Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1891)
- Date
- 1891-06-26
- Page
- Seite 309 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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- 309 — DÄMMTE», nach Ihrer Zeit leben, können des 19. Jahrhundert ganz anders beurtheilen, als Sie. Die Geschichte redet mit anderen Zungen über die Ereignisse, als die Menschen, die sie mit erlebt haben. Diese sehen die Dinge und Geschehnisse um sie her durch die Brille der Leidenschaft und des Parteistandpunktes. —" »Wollen Sie damit behaupten, die Juden in unserm Jahrhundert seien ehrlich gewesen?' »Ja, so ehrlich, wie man es von ihrem Zeitalter verlangen kann. Zum Handel aber waren die Juden durch die Christen im Mittelalter erzogen worden. Verlangte denn der Handel im 19. Jahrhundert nicht einen großen Aufwand von körperlicher und geistiger Thätigkeit?" »Ganz recht/ sagte ich und glaubte, Herr Edwin hatte sich mit seiner Frage eine Blöße gegeben, die ich zu meinem Vortheile ausnutzen wollte. Darum sprach ich in nachdenklichem Tone weiter: , Der Handel aber bot die größten materiellen Vortheile und deshalb wandten sich die Juden ihm zu. —‘ „Nun," rief Herr Edwin, „mit dieser Behauptung, scheinen Sie den Handel als unmoralisch zu betrachten. Nun erinnere ich Sie noch daran, daß der Handel in Ihrem Zeitalter nicht nur von Menschen aller Konfessionen betrieben wurde, sondern der Staat sogar ein Handelsmann war. Wollen Sie nicht selbst den Schluß davon ziehen?" »Aber die Unredlichkeit der Juden im Geschäfte!' wandte ich ein. »Die meisten Juden, die in meinem Zeitalter gerichtlich verurtheilt worden sind, hatten Strafen wegen Betrugs und damit verwandter Verbrechen zu erleiden!' „Wollte ich selbst die Richtigkeit Ihrer Behauptung zugeben, so wäre noch nichts damit erwiesen! Ein wahres Urtheil nach dieser Seite hin ließe sich bilden, wenn die Strafsachen Ihrer Zeit nach der Beschäftigung, dem Berufe der Bestraften geordnet wären. Dann wird sich unbedingt Herausstellen, daß verhältnißmäßig ebenso viel Christen als Juden wegen Betrugs und dergleichen verurtheilt worden sind. Die Gelegenheit macht den Dieb, und in den Geschästsververhältnissen Ihrer Zeit war die Versuchung zum Betrüge enthalten." »Wenn dem so wäre', sagte ich lachend, »dann begreife ich die Ursache nicht, warum die Juden zu allen Zeiten während ihres Aufenthaltes bei anderen Völkern so sehr gehaßt und verachtet worden sind!' „Ich danke Ihnen," antwortete Herr Edwin zufrieden dreinschauend, „auf diese Aeußerung habe ich nur gewartet. Ehe ich aber auf den Inhalt dieser Ihrer Bemerkung näher eingehe, will ich zwei Prämissen aussprechen, die anscheinend in keinem Zusammenhänge zu einander stehen. Erstens: Die christliche Religion, wie die Bibel sie will, schätze ich ungemein hoch, ihre Ethik ist fast unübertrefflich. — Zweitens: Die Bildung unseres Charakters, unseres Empfindens über Gut und Böse, Schlecht und Recht geht zum größten Theile in den Kinderjahren vor sich. Hört das Kind von einem Bösewichte, so bäumt sich das ganze kindliche Gefühl gegen ihn auf, die kleine Hand ballt sich zur Faust, und gern möchte sie auf den Miffethäter losschlagen. Wird aber die Geschichte eines edlen Menschen erzählt, da weint das Kind mit ihm, wenn er leiden muß, haßt mit ihm seine Dränger; und wenn von den wonnigen Tagen seines Lebens berichtet wird, da leuchtet das Auge des Kindes vor Freude. Haß und Liebe sind aber keine Staubtheilchen, die sich leicht mit der Hand wegwischen laffen, nein, sie sind der Keim, aus dem der weitverzweigte Baum unserer Grundsätze emporwächst. Das neue Testament nun enthält in seinem historischen Thrile direkte und indirekte Ausfälle gegen die zur Zeit Christi lebenden Juden. Von dem Heiland, der dem Kinde schon von dem Elternhause her bekannt ist, den der ernste Vater und die liebevolle Mutter so innig verehren, hört es von des Lehrers Lippen viele „Geschichten". Den Juden will er helfen, sie stoßen ihn zurück, er will die verirrten Lämmer des Hauses Israel auf den rechten Weg führen, sie verachten seine Lehren, er will Liebe geben, sie danken mit fürchterlichem Haffe. Er heilt ihre Kranken, hilft ihren Gesunkenen auf, er, der Gottessohn, ist die Liebe, und die verbitterten Juden ergreifen ihn gewaltsam, sie, die Verruchten, sitzen über den Edlen zu Gerichte und verurtheilen ihn zum Kreuzestode. Da muß er unter dem Hohn des erbosten Volkes das schwere Kreuz den Oelberg hinaustragen, zwischen zwei elenden Verbrechern wird er gehängt, und mit unsäglichen Qualen endigt sein Leben. — Das hört das Kind, und Thränen des Mitleids rinnen über seine Wangen, den Gottessohn, an dem es mit inniger Liebe hängt, haben die Juden so schlecht behandelt—„o, diese Juden!" Mag nunderLehrer die zeitgenössischen Juden in Schutz nehmen, wie erwill, mag er in derselben Stunde, in der er von den Qualen des Heilandes spricht, auch die Nächstenliebe zu den Juden predigen, wer will behaupten, daß hier und da in das Kindesherz der Keim zum Judenhaß nicht gepflanzt worden ist. Dann aber bedarf es nur kleiner Nebenumstände im Leben, und der Antisemit ist „fertig". In diesen Umständen ist die anfängliche Ursache des Antisemitismus zu suchen. Warum fanden denn zur Zeit des Mittelalters die heftigsten Verfolgungen der Juden in der Charwoche statt? Weil durch diese Festeszeit, die den Christen an das Leiden Jesu erinnert, der alte Haß, den die Kindesseele eingesogen hatte, aufs Neue Nahrung erhielt. Aus ähnlichen Ursachen wurden die Juden zur Zeit der Kreuzzüge gepeinigt.-" Herr Edwin hatte sich in Eifer geredet. Ich ging ruhig neben ihm her. Ich überdachte meine Vergangenheit, und es kam mir vor, als hätte Herr Edwin aus meinem Leben erzählt. Doch plötzlich schoß ein neuer Gedanke mir durch den Kopf. »Bedenken Sie aber, daß der Antisemitismus meiner Zeit lediglich aus sozialen Ursachen entstand!' „Das ist zum Theil unrichtig. — Ein Professor der hiesigen Hochschule hat vor einiger Zeit ein Werk veröffentlicht, das über den Kulturzustand des 19. Jahrhunderts ausführlich berichtet. Darin erzählt er von gerichtlichen Anklagen, die gegen die Juden wegen ritueller Morde erhoben worden sind. Trotzdem von Autoritäten jüdischen und christlichen Bekenntniffes in jener Zeit bezeugt worden ist, daß in den jüdisch-theologischen Schriften durchaus kein Anhaltspunkt für ein solch entsetzliches Rituell zu finden ist, trotzdem die Unschuld der Juden stets erwiesen war, tauchte immer von Neuem diese ungeheuerliche Anklage wider sie auf. Die Juden sind durch ihre Gesetze zur Reinlichkeit gezwungen, das Leben ihrer Nächsten ist ihnen thcuer, unantastbar, und diese sollten-? Die Art und Weise, wie man zu Ihrer Zeit gegen die Juden aufgetreten ist, giebt uns ein richtiges Urtheil über den sittlichen Zustand des 19. Jahrhunderts. Es kommt uns geradezu märchenhaft vor, daß sich die Justiz ernstlich mit solchen Anklagen befaßt hat. — Dann behaupten Sie, der Kampf gegen die Juden sei ein sozialer gewesen! Nun vergegenwärtigen Sie sich den Zustand Ihres Zeitalters: Im Kinde steckt der Keim zum Haffe gegen die Juden, der Mann traut ihnen die gräßlichsten Verbrechen zu, dann kommt ein Hetzapostel, um das Volk gegen den alten Sündenbock aufzuwiegeln, und der soziale Kampf ist da. „Sozialer Kampf!" nennen Sie es. Die Hetzapostel hätten den Juden irgend ein beliebiges Verbrechen zur Last legen sollen, das Volk hätte es geglaubt.