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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-06-26 · Heft 26 (26.6.1891) · p. Seite 306

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 26 (26.6.1891)
Date
1891-06-26
Page
Seite 306 (sequence 6)
Language
German
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die ruhmvollen Makkabäerkämpfe das sinkende Schiff des Glaubens und der ernsten Sitte vor dem Untergang bewahrt wurde. Diese weist auf eine Stärkung des väterlichen Glaubens durch die Uebereinstimmung der griechischen Philosophie mit demselben hin. Dann aber drängten beide zugleich auch auf einen andern Punkt hin, auf Einführung der griechischen Sprache in das Heiligthum der ererbten' Gotteslehre. War doch in dem beständigen Verkehr mit den Griechen, in der Aneignung ihrer Denkweise, Litteratur und Sitte der jüdischen Bevölkerung Aegyptens die hebräische Sprache soweit abhanden gekommen, daß sie in derselben nicht mehr die geheiligte Urkunde des Gottesworts zu lesen im Stande waren. Man mußte griechische Sprache und Schrift anwenden, um durch ihre Vermittelung das Verständniß der geheiligten Urkunde zu gewinnen. Das geschah durch die Uebersetzung des Pentateuch ins Griechische, die unter dem Namen „Septuaginta"') bekannt ist und mit großer Wahrscheinlichkeit3) unter dem ägyptischen König Ptolemäus Philometor (150), vielleicht auch durch dessen Wissensdrang mit veranlaßt/) von palästinensischen Juden unter Führung des Peripatetikers Aristobul, des ersten jüdischen Philosophen, abgefaßt wurde. Wie groß waren doch — abgesehen von dem nächsten Zweck,' den eigenen Bekennern das Verständniß der Lehre zu ermöglichen — Bedeutung und Tragweite dieser Uebersetzung! Sie hat den großen, bis heute noch nicht beendeten Siegeszug der jüdischen Offenbarungslehre eingeleitet und den Heroldruf ihrer Herrlichkeit und Größe in der bewunderten Weltsprache der Griechen an das Ohr der Völker gelangen lassen, die bis dahin keine Kunde davon hatten. Und das Gemeinschaftsleben Israels mit Andersgläubigen und den Griechen im Besondern, besten Grundzug bisher in einer immer wiederkehrenden Anleihe bei den Letztern bestand, zeigte jetzt zum ersten Mal Israel in einem unvergleichlich reichen Besitze, von dem es geben und spenden konnte, und eröffnete ihm die Perspektive, daß seine Kraft groß genug sei, um die Völker alle damit zu schmücken und zu stärken bis an der Zeiten Ende. Allein selten bleibt des Menschen Arbeit von Schatten unberührt, die auch dem Heiligsten anhaften, das er unternimmt, und wie Sprache, Schrift, Denkweise und Auffaffung bei Stämmen und Völkern eigenartig sind, so wurde durch die Septuaginta die Lehre vom Sinai in ihrer Wortfaffung verändert und sin ihrer geistigen Reinheit getrübt. An Stelle des krafterfüllten und gedrungenen Wortes, das in der heiligen Sprache eine Summe tiefster Begriffe und Vorstellungen gedanklich zusammenfaßt und in abgerundeter Form ausdrückt, bietet die griechische Sprache in der Mannigfaltigkeit ihrer Formen einen Reichthum individueller Züge an dem Gegenstand ihrer Betrachtung, die der individuellen Auffaffung den weitesten Raum gestatten. Daher lösten sich die festen Wahrheiten und dichten Unterlagen, welche der Religion Israels eigen sind, durch die Uebersetzung in spielende Bilder und lose Gestalten auf. Was bis dahin in der heiligen Ursprache als dogmatisch-wesenhaft, geschichtlich-selbständig galt, verlor durch die Umschreibung ins Griechische absolute Kraft und wurde zur Umhüllung des Unerkennbaren, Sinnbild, Allegorie. Und wie keiner geistigen Arbeit jemals Schranken gezogen sind, wie sie körperlos Zeit und Raum überschreitet, so gewann auch diese fremdartige religiöse Auffassung immer breitern Boden im Leben Israels, bis sie vollends der Einbildungskraft den Herrscherthron errichtete, mit irdischer Schätzung den Gottesgeist versinnlichte, den Menschengeist vergöttlichte und in geheimnißvoller Weise das Maß des Glaubens theils vermehrte, theils verminderte. Allerdings finden sich leise Anklänge einer derartigen Methode bereits im Midrasch, dessen Anfänge i) Ausführlich behandelt durch Frankel in: Vorstudien zur Septuaginta. y Grötz III S. 41. 3) Megillcih 9a. in die früheste Epoche des zweiten Tempels zurückreichen,') und von welchem im sopherischen Zeitalter — vielleicht durch babylonisch-persischen Einfluß — deutliche Spuren hervortreten. Im, Zeitalter des Hellenismus jedoch breitet sich durch die Vermählung des persischen Geistes mit dem griechischen das midraschische Element, einer auflösenden und zersetzenden Strömung gleich, immer mehr aus, das von Palästina her, wo es zunächst die Lehrweise beherrscht, sich über Alexandria ergießt und hier auf die Septuaginta einwirkt, die aller Wahrscheinlichkeit nach von palästinensischen Auswanderern verfaßt wurde. An der Arbeit der Septuaginta, einerseits die jüdischen Glaubens- Wahrheiten unter die Völker zu tragen und diese von der Größe und Bedeutung derselben zu überzeugen, andererseits unter dem Gesichtspunkte der Allegorie die festen Gedanken und Formen des Judenthums zu verflüchtigen, — an diesem bewußten Streben, ein wirkliches Gemeinschaftsleben mit Andersgläubigen herzustellen und dies zu einer wahrhaften Kulturgemeinschaft mit denselben zu gestalten, — nimmt das gesammte jüdisch-alexandrinische Schriftthum Theil, das nun seinen Einzug in den Hellenismus hält. Nicht nur werden jetzt die nichtpentateuchischen Schriften ins Griechische übertragen, sondern auch das gesammte Tugend- und Sittenleben Israels, deffen religiöses und geschichtliches Dasein aus der biblischen und späteren Zeit, muß den Stoff zu freier griechischer Bearbeitung in Prosa und Poesie hergeben. Ein reiches, blühendes Gemeinschaftsleben zwischen den Bekennern Israels und den Andersgläubigen spricht aus dieser Litteratur, die wie das gesammte Alexandrinische Schriftthum keineswegs schöpferisch ist, und wird durch sie vermittelt und gefördert. An der Hand dieser Litteratur wechselt der jüdische Stamm mehrfach seine politische Stellung. Er steht unter Aegypten und Syrien, wird selbstständig unter den Makkabäern und tritt zuletzt (im Jahre 63 v. Ehr.) unter die Herrschaft der Römer. Immer aber ist er in gleicher Weise bemüht, eben so sehr das geheiligte jüdische Erbe zum Gemeingut der Völker, wie hellenische Bildung und Wiffenschaft zur Gefährtin seiner eigenen Anschauungen zu machen. „Das besiegte Griechenland hat das siegreiche Rom bezwungen"3); es hat auch das glaubensstarke Israel vielfach in sein Geistes- und Schönheitsleben hineingezwungen. Aber dieses hat seiner Natur und seinem stets bewährten, unwandelbaren Charakter gemäß die entstandene Gemeinschaft gern gepflegt und zu einem reichen Gemeinschaftsleben erweitert. Es hat sein höchstes Gut, das geheiligte Gotteserbe, dem hellenischen Volke, d. h. der damaligen Welt, zum Unterpfand der Treue gegeben und von diesem die Sprache geliehen, um der Welt den Glauben zu künden. Das ist die Geburtsfiunde des Christenthums. U Parabel and Fabel bei den alten Hebräern. Von Dr. Elias Kalischer. (Schluß.) 8. Die althebräische Fabel. In den wenigen Fabeln, welche im alten Testament uns begegnen, sind Pflanzen die Hauptfiguren der Handlung. Es ist keineswegs unwahrscheinlich, daß die Stelle 1. Kön. 5,13 solche Pflanzenfabeln im Auge hat. Das zugegeben, lernen wir aus jener Stelle Etwas, was wir aus den winzigen Ueberbleibseln der betreffenden Litteraturgattung nicht lernen: nämlich, welche Pflanze in unseren Fabeln der Typus des Kleinsten, Niedrigsten war. Es 0 Zu»z, Gottesd. Vortr. Kap. 3. ') Horaz, Epp. II, 1. 156—157.

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