Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1891)
- Date
- 1891-06-26
- Page
- Seite 311 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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m WW«W , 311; WWWW^MWN^^MWWWWMWM Schnelligkeit dahin, daß wir bald das feste Land aus den Augen mit dem ersten Schiffe nach der neuen Welt zu schwimmen. In Hamburg angekommen, lies ich sofort, um ja nicht zu spät zu kommen, nach dem Hafen, bezahlte meinen Platz auf dem Schiffe und verblieb, obwohl mir bedeutet wurde, daß das Schiff erst nach drei Tagen auslaufen werde, in der Nähe desselben am Ufer unter freiem Himmel, um nur ja rechtzeitig am Platze zu sein. Das lebhafte Treiben im Hafen, das Hin- und Herrennen der Matrosen, das Ein- und Ausladen von Maaren, das Ankommen immer neuer Passagiere hatte für mich wenig Interesse, meine Gedanken waren bei meiner zurückgelaffenen Familie und ich brütete stumpf vor mir hin, ohne auf das zu achten, was um mich her vorging. Erst später sollte ich erfahren, daß unter den neuen Ankömmlingen ein reicher Gutsbesitzer war, der, als er die Liste der Passagiere durchblätterte und mich, einen polnischen Juden, als Reisegefährten verzeichnet fand, mit dem Kapitän unterhandelte, daß er für mich das doppelte Reisegeld - vergüten wolle, wenn er mich zurück ließe, da er als Antisemit von echtem Schrot und Korn unmöglich mit einem Juden und noch dazu einem polnischen Juden unter einem Dache wohnen können. Der Kapitain lehnte, wenn auch ungern, dieses Anerbieten mit Hinweisung auf seine Instruktionen ab, gab jedoch die Möglichkeit eines solchen Gelingens für den Fall zu, wenn der Jude durch irgend einen Zufall sich kurze Zeit vor der Abfahrt vom Hafen entfernen sollte, daß er die Uhr um etwas vorrücken und das Zeichen zum Auslaufen geben würde. Dafür sei jedoch nur schwache Aussicht und wenig Trost, da der Jude bereits durch drei Tage den Platz nicht verläßt und im Freien hier herumbummelt, warum sollte er dieses just eine halbe Stunde vor der Abfahrt thun. Und der tückische Zufall, der schon so manchem im Leben einen Streich gespielt, hatte auch mich nicht verschont; im letzten Augenblicke erinnerte ich mich, daß mein Vorrath an Zwiebeln und Knoblauch nicht für die ganze Fahrt ausreichen dürfte, und da noch eine halbe Stunde Zeit war, lief ich den kurzen Weg zur Vorstadt zurück, um mich für alle Fälle mit dem schwer zu entbehrenden Surrogat zu versehen. Dieser Moment, von dem Kapitän und dem Gutsbesitzer wahrgenommen, wurde zur Ausführung des geplanten Manövers benutzt, das Glockenzeichen ertönte, und schon flog das Schiff mit Blitzesschnelle dahin, zur unsäglichen Freude des Gutsbesitzers, daß der Coup so gut gelungen. Man denke sich jedoch meinen Schrecken, fuhr der Wirth in seiner Erzählung fort, als ich athemlos und schweißtriefend nach wenigen Minuten am Ufer anlangte und das Schiff ausgelaufen und pfeilschnell dahinschwimmen sah. In der Verzweiflung warf ich mich zu Boden, weinte und schrie wie wahnsinnig, als ob ich dadurch das Schiff in seinem Laufe aufhalten könnte, und war schon versucht, gegen die Vorsehung zu murren, die mir armem und weltverlassenem Manne so hart mitgespielt, als ein Matrose an mich herantrat und sich nach meinem Leid erkundigte. Als ich ihm dieses in eindringlichster Weise klagte, sann er ein Weilchen nach und frug mich, was ich ihm zahle, wenn er mich in seinem Kahn dem dahineilenden Schiff zuführe. Mein ganzes Vermögen, da ich bereits die Fahrt auf dem Schiff erlegte, war ein Gulden, den ich dem wackern Mann nebst Gotteslohn bot, wenn er dieses gottgefällige Werk an mir Unglücklichem vollziehe. „Das Entgelt, von der Anweisung an den lieben Herrgott abgesehen, ist zwar sehr gering, doch Du dauerst mich, armer Jude, steige rasch ein, wir haben keine Zeit zu verlieren, das Schiff hat schon einen gewaltigen Vorsprung, und nur der Umstand, daß es in offener See einen langsameren Cours einnimmt, kann uns etwa in drei Stunden demselben nahebringen, und da Du Deinen Platz bezahlt, müsien sie Dich ohne Weiteres aufnehmen." Wir bestiegen den Kahn, der wackere Mann setzte die Ruder ein und steuerte mit wuchtiger Kraft darauf los, wir schwammen mit solcher verloren. Inzwischen wurde es stockfinstere Nacht, ein fernes schwaches Rollen des Donners und dazwischen zuckende Blitze, die uns glücklicher Weise die Richtung desSchiffes in deutlichenUmriffen zeigten, kündigten ein herannahendes Gewitter an, und dabei floß der Regen in Strömen, so daß ich bis auf die Haut durchnäßt in einer Ecke des Kahnes stumpfsinnig kauerte, da auf einmal klopfte mir nrein Fährnrann auf die Schulter: „Wach auf Jude, wir haben das Schiff erreicht, es befindet sich jedoch Niemand auf dem Verdeck, den ich anrufen könnte, ich fahre daher knapp an das Schiff, Du kletterst auf meine Schultern, hältst Dich fest am Geländer und bist von da mit einem Sprunge auf dem Verdeck." Gesagt, gethan, es dauerte keine Minute, und ich stand auf festem Boden des Schiffes; bei der herrschenden .Finsterniß und dem plätschernden Regen war an eine Orientirung nicht zu denken, ich schlüpfte hinter eine Bank, die mich vor dem Regen schützte, und schlief vor Müdigkeit arich bald ein. Als der Tag zu dämmern begann lind auch der Regen aufhörte, tauchten einige Gestalten der Schiffsmannschaft auf dem Verdeck auf, die geschäftig hin- und hereilten, um wieder Alles in Ordnung zu bringen. Bei meinem Anblick wichen sie jedoch mit Entsetzen zurück, bekreuzten sich und erhoben ein fürchterliches Geschrei, als hätten sie ein Seeungeheuer, das sich während des nächtlichen Gewitters auf das Schiff geflüchtet, gesehen. Durch das wilde Geschrei aus dem Schlafe geweckt, kamen der Kapitän und fast sümmtliche Passagiere, die ein Unglück ahnten, auf das Verdeck, blieben jedoch Alle, vom Schrecken gelähmt, sprachlos stehen und hefteten ihre bleichen Gesichter auf das Plätzchen, wo ich lag. Der Kapitän jedoch, ein beherzter Mann, näherte sich mir vorsichtig bis auf einige Schritte und schrie mich barsch an: „Bist Du es wirklich, Jude, und wie kommst Du hierher?" Vor Kälte und Nässe am ganzen Körper zitternd, zudem von Natur aus sehr zaghaft, war ich nicht im Stande, die an mich gerichtete Frage sofort zu beantworten, so daß der Kapitän sich gezwungen sah, dieselbe nochmals, mit einem derben Fußtritt begleitet, zu wiederholen. Mit der größten Anstrengung brachte ich nur die Worte hervor: „Wie soll ich sein hergekommen, Herr Kapitän, ich bin dem Schiffe nachgeschwommen, bis ich es habe cingeholt." War das Entsetzen bei meinem Anblick im ersten Augenblick schon fürchterlich, so war dies jetzt nach meiner Antwort um so mehr der Fall; sprachlos, jedoch mit einem unverkennbaren Ausdruck der Bewunderung wurde ich von meiner ganzen Umgebung betrachtet, da trat jener Gutsbesitzer gefaßt an mich heran, reichte mir die Hand und sprach: „Alle Achtung, mein Herr, Sie haben etwas Großartiges geleistet, wofür Ihnen die höchste Anerkennung Ihrer Mitmenschen gebührt, ein Bravourstück, das, hätte ich es nicht selbst miterlebt und mit eigenen Augen gesehen, ich niemals für möglich gehalten hätte. Doch vorerst, mein lieber Freund, bedürfen Sie nach solcher Strapaze der Ruhe und Erholung, theilen Sie, als geringen Beweis meiner Werthschätzung, während der ganzen Ueberfahrt meine Kajüte mit mir, seien Sie mit einem Worte mein Gast und ich werde nicht ermangeln, auch für Sie bei unserer Ankunft in Amerika zu sorgen." Wer hätte je gedacht, oder sich träumen lassen, daß die Antisemiten im Grunde genommen, solche gutherzige und liebe Leute sind und es mit den Juden so gut und aufrichtig meinen. - So räthselhaft mir auch immerhin die Worte und das ganze Benehmen jenes Herrn erschienen, machte ich doch sofort von seinem liebevollen Anerbieten Gebrauch. Von ihm selbst in seine Kajüte geleitet, mußte ich sofort Kleider und Wäsche aus seinem Koffer gegen meine nassen wechseln, durch einen Imbiß meinen Körper stärken und die erschlafften