Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1891)
- Date
- 1891-06-26
- Page
- Seite 310 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Wenn einmal der „rituelle Mord" „Sozialismus" hieß, so führte Jene nur die abgefeimte Klugheit dazu. Genau genommen ist's dasselbe, verschieden ist der Name blos!" Ich hatte Herrn Edwin nie so heftig gesehen. Seine Worte hatten mein Inneres getroffen; ich schämte mich meiner und meines Zeitalters. Er sah mich lange prüfend an. , Dann reichte er mir treuherzig die Hand. FEUILLETON Der Schwimmer. Bon S. Jahoda. Es war in den letzten Tagen des vorigen Monats, als ich von einem Wiener Hause den Auftrag erhielt, sofort nach N. in Galizien zu reisen, um aus dem'Schiffbruch eines insolvent gewordenen, mit dem Hause in Verbindung gewesenen Kaufmannes zu retten, was nach zu retten sei. — Ich fuhr unverweilt mit dem noch am Abend desselben Tages abgehenden Zuge der Nordbahn ab, um am nächsten Abend an Ort und Stelle zu sein. Die Fahrt ging trotz der unfreundlichen Witterung anstandslos vor sich, und nur noch einige Stationen trennten mich von meinem Ziele, als unser Zug plötzlich auf freiem Felde durch Signale zum Stehen gebracht wurde. Angsterfüllt verließen sämmtliche Mitreisenden die Coupoes, um nach der Ursache des Zwischenfalles zu fragen, und wir erfuhren zu unserem nicht geringen Schrecken, daß unmittelbar vor uns, in Folge der letzten Regengüffe eine circa 200 Meter lange Erdabrutschung stattgefunden, die das Geleise unfahrbar gemacht, io daß an eine Weiterfahrt gar nicht zu denken sei; der Zug müsse demnach in die letzte von uns verlassene Station zurück dugsirt werden und dort das Freimachen des Geleises abwarten; wie lange dieses jedoch dauern dürfte, sei unmöglich schon jetzt vorher zu bestimmen. Man denke sich unsere Situation, wir standen rathlos da in finsterer Nacht aus freiem Felde und im strömenden Regen, von der anstrengenden Reise ermüdet, aber dennoch gezwungen, einen raschen Entschluß zu saffen, da bereits das Signal zum Einsteigen gegeben. Fast alle meine in Mitleidenschaft gezogene Reisegefährten entschlosien sich nolens volens, sich in das Unvermeidliche zu fügen und in die zuletzt verlaffene Station zurückzukehren, obwohl diese eine trostlose Aussicht für die zu verbringende Nacht gewährte. Ich jedoch, von der Wichtigkeit meiner Mission durchdrungen, faßte den raschen Entschluß, zu Fuß nach dem mir aus früheren Reisen in dieser Gegend bekannten Städtchen Z., das etwa eine Stunde von hier entfernt, zu wandern, daselbst zu übernachten und zeitlich Morgens mit Postpferden meinem Bessimmungsorte zuzueilen. Ich schritt muthig darauf los, so weit es eben der bodenlose Weg gestattete, gestärkt von der Aussicht, meinen erschlafften Gliedern, wenn auch keine komfortable Stärkung, so doch immerhin eine halbwegs wohlthuende Ruhe zu verschaffen, denn das Städtchen, zumeist von Juden bewohnt, hatte, so viel ich mich erinnerte, nur ein einziges Einkehrhaus für zufällig sich dahin verirrende Wanderer. Wie erstaunte ich jedoch, als mir beim Einbiegen in die erste Gaffe, beim matten Schein einer fast erlöschenden Oellampe, ein großes, stattliches Gebäude entgegenstarrte, noch mehr aber, als ich an demselben eine große mit goldenen Lettern angebrachte Tafel: „Gasthof zum Schwimmer des Jankel Rosenduft" gewahrte. In freudiger Aufregung, daß auch hier schon die Civilisation eingekehrt, lenkte ich eilends meine Schritte dahin; im Hausflur wurde ich von dem dort postirten Hausknecht sofort nach der Wirthsstube geleitet und daselbst von dem Wirthe im langen, schwarzen Kaftan, mit dem Sammetkäppchen auf dem Kopfe, das er jedoch' ehrerbietig lüftete, auf das Freundlichste begrüßt und zu einem mit weißen Linnen bedeckten Tisch geführt. Die Stube war hell beleuchtet, sauber und rein, wie ich es mir in den kühnsten Erwartungen kaum hätte träumen lassen; doch war ich der einzige Gast, was mir eben nicht unlieb war, da ich nach einzunehmendem Mahle mich sofort zur Ruhe begeben wollte.- Waren es die überstandenen Strapazen oder war es in Wirklichkeit, daß mir das Gebotene, vom Wirth und der Wirthin selbst kredenzt, so vortrefflich mundete; genug, mir war ganz wohlig zu Muthe, und unterließ ich es nicht, meinem Wirthe, der, der Eigenheit dieser Leute entsprechend, mich nach dem Woher, Wohin u. s. w. ausfrug, auf seine Fragen Bescheid zu thun; im Laufe des Gesprächs entfuhr mir unwillkürlich die Gegenfrage, wie es komme, daß in diesem, von jedem geschäftlichen Verkehr ganz abgeschloffenen Städtchen ein so ziemlich komfortabler Gasthof bestehe und die eigenthümliche Benennung „zum Schwimmer" trage. Diese unschuldige Frage kam mir insofern theuer zu stehen, als sie mir eben die angehoffte Ruhe der halben Nacht raubte, was ich nunmehr jedoch keineswegs bereue, denn die Erzählung des gesprächigen Wirths, dessen Augen sofort freudig erglänzten, gewährte mir Zerstreuung und Unterhalt, so daß ich es kaum gewahrte, daß schon längst die Mitternachtsstunde vorüber war, als er mit seiner Erzählung zu Ende kam. „Mein Herr!" fing der redselige Mann in seiner Weise an, „Sie werden aus meiner Erzählung ersehen, daß die Wege der Vorsehung unerforschlich sind, daß der kurzsichtige Mensch oft dasjenige für das größte Unglück ansieht, was in der That sein Glück begründet, und wir werden es auch erleben, daß die Antisemiten bei Ihnen in Wien noch die besten Freunde ihrer jüdischen Mitbürger werden; denn was Gott thut, ist wohlgethan, wollen wir ihm nur allein vertrauen. Als Kind wohlhabender Eltern erblickte ich in diesem Städtchen das Licht der Welt; kaum daß ich das Lesen erlernte, wurde ich zum Studium des Talmud angehalten , und dieser einzige Gegenstand füllte meine Jugendjahre aus; mit vierzehn Jahren, ohne jeden Lebensberuf, ohne Anschauung über den eigentlichen Zweck des Menschen, ohne von der Welt oder den Menschen, mit Ausnahme der wenigen meiner Umgebung, etwas zu wissen, wurde ich ohne meinen Willen, wie es in unserer Gegend Sitte und Gebrauch ist, verheirathet, ich bekam ein Weib und mit ihr die Zusicherung freien Tisches bei meinen Schwiegereltern und hatte nach wie vor keine andere Beschäftigung als das Studium des Talmuds. Dieses eintönige Leben führte ich einige Jahre fort, inzwischen starben meine Schwiegereltern; obwohl sie mir ein kleines Vermögen hinterließen, wußte ich dennoch damit keinen Erwerb zu beginnen, und daffelbe schmolz nach und nach so zusammen, daß ich nach kurzer Zeit mit Weib und drei Kindern dastand, ohne zu wissen, woher Brod für dieselben nehmen. Zur damaligen Zeit war viel bei uns davon die Rede, daß unbemittelte, existenzlose Leute nach Amerika, der neuen Welt, wie man sagte, auswandern, daß jede Woche ein Schiff über den Ozean schwamm, und daß alle diese Leute dort ihr Glück machen. Von diesem Gedanken beseelt, faßte auch ich den kühnen Entschluß, nach Amerika zu schwimmen (ein Ausdruck, den man bei uns für das Fahren auf dem Waffer gebrauchte); ich verkaufte die wenige mir noch gebliebene Habe, um mir das Reisegeld aufzubringen, empfahl Weib und Kinder dem Wohlwollen einiger Anverwandten und mein Schicksal dem allmächtigen Vater im Himmel, der jeden Spatzen auf dem Dache sein Futter finden läßt, daß auch er für mich sorge, so daß ich in meiner Naivität bald als reicher Mann zurückzukehren, Allen versprach. Ich löste ein Billet nach Hamburg, um von dort