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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-06-26 · Heft 26 (26.6.1891) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 26 (26.6.1891)
Date
1891-06-26
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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55. Jahrgang. tlr. 26.;jjp|yy Berlin, 26. Juni 1891 NeiLcrge zur „Allgemeinen Zeitung öes Zuöentkurns". Korrespondenzen xtnb Nachrichten. Deutschland. 2S Berlin, 22. Juni. Die Entlassung eines jüdischen Redakteurs der „Vossischen Zeitung" Hai in den letzten Wochen die Blätter verschiedenster Richtung vielfach beschäftigt. Wir glaubten von der Angelegenheit nicht früher Notiz nehmen zu sollen, als bis der Grund der Entlassung zweifellos feststände. Das ist nun der Fall. Herr Paul Marx, der in Frage stehende Redakteur, veröffentlicht eine Erklärung, aus der sich ergiebt, daß in der That die Zugehörigkeitzur jüdischen Religionsgenossenschaft den ersten Grund zur Kündigung abgegeben hat. Die für uns wichtigsten Stellen der Marx'schen Erklärung lauten: „Meine Entlassung seitens der „Vossischen Zeitung" ist verfügt worden, nachdem Chefredakteur und Verleger der „Voss. Ztg." durch Denunciation seitens des Redakteurs M. die ihnen unbekannt gebliebene, einem Theil der Redakteure der „Voss. Ztg." seit Jahren bekannte Thatsache erfahren hatten, daß ich Jude bin. Die Denunciation erfolgte, weil der Chefredakteur der „Voss. Ztg.", Herr Stephany, die feste Absicht hatte, seine Stellvertretung während seiner HrrauBSgeit, welche im vorigen Jahre Herrn M. übertragen war, in diesem Jahre nur zu übertragen, und Herr M. es mit seinem Pflichtgefühl gegenüber der Zeitung nicht für vereinbar fand, schweigend zuzusehen, daß ein Jude die „Voss. Ztg." als verantwortlicher Redakteur zeichne. Die Kündigung erfolgte am 22. Mai in mündlicher Form durch folgende Eröffnung, die mir Herr Stephany machte; Denken Sie sich nur, Herr Marx, die Jntrigue gegen Sie ist viel weiter gegangen, als ich geahnt hatte; sie ist zum Theil auch gegen mich gerichtet, weil ich Sie zu meinem Vertreter machen wollte. Ich muß überhaupt von jetzt an den Vertreter aus der inneren Politik nehmen, also von dem Posten, den Sie jetzt bekleiden, und ein Jude kann die „Voss. Ztg." ebensowenig als verantwortlicher Redakteur zeichnen, wie etwa ein Christ die „Zeitung des Judenthums" zeichnen könnte, denn die „Vossische Zeitung" ist immer ein christliches Blatt gewesen. ..." Wir wissen wohl, es ist nicht sogenannter Antisemitismus, welcher die „Vossische Zeitung" zu solchem Schritte drängt; es ist eine nicht zu billigende Konzession an den Judenhaß, es ist die Furcht, daß der heute als Angriffsziel so beliebte Jude trotz aller Tüchtigkeit der mit ihm verknüpften Sache durch seine Person schaden könne. Wir müssen es beklagen, daß die „Vossische Zeitung" nicht den Muth hat, den von ihr theoretisch vertretenen Liberalismus auch durch die That zu bewahrheiten, daß sie vielmehr glaubt, mit den Wölfen heulen zu müssen. Als durchaus verunglückt müssen wir aber die von Herrn Stephany gezogene Parallele mit unserm Blatt bezeichnen, da es in den 54 Jahren unseres Bestehens gar nichts Seltenes war, daß unsere Redaktion auch christliche Mitglieder zählte, und daß Letztere wiederholt als verantwortliche Redakteure zeichneten.— Zum Schluß haben wir noch git berichten, daß Herr Geheimrath C. R. Lefsing, der Besitzer der „Vossischen Zeitung", heute gleichfalls eine Erklärung erläßt, in welcher er angiebt, der Kündigung des Herrn Marx fern gestanden zu haben. 4. Berlin, 21. Juni. Der neugewählte Prediger der Reformgemeinde, Herr Dr. Klemperer, hat heute seine Antrittspredigt gehauen. Das Gotteshaus in der Johannisstraße war schon lange vor der festgesetzten Zeit von einem zahlreichen Publikum bis zum letzten Platz gefüllt. Pünktlich um 11 Uhr erfolgte die'Einführung des Neugewählten durch zwei Mitglieder des Vorstandes, während der Chor die Worte anstimmte r „Gesegnet sei, der da kommt im Namen des Herrn." Nach Vollendung der üblichen Liturgie durch die Herren Dr. Levin und Oppenheimer bestieg Herr Dr. Klemperer die Kanzel, um in Anlehnung au das Psalmwort: „Ich will den Morgen wecken" die Aufgaben zu schildern, die er in seinem Wirken als Lehrer und Geistlicher der Reformgemeinde sich gestellt habe. Berlin, 19. Juni. Das gestrige F e st in der Philharmonie Sit Gunsten der russischen Juden verlief zur ungetheilten Befriedigung aller Theilnehmer. Nehmen wir vorweg, daß der Ertrag für den wohlthätigen Zweck sich auf mehr als 18,000 Mark beläuft, so wird uns die Genugthuung erfüllen, daß der schöne Zweck, der das Fest mit Weihe und alle Anwesenden mit Begeisterung erfüllte, erreicht ist. Eine zahllose Menschenmenge erfüllte schon lange vor Beginn des Festes die Prachträume der Philharmonie. Gegen 8 Uhr begann das Konzert mit der von Herrn Dr. Reimann stimmungsvoll auf der Orgel zu Gehör gebrachten ^-äur-Sonate von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Stürmisch begrüßt erschien Frau Teresina Geßner auf dem Podium, um mit der Gefühlsinnigkeit, die wir immer auf's Neue an dieser Künstlerin bewundern, den von Richard Schmidt-Cabanis verfaßten Prolog vorzutragen. Dann lösten sich die ersten Koryphäen der Berliner Musikwelt ab, und es ist schwer zu sagen, wem die Palme gebührt, ob Franz Krolop, der „Die Uhr" von Löwe und „An der Weser" von Pressel vortrug, oder Heinrich Grünfeld, der das stets zu Herzell gehende Rol-Nidrei und zwei leichtere Stücke mit gewohllter Meisterschaft zu Gehör brachte, oder unserm Nikolaus Rothmühl, her einen wahreil Sturm von Begeisterung entfesselte und seinem „Wägderer in der Sägemühle" (voll Sukzer) unb dem reizenden Alfred Grünfekd'schen „Wie schön bist Du" noch einen Vortrag beifügen mußte. Dann stand der Name „Marcetta Sembrich" auf dem Programm, unb man weiß, daß scholl dieser Name gellügt, um alle Herzen höher schlagen zu lassen. Und als der Lieblilig des Publikums erschiell, da schwoll der Beifall lawillenartig an. Wie hinreißeild trug sie aber auch ihr „Endlich naht die Stunde" aus dem Figaro vor unb wie anmuthvoll das Mozartsctie „Veilchen", das sie auf ungestümes Drängen der enthustasmirte»l Zuhörer zugab. Die Fluth des Beifalls ließ noch nach Milruten llicht nach. Den Abschluß des Konzertes bildete ein von Max Baller gedichteter Epilog, der von Fräulein Anna Jdsigson wirknllgsvoll vorgetragen wllrde. Die Klavierbegleitung der musikalischen Piecen lag in den Händen des Herrn Josef Schlar. Das Konzert ist beendet, und die Menge vermehrt sich noch beträchtlich durch Hunderte von Nachzüglern. Der Himmel ist gnädig, unb der Garten nimmt eineil Theil auf, die anderen drängen nach oben, hat doch ein zur Verkeilung gekommenes Gedicht diesen Weg nach dem Glücke gezeigt. Frau Agnes Sorma und Frl. Mayburg hallen Wacht am Glücksrad. Dort Frälllein Jenlly Groß all der Sektbude, Fräulein Pepi Glöckner verkallft Liqueur, Fräuleill Odikon hält Bklllllen, Fräuleill Conrad Konfitüren feil, und in beu verheißungsvollen Würfelbuden repräsentiren die Damen Abich und Digkas. Halt, Tanzmusik! und nachdem die erste Lust der jullgen, sehr zahlreich vertretenen Welt gestillt und Mitterllacht vorbei ist, beginnt Theil 3 des Programms: Humoristische Vorträge. Die Damen Pepi Glöckner, Schmidt, Digkas, die Herren Alexander, Meißner, Swoboda und zuguterletzt die Müncheller Schuhplattler. Die Wogen der Lust gingen schon hoch genug, aber den wackeren Mimen gelang es, sie lloch zu erhöhen. Und wieder trat dann Terpsichore in ihre Rechte bis zum späten Morgen. 53 Berlin, 26. Juni. Nachdem es dem geschäftsführenden Ausschuß des Deutschen Central-Komitees für die russischen Juden gelungen ist, von ihm ressortirende Sichtungs-Komitees an den Grenzstationerl zu organistren, hat das Berlin-Charlottenburger Lokal-Komitee auf Veranlassung des geschäftsführenden Ausschusses des deutschen Central-Komitees beschlossen, seine Thätigkeit am Dienstag den 23. d. Mts. Abends einzustellen. Die Grenzkomitees überllehmen nunmehr die gesammte Weiterbeförderung nach geschehener Prüfung der persönlichen Verhältnisse eines jeden Auswanderers gemäß der mit dem Central Komitee festgestellten Normen. Um der einheitlich gewordenen Leitung die Mittel für die bevorstehenden großen Aufgaben zuzuführen, und um jede Zersplitterung zu vermeiden, welche auf das gesammte Hilfswerk nur schädlich wirken könnte, wird höflichst gebeten, alle für diesen wohlthätigen Zweck gütigst bestimmten Spenden ausschließlich an den Schatzmeister, Herrn Generalkonsul Eugen Landau, Berlin, Wilhelmstraße 70b, zu richten.

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