Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1891)
- Date
- 1891-06-26
- Page
- Seite 312 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227877-3227904--48045-3270543- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Lebensgeister erwecken. Während der ganzen Reise blieb er an meiner Seite, behandelte mich äußerst liebevoll und ließ es mir an Nichts fehlen. Nur noch eine Tagereise trennte uns von unserem Ziele, da führte mich mein Gönner in die Kajüte, sperrte diese von innen ab und begann mit ernstem, gemessenem Tone: „Mein lieber Freunh! wir nähern uns der Hauptstadt Amerika's, bei Dir steht es nun, rasch Dein Glück zu machen und als reicher Mann zu Deiner Familie zurückzukehren; höre meinen Vorschlag. Es giebt in New-Jork Schwimmmeister, die da glauben, von keinem Andern in dieser Kunst übertroffen zu werden; nun habe ich mich jedoch überzeugt, daß Du diese Kunst noch viel besser verstehst und mit Jedem konkurriren kannst. Getraust Du Dich also, eine Wette mit diesen Schwimmern einzugehen, wer von Euch länger im Wasser schwimmen kann, dann bist Du ein gemachter Mann, und Dir ist für immer geholfen." — „Herr!" sagte ich, „Du weißt, daß ich durch drei Stunden dem Schiffe nachgeschwommen bin, bis ich dasselbe eingeholt; wenn es sein müßte, würde ich auch noch einmal so lange schwimmen." Freudestrahlend drückte er mir die Hand. Kaum gelandet, ließ mein Gönner an allen Straßenecken plakatiren und in alle Zeitungen einrücken, er habe einen Schwimmmeister aus Europa mitgebracht, dem Keiner in der Schwimmkunst ebenbürtig sei, und proponirte eine hohe Summe als Preis einer Wette. Es währte nicht lange, als sich ein Partner meldete, der die Wette einging, und wurde der folgende Tag zur Austragung festgesetzt. Mein Gönner überraschte mich mit einem prachtvollen Schwimmanzug, war aber nicht wenig erstaunt, als ich ihm erklärte, die Tour nur in meinem gewöhnlichen Anzug zu machen, da mir in dem andern zu kalt wäre, lange Zeit im Wasser zu schwimmen. Des andern Tages fuhren wir zur festgesetzten Stunde hinaus zur See, nicht daß ich zuvor an die Mitnahme einiger Laibchen Brod, eines kleinen Vorrathes von Zwiebeln und Knoblauch vergessen hätte. Das Ufer war von Menschen übersäet, die gekommen waren, das große Schauspiel mit anzusehen; ich mußte lächeln, als mir mein Gönner erklärte, alle diese Massen seien herbeigeströmt, um mich schwimmen zu sehen, und konnte es gar nicht begreifen, daß die Leute in der neuen Welt so etwas noch nicht gesehen haben sollten. Eben wollte ich diese Benierkung meinem Gönner mittheilen, als ein Geräusch unter der Menge entstand und ein tausendstimmiges Hurrah ertönte, ehrerbietig wich Alles aus, um einem im schnellsten Trabe daher rollenden Wagen Platz zu machen, dem ein Mann von herkulischem Aussehen mit einem martialischen Schnurrbarte entstieg, mit eben einem solchen Schwimmanzuge bekleidet, wie mir ihn mein Gönner zu dem Zwecke geben wollte. Er wechselte mit diesem einige Worte in einer niir unverständlichen Sprache, maß mich voyr Scheitel bis zur Zehe, frug, ob ich wirklich sein Partner wäre, der sich mit ihm messen wolle, wobei er in ein Gelächter ausbrach, in das alle Anwesenden mit cinstimmtcn. Da ertönte auf einmal ein Glockenzeichen, wir mußten ans Ufer Vorrücken, woselbst die Jury aufgestellt war; da frug mich mein Partner, der sich vom Lachen noch immer nicht erholen konnte, wozu ich denn eigentlich das viele Brod und die anderen Leckerbissen um die Taille gebunden habe; nun sagte ich, wenn wir einige Stunden, vielleicht gar den ganzen Tag schwimnien werden, muß der Mensch doch auch Nahrung zu sich nehmen. Bei diesen Worten erblaßte er und erklärte sich für besiegt; mit einem solchen Künstler, der bei einer Schwimmwette auf so was bedacht sei und solche Vorbereitungen treffe, könne er sich unmöglich messen. Abermals ertönte ein Hurrahgeschrei, es galt aber diesmal mir und meinem Gönner, Letzterer behob die Wettsumme, gab mir noch am selben Tage 10,000 Fl., und schon mit dem nächsten ^Schiffe schwamm ich nach Europa zurück. Mit offenen Armen wurde ich von Familie und Verwandten empfangen, ich baute mir diesen Gasthof und habe ihn zur ewigen Erinnerung „zum Schwimmer" genannt, hier lebe ich nun glücklich und zufrieden und denke immer, was Gott thut, ist wohlg'than." 9 Toleranz. Wenn weichen will dem Lenz die Winteruacht. Erweitern sich die Seelen voll Entzücken; Sie jubeln, denn so Vieles durfte glücken, Und herrlich weit hat's auch der Mensch gebracht! Doch immer wieder siegt die finstre Macht, Zerstört des Fortschritts, der Befreiung Brücken, Ein linder Mai zeigt, jählings Winterjücken, Der Geist — versinkt in Mittelalterschacht! Um wen'ger Glaubensworte willen haßten, Verbrannten Christen einst sich, und sie faßten Das milde Wort Segenswort nicht: Toleranz! Auch ich erfaß es nicht! Denn toleriren Heißt dulden, zugestehn! heißt sich geriren: Als sei man Gott und thron' im Sphärenglanz! Alfred Friedmann. Litterarische Mittherlungen. — Ein wichtiges Kapitel über die Stellung des Judenthums zu den Völkern unserer Zeit, sowie denjenigen der Vorzeit, welche im Talmud gewöhnlich Akkum genannt werden. Herausgegeben von Moritz Baum. Dritte, durch zahlreiche Gutachten jüdischer Theologen der Gegenwart erweiterte Auflage. Frankfurt a. M. 1890. (Selbstverlag.) Die genannte Schrift ist bereits im Jahre 1884 in den verschiedensten jüdischen Zeitschriften des In- und Auslandes sehr günstig rezensirt worden. Sie war damals ein Wort zur rechten Zeit, da der Antisemitismus im Bestehen war und der Prozeß Ecker-Gildemeister nicht geringen Vorschub leistete. Leider ist das Buch des Herrn Baum noch immer zeitgemäß, denn die Anklagen gegen das Judenthum haben in den letzten 7 Jahren nicht nur nicht abgenommen, vielmehr an Intensität gewonnen. Der Verfasser hat Gutachten über folgende Fragen eingefordert: 1. Was ist Talmud? 2. Was bedeutet das Wort Akkum? 3. Welche Stellung nehmen wir dem Schulchan Aruch gegenüber ein? Mehr als 15 Rabbiner haben sich über diese Fragen theils ausführlich, theils in Kürze gutachtlich geäußert und dem Sinne nach fast gleichlautende Antworten ertheilt. Das ist sehr erfreulich! Wer die Gutachten aufmerksam liest, wird finden, daß die Verfasser sämmtlich von glühender Liebe zum Judenthum beseelt sind, daß die Stimme der Wahrheit aus ihnen spricht, daß die Liebe zur Wahrheit ihre Väter führte, daß alle bestrebt sind, die Lehre des Judenthums zu retten, die heute so arg verletzt wird. Männer von durchweg orthodoxer, mittlerer und reformatischer Richtung reichen sich hier die Bruderhand und erklären übereinstimmend: Talmud und Schulchan Aruch sind jüdische Geistesprodukte, welche die höchste Tugend, die höchste Moral und Sittlichkeit allen Menschen gegenüber zur Pflicht machen, und wenn auch hin und wieder eine Stelle gefunden wird, die mit unseren Anschauungen nicht übereinstimmt, so ist diese auf die früheren Zeitumstände zurückzuführen, wofür wir jede Verantwortung auf das Entschiedenste ablehnen. Die Gutachten wurden schon im Jahre 1884 gesammelt, konnten jedoch durch besondere Umstände nicht früher veröffentlicht werden. Wir sind Herrn Baum für die Veröffentlichung dankbar und wünschen ihm, daß fein Buch viele Leser finden und dazu beitragen möge, die Achtung vor unserer mehrtausendjährigen Religion zu erhöhen! U. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für dre Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.