Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1891)
- Date
- 1891-06-26
- Page
- Seite 304 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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schwer die Leute findet, die sich „aufrufen" lassen, deren jüngere Gemeindemitglieder nur mit Ach und Krach den Segensspruch über die Thora herunterflüstern, der versteht seine Gemeinde und seine Zeit nicht. Der Stuttgarter Gottesdienst mit seinen theilweise deutschen Gebeten, dem deutschen Ablesen der Haftarah und der Segenssprüche vor und nach derselben, mit seinen so stimmungsvollen Chorälen vor und nach der Predigt und seinem musterhaften gesanglichen Theil bei prächtiger Chor- und Orgelbegleitung ist so weihevoll und würdig, wie er nicht leicht wieder in einer Synagoge angetroffen wird, und es wäre geradezu Versündigung, ihn durch Velleitäten frömmelnder Ignoranten zurückformen zu wollen. Die Organisation und die Einrichtungen der jüdischen Gemeinden und der Gottesdienst in den Synagogen in Württemberg sind denen in anderen Ländern weit voraus, und im Interesse des Gesammtjudenthums dieses Landes wäre es tief zu beklagen, wenn speziell in seiner ersten Gemeinde rückschrittliche Tendenzen die Oberhand gewönnen. U Israels Gemeinschaftsleben lnit Andersgläubigen. Von Dr. Tobias Cohn, Rabbiner in Potsdam. (Schluß.) An dieser Stelle, von welcher aus wir auf eine lange Reihe von Zellgnissen fremder Einwirkung auf das Glauben und Leben Israels zurückblicken, ziemt uns, gleichzeitig Umschau über die Rückwirkung dieses Volkes auf das Denken und Empfinden Andersgläubiger zu halten. Wäre es denkbar, daß die Gotteslehre Israels bei der lebenspendenden Kraft, welche sie durchströmt, bei der unerschöpflichen Fülle erziehender Macht, welche sie durchdringt, während zwölf Jahrhunderte seit ihrer Verkündigung ohne Einfluß auf Anschauung ■ und Erkenntniß der Nationen geblieben sein sollte, mit welchen dieses zusammenlebte? Sollte in dem Geisteswehen dieser langen Zeit kein Samenkorn von dem blühenden Aehrenfeld der jüdischen Religion auf den Lebensboden anderer Völker getragen worden sein und diesen mit verwandten Trieben und Bildungen befruchtet haben? Wir irren schwerlich, wenn wir bereits in der sopherischen Zeit vor der vollendeten Thatsache eines solchen Vorganges zu stehen meinen. Damals begegnen wir in der Philosophie des Anaxagoras der Lehre von der frei waltenden, nach Zwecken handelnden Intelligenz. In jener Zeit auch lehrten Plato und Aristoteles, von welchen Ersterer den Weltenbaumeister (Demiurg), der Andere die Idee des absoluten Geistes in seine Philosophie einführte. Alle Drei neigen offenbar zur Annahme eines persönlichen Gottes hin, wiewohl sie sich nicht zur Erkenntniß der Einheit durchringen können, welche in der Gottheit selbst jede Spaltung oder den Gegensatz zwischen dem göttlichen Geist und der unbestimmbaren Materie aufhebt. Mit dieser Unvollkommenheit des Gottbegriffs verband sich folgerichtig auch die Unvollkommenheit des Sittenbegriffs, des Spiegelbildes von jenem Urbilde. Denn es ist unmöglich, eine sittlich reine Lebensanschauung;u haben, wenn der religiöse Lebensgehalt getrübt und unlauter, die Gottanschanung unwürdig und unwahr ist. So lehrte Plato und — verschleiert — auch Aristoteles die Gemeinschaft der Frauen, das Recht, die schwachen Kinder auszusetzen, den Sklaven zu tödten, und Beide blieben bei aller Erhabenheit ihres Denkens weit hinter der mosaischen Lehre zurück in der Auffassung des Sittlichen, weil sie die Reinheit und Wahrheit des mosaischen Gottbegriffs sich nicht anzueignen vermochten. Desto mehr jedoch halten wir uns berechtigt, deren Hinneigung zum mosaischen Gottbegriff nicht allein in der fortgeschrittenen Entwickelung der philosophischen Wissenschaft, sondern zugleich auch in der Anlehnung an den mosaischen Gottgedanken begründet zu finden, der den griechischen Denkern, sei es durch unmittelbaren oder, was wahrscheinlicher ist, von Babhloniem und Persern vermittelten Verkehr mit den Juden nicht unbekannt geblieben sein kann. Berichtet doch Josephus unter Berufung auf die ältesten griechischen Autoren, daß Pythagoras') Vieles aus den jüdischen Gesetzen auf seine Philosophie übertragen habe. Von Aristoteles") theilt derselbe mit, daß dieser mit einem dem jüdischen Stamme ungehörigen Mann, seiner Sprache und Gesinnung nach ganz Grieche, zufällig bekannt geworden und dort in regem wissenschaftlichen Verkehr mit ihm und mehreren andern Philosophen gestanden habe, wobei der Jude den vorzüglichsten Gelehrten mehr geleistet habe, als er von ihnen empfangen hätte. In Plato endlich findet Josephus") vielfach Nachahmung Moscheh's sowohl in Bezug auf Religionswie Staatsgesetz. Und doch war damals — bis in die Zeit Alexanders des Großen hinein — die Berührung des jüdischen Volkes mit dem griechischen eine äußerst geringe und durch nichts begünstigte!') Anstatt des Handels wurde bei den Juden in der Perserzeit — nach dem Beispiel der Perser selbst — der Landbau gepflegt; durch ihre Eii^chränkung auf den Besitz von Judäa waren sie vom Meere und ihrer ehemaligen Handelsstraße abgeschnitten; die religiöse Strenge der sopherischen Zeit endlich hinderte sie an jedem größeren Außenverkehr. Um so mehr verdient daher der Einfluß beachtet zu werden, welchen unverkennbar die mosaische Lehre auf die Philosophie der griechischen Denker ausgeübt hat. „Nicht durch Macht und Kraft, woran es dem jüdischen Volke in jener Zeit gänzlich fehlte, sondern durch meinen Geist", der in der Lehre Mosche's lebendig und aller Weisheit Grund und Boden, Seele und Odem ist, hat die Gotteslehre Israels die Gedankenwelt der Griechen ergriffen und von fernher in dieselbe hineingeleuchtet. Ein Gemeinschaftsleben, wie es der Geist vermöge der ihm einwohnenden göttlichen Natur zu stiften vermag, ging von dem schwachen, in den Niederungen des Staatslebens ruhenden Volke aus und zwang das auf den leuchtenden Höhen des Geistes schaffende in seine Sphäre, zur Mitarbeit und Theilnahme an dem göttlichen Erbe von Sinai. Hier zum ersten Mal tritt uns die Macht der Lehre Israels über die Nationen vor Augen und bahnt ein Gemeinschaftsleben mit diesen an, ein auf die reinstm und edelsten Voraussetzungen gegründetes, das einer immer größer» Entfaltung und Ausgestaltung entgegengeht. Erst unter Alexander dem Großen und seinen Nachfolgern tritt das jüdische Volk in nähere Berührung mit den Griechen, deren Lehrer und Schüler es wird. Mit ungestilltem Verlangen vertieft es sich in griechische Wissenschaft und Bildung, nimmt griechische Sitte und Sprache an; durch seine wunderbare Glaubensenergie weckt es Sinn und Theilnahme der Griechen für seine Gotteslehre und erschließt ihnen den reichen Schatz seines geheiligten Schristthums. Das ist der Hellenismus, der von der Mitte des dritten vorchristlichen Jahrhunderts bis gegen Ende des zweiten nachchristlichen reicht. In dem großen Weltreich, das Alexander geschaffen und zu einer Heimathstätte des griechischen Genius in allen seinen Kulturäußerungen bestimmt hatte, erhielt Judäa seinen Platz im Gebiete Coelesyrien und anerkannte zufrieden und dankbar die Wohlthaten des großen Eroberers, wie der nachfolgenden Herrscher, unter deren Szepter es kam. War es doch Regierungsmaxime, die religiöse ‘) Jos. c. Ap. I, 22; Lasst», praep. ev. p. 603. .Vergl. Theophrast: „Ueber Frömmigkeit" in Barnays Breslauer Seminarprogramm S. 110. 2) Dal. Das. H, 36. *) das. I, 12.