Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1891)
- Date
- 1891-06-26
- Page
- Seite 305 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Eigenart der unterworfenen Völker zu schonen, und fügten sich doch die Judäer, insofern ihnen die Wahrung ihres väterlichen Glaubens gesichert war, jederzeit willig und treu der politischen Nothwendigkeit. Wurden doch ferner in den Kolonien, die zahlreich angelegt wurden, die Judäer in gleicher Weise wie die griechischen Ansiedler mit dem vollen Bürgerrecht belehnt, so daß jene einer völligen Gleichstellung mit diesen sich zu erfreuen hatten! Es konnte daher nicht fehlen, daß ein Gefühl der Dankbarkeit und treuen Ergebenheit gegen den Sieger im Herzen der Judäer Platz griff und sich zu bewußter Gemeinschaft ausbildete ungeachtet der wechselnden Dynastien, durch welche sie nach einander unter die Herrschaft der Syrer, der Aegypter, der Seleuciden kamen; denn überall in dem weiten Reich waren die zerstreuten Ländergebiete durch die Macht und den Zauber des griechischen Geistes geeint, der sich den verschiedenen Nationalitäten mittheilte und diese in seinen Bannkreis zog. Die jüdische jedoch am meisten, unter den in Betracht kommenden ließ bei der Lebhaftigkeit ihres Denkens und der Empfänglichkeit für Großes und Edles die empfundene Berührung mit voller Wärme auf sich wirken, nahm die gereichten Gaben begeistert an und bewirkte durch den treuen Gebrauch derselben im Dienste des großen Ganzen ein Gemeinschaftsleben mit den Hellenen, das ungeachtet mancher Ausschreitung nach der realen, wie idealen Seite zu den rühmlichsten Erscheinungen in der Geschichte der Völker gezählt zu werden verdient. Den Brenn- und Mittelpunkt dieses Gemeinschaftslebens bildet Aegypten, das unter der Regierung der Ptolemäer (301—200) ein Jahrhundert hindurch ein Land reicher Segnungen für die Juden wurde und jin den dreißigtausend Ortschaften'), die es damals zählte, eine Million jüdischer Einwohners auswies. Hier wiederum war es Alexandria, wo die Juden von fünf Stadttheilen zwei bewohnten und in Handel und Industrie, in Kunst und Wiffenschaft, die hier zu blüthenreicher Entfaltung gelangt waren, sich als hochverdiente Genoffen und Mitstrebende erwiesen. Dort walten sie, thatkräftig im praktischen Handelserwerb, zugleich auch als Hafen- und Verwaltungsbeamte im See- und Handelswesen, — eine. Ehren- und Vertrauensstellung, welche ihnen von den ägyptischen Königen übertragen wurde?) Dort erreichen sie in Handwerk und Fabrikation, deren sie sich bereits in Gemeinschaft mit Affyrern und Phöniziern befleißigt hatten, eine beachtenswerthe Meisterschaft?) Und wie sie nach griechischer Art mit gleicher Sorgfalt am Kleinsten wie am Größten arbeiten: so wird unter ihrer Hand das Handwerk zur Kunst, das profane Leben wird in allen seinen Aeußerungen und Beziehungen mit einem Hauch von Schönheit geadelt, ihre Sitten und Gewohnheiten empfangen einen verwandten Zug, und Alles um sie her trägt das Gepräge dieser erhöhten Lebensstimmung. Es ist von Jntereffe, hier einen flüchtigen Vergleich zwischen Juden und Römern zu ziehen, die beide in künstlerischer Hinsicht Schüler der Griechen waren. Den Römern galt das Handwerk als des freien Mannes unwürdig, das nur Sache der Sklaven war; die griechische Kunst ferner, der alle Pforten offen standen, war ihnen nur durch äußerliche Veranlassung aufgedrungen. In siegreichen Kämpfen, die sich sechs Jahrzehnte hindurch bis zur Eroberung von Korinth (146) aneinanderreihen, und später unter den Kaisern, erbeuteten die Römer ungezählte Kunstwerke, mit welchen sie ihre öffentlichen Plätze, Hallen, Tempel und Privathäuser schmückten. Ein Kunstverständniß jedoch oder gär eine Kunstthätigkeit erwacht erst spät. Anders bei den Juden. Von jeher dem Handwerk ergeben, das später von den Gesetzlehrerr?) ') Diodor I, 31. '-) Philo e. Flaccum p. 971. 3) Jos. c. Ap. II, 5. 0 Thosiphth. Suckah IV; Joma38a 5) Spr. d. Väter 1,10; Kiduschin 30b: das. 82a. als besondere Obliegenheit bezeichnet wird, werden sie treue Jünger der Kunst und ehren diese in fleißiger Arbeit. Nicht lange, nachdem Rom die ersten erbeuteten griechischen Kunstwerke zu Gesicht bekam (212), war bereits unter den Juden in Alexandria das Kunstgewerbe stark vertreten, in reicher Kunstform und in Basilikenstil war dort die große Synagoge erbaut, und zunftartig waren in derselben die Sitze der Künstler und Gewerbetreibenden geordnet, denen sich die Genoffen aus der Fremde anschlossen.') Es war eben das griechische Vorbild, dem die Juden mit Liebe in der engen Gemeinschaft nacheiferten, welche sie mit dem kunstsinnigen und betriebsamen griechischen Volke in Alexandrien sowohl, wie überall in den jüdischen Kolonien Aegyptens und Judäas verband. Und diese Gemeinschaft der Industrie und stete Berührung beider Völker, konnte sie ohne Einfluß und Wirkung auf Sitte und Lebensweise der Juden bleiben? Jener schwellende Muthwille, der das gesammte Leben der Hellenen erfüllte und zu einem Blüthengarten der Lust und Freude gestaltete, sollte er nicht auch die Volksseele Israels umspannen und diese in die ewig junge Strömung sinnesfroher Seligkeit ziehen? In der That sehen wir das Leben Israels in jener Periode sorglos in füllereiche Wonne getaucht, hier an den heitern Gebilden der Kunst und dem Glanz des Genießens sich erfreuen, dort an der Pracht der öffentlichen Spiele und Wettkämpfe sich ergötzen, und vielfach wurde der Ernst der Sitte und die Würde des väterlichen Glaubens aufgegeben gegen Sittenlosigkeit und Ausgelassenheit um des Gemeinschaftslebens willen mit den Hellenen, das man immer tiefer und enger zu gestalten sich bemühte. In hohem Grade wurde dieses Gemeinschaftsleben durch die Pflege der griechischen Wiffenschaft, der Philosophie gefördert, welche in blendender Gangart den denkenden Geist zu den höchsten Fragen und Betrachtungen über das Ewige und Wahre in Glauben und Moral anregte. Dem jüdischen Denker, der von Anfang an in dieser reinen Sphäre sich bewegte und durch die Macht der Gotteslehre, welche „seine Weisheit und Erkenntniß vor den Augen aller Völker" ausmachte, sich im Besitze der höchsten Wahrheiten wußte, diente die Lehre der griechischen Philosophie zur vollen Bestätigung des eigenen Glaubens. Der Geist der Juden vertiefte sich daher — abgesehen von ihrer Liebe zu dem griechischen Leben und Denken an sich — aus Begeisterung für ihre eigene Religion in die Wiffenschaft der Hellenen und hatte die Genugthuung, je tiefer er eindrang, desto werthvolleren Gewinn für die religiösen und sittlichen Wahrheiten der jüdischen Offenbarungslehre zu Tage zu fördern. Wie lange dauerte es? da finden wir die Bekenner Israels, treu und untadlig in den Ueberzeugungen ihres Glaubens, mitten auf dem Plane hellenischer Bildung und Wissenschaft stehen, in schwärmerischer Begeisterung den hellenischen Studien ergeben und bemüht, zwischen Judenthum und Hellenenthum eine ideale Einheit herzustellen. In Alexandrien besonders, wo die philosophischen Schulen blühten, die Wiffenschaften die reichste Pflege fanden und der Geist die größte Anregung empfing, waren die Juden eifrige Jünger hellenischer Wiffenschaft und Bildung, unermüdliche Arbeiter an dem Gemeinschaftsleben Israels mit den Hellenen. Ueberschauen wir beide Seiten des Hellenismus, jene erste, welche die sinnlichen, realen, diese letztere, welche den geistigen, idealen Lebensgehalt darstellt: so treffen sie mit ihren Wirkungen zunächst in einem Punkte zusammen, in der Erweckung des religiösen Sinnes und der Hochschätzung des angestammten Glaubens. Jene mündet an der Stelle, wo ein Theil des jüdischen Volkes sich aufrafft, um den andern in seinem Taumel aufzuhalten, — wo in Judäa durch '/ Suckah 51b.