, darf man die Hoffnung hegen, daß in Deutschland das Judenthum, wenn auch allmählich, sich mit den übrigen Elementen der Bevölkerung verschmelzen werde. Alle Bestrebungen und Vorgänge, welche der Erreichung dieses Zieles hinderlich fein können, sind eine Gefahr für die normale Entwickelung der wirthschaftlichen und politischen Verhältnisse in unserem Vaterlande und müssen daher den Judelr, wie den Christen germanischen Stammes.nothwendigerweise gleich unerwünscht sein." Daß Stöcker nunmehr die „Schlesische Zeitung" gleichfalls in bekannter Weife angriff, braucht kaum gesagt zu werden. An der Rede ist im Uebrigen nichts Bemerkenswerthes gewesen, es sei denn, daß er sich ebenfalls als einen Gläubigen in Sachen der Blutlüge bekannte. Allerdings wurde dieses Bekenntniß wohl verklausulirt: „Daß im Orient jüdischer Fanatismus (Ritus sei ein falscher Ausdruck) solche Dinge begehe, bezweifelt kein Diplomat, der den Orient kennt." Zum Schluffe brachte der Herr Hofprediger in bekannter Weise seine Geschäftsempfehlung „kauft nur bei Christen" an. L2 Breslau, 31. Mai. Die XIII. Generalversammlung des Vereins israelitischer Lehrer in Schlesien und Posen wurde Sonntag, den 17. Mai, Abends 8 Uhr, im kleinen Saale der neuen Börse eröffnet. Gegenwärtig waren 38 Mitglieder und 20 Gäste, darunter der Delegirte des Gemeindebundes, Herr Th. Oschinsky. Der Vorsitzende begrüßte die erschienenen Mitglieder nnb Gäste mit warmen Worten. Dr. Bad t-Breslau empfahl die vom Gemeindebunde herausgegebenen „Belegstellen zu den Grundsätzen der jüdischen Sittenlehre" zum Gebrauch für die Schule, sowie für die Familien. Darauf nahm Herr Dr. Chodowski-Oels das Wort zu seinem Referate über die Behandlung des geschichtlichen Unterrichts in der Religionsschule im Anschluß an folgende Fragen: 1. In welcher Weise ist der Religionsunterricht zu behandeln, daß wir die der jüdischen Religion zu Grunde liegenden Ideen den Kindern klar und eindringlich machen? 2. WAche Personen sind im Geschichtsunterricht vorzugsweise zu behandeln, so daß an ihnen der treibende Geist der jüdischen Geschichte erkannt werde? 3. Welche Schriften sind am geeignetsten zur Auswahl durch den Lehrer und zur Lektüre, um das Streben zur weiteren Fortbildung in den Schülern anzuregen? — An den Vortrag schloß sich eine längere lebhafte Debatte. Um 11 Uhr Abends wurde die Versammlung geschlossen. Die zweite Versammlung, die Montag Vormittag um 11 Uhr eröffnet wurde, war hauptsächlich der Besprechung der Vereinsangelegenheiten gewidmet. Der Vorsitzende theilt u. A. mit, daß die Zahl der Mitglieder gegenwärtig 102 beträgt. Verstorben sind während des Jahres 3 Mitglieder, unter ihnen Rabbiner Dr. Joel-Breslau. Der Vorsitzende gedenkt mit warmen Worten der Verdienste, die sich der selige Dr. Joel auch um den Lehrerverein erworben hatte. Er bittet die Versammlung, die stehend die Worte des Vorsitzenden anhörte, das segensreiche Beispiel und Andenken des Verstorbenen stets vor Augen und in Ehren zu halten. Auf Antrag des Dr. Brann-Pleß wird der bisherige Vorstand, bestehend aus den Herren Dr. Samnelsohn, Dr. Badt und Dr. Freudenthal in Breslau,