Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1891)
- Date
- 1891-06-26
- Page
- Seite 302 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- 302 --- Stimuli. Leitartikelr Adolf Jellinek. Von6.L. — Jüdische Gemeinde- Verhältnisse in Württemberg. Von Dr. I. Rufs. — WMenschaft und Litteratur: Israels Gemeinschaftsleben mit Andersgläubigen Von Dr. Tobias Cohn. (Schluß.) — Parabel und Fabel bei den alten Hebräern. Von Dr. Elias Kalischer. (Schluß.) — Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf das Jahr 1887. Von Gustav Eichen grün. — Feuilleton: Der Schwimmer. Von S. Ja ho da. —. Toleranz. Von Alfred Frieomann. — Literarische Mittheilung ein Der vemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Stettin. Breslau, Hirschberg, Aus Oberschlesien, Posen, Halberstadt, Frankfurt a.M., Münster i. W., Wien, Lemberg, London. Petersburg, Moskau. — Bon Rah und Fern. — Sprechsaal. — Miseellen. — Briefkasten. k Adolf Jellinek. 8 6. K. Berlin, 26. Juni. |j Unfern innigsten Festgrub senden wir heute nach der schönen H Stadt am Donaustrande! Aus freudig bewegtem Herzen zieht dieser 8 Wunsch fort in die stille Klause des großen Gelehrten, des gefeierten gl- Redners, des begeisterten Juden, des edlen Menschen, um sich dort 8 mit den tausend Segenswünschen zu vereinen, die ans allen Theilen Kr. der Welt zum siebzigsten Geburtstage Adolf Jellineks gekonnnen! 8 Adolf Jellinek ist ein großer Gelehrter. Im Dickicht des Midrasch K hat er eine prächtige Heerstraße angelegt, in den Urwäldern der jf Kabbalah kennt er Weg und Steg, im Meer des Talmud ist er ein K kühner Schwimmer. Aber auch die gesammte Weltlitteratnr liegt w vor ihm da, wie ein aufgeschlagenes Buch, das er auf jeder Seite I zu lesen und zu benrtheilen versteht. | Adolf Jellinek ist ein gefeierter Redner. Er hat zuerst die jüdische ü Predigt aus den Feffeln der Nachahmung befreit und zu einer selbst- D ständigen Wissenschaft erhoben. Seine Predigten sind klassisch im D Stil und im Geiste, von erhabenem Pathos, von schneidender Satire, « von hinreißender Glut, voll prophetischen Feuers. Die Wirkungen, Z die von seiner Predigt ausgegangen, sind mächtig und tiefergreifend. R Adolf Jellinek ist ein begeisterter Jude. Das Judenthum ist ihm 1 hoch und heilig, seine Fahne trägt er mit Begeisterung den Zeit-! genossen voran. Er kämpft für den Fortschritt, aber er will keinen | Fortschritt, der uns von der historischen Basis des alten Judenthums | entfernen möchte. 1 Adolf Jellinek ist ein edler Mensch. Er hat ein warm fühlendes | Herz für jedes Leid und Wehe der Menschenkinder hier auf Erden, f Auf der hohen Warte des Geistes, auf welcher er seit Jahrzehnten steht § und für Gedankenfreiheit und für Anerkennung des Judenthums kämpft, giebt es keinen Haß und keinen Fanatismus und keinen Zelotismus; hier herrschen nur der Geist und die Liebe. Jellinek aber ist in Wahrheit ein Held des Geistes und ein Prediger der Liebe! Mit gerechtem Stolze, mit freudiger Bewegung, mit inniger Rührung feiern wir darum den siebzigsten Geburtstag dieses Mannes. If Und mit dem Psalmisten rufen wir aus: „O Herr, füge noch viele | Tage zu den Tagen dieses Geistesfürsten, und das Andenken seiner n Lebensjahre erhalte über ferne Geschlechter hinaus!" § Unfern innigsten Festgruß senden wir heute Adolf Jellinek nach der jj schönen Stadt am Donanstrande! Möge es ihm vergönnt sein, noch lange?! Jahre dort zum Heile des Gesammtjndenthunis zu lehren, zu schaffen, zu reden und zu leben! ff Jüdische Gemeinde - Verhältnisse in Württemberg. Von Dr. I. Ruff. Ob es wohl eine Empfehlung in den Augen der Leser dieser Zeitung sein wird, wenn ich vornweg gestehe, daß meinem Interesse für jüdische Gemeindeangelegenheiten lediglich Treue zum Stamme und zur Idee , deren Träger er gewesen durch Jahrtausende, nicht h aber Freude am Ceremonienkultus zu Grunde liegt? Ich bezweifle dasselbe,, aber ich habe die Ueberzeugung, daß die Zeit gekommen ist, in welcher die Form, in welcher wir uns als Ganzes zum Staate stellen, für die Existenz des Judenthums wichtiger wird, als die Form unseres Gottesdienstes und unserer privaten Ausübung der Ge- und Verbote, die durch Schrift und Tradition auf uns überkommen sind. Diese können und sollen auch fernerhin Gegenstand der Erörterungen unserer Schriftgelehrten bleiben, aber unsere Gemeindewesen so auszugestalten, daß sie zu denen anderer Konfessionen keinen Anachronismus bilden, das ist eine Aufgabe, an der mitzuarbeiten wir „Weltkinder" gleichermaßen berechtigt und verpflichtet sind, wie die Rabbiner und wie die Starrgläubigen. Diese Ueberzeugung drängt mich dazu, meine in zehnjähriger Ehrenamtsthätigkeit gemachten Erfahrungen und Beobachtungen in dieser Zeitung zum Ausdruck zu bringen. Ich glaub? meiner Zustündigkeitsgemeinde Stuttgart, aus deren Vorsteheramt ich seit einigen Monaten ansgeschieden bin. für die mir von derselben wiederfahrene Auszeichnung nicht besser danken zu können, als indem ich die Vortrefflichkeit ihrer Einrichtungen in das rechte Licht stelle. Wenn ich nicht Alles lobe, Manches sogar tadle, so mag mein ärztlicher Berns mich entschuldigen, dessen Aufgabe es ist, zu heilen, selbst wenn es ohne Schmerzen nicht abgeht. Das feste Rückgrat des jüdischen Gemeindelebens in Württemberg ist die ihm vom Staate vor länger als einem halben Jahrhundert gegebene Verfassung. Die aus auf Lebensdauer ernannten jüdischen Mitgliedern bestehende Oberkirchenbehörde mit ihrem geistlichen und juridischen Beirath, Rabbiner und jüdischer Rechtsanwalt, und ihrem im höheren Staatsdienst stehenden christlichen Vorsitzenden ist ein Institut, das, trotz der Anfechtungen, die es von solchen, die nur Juden, und auch von solchen, die gar nicht mehr Juden sind, erfährt, der berufenste und geeignetste Hüter jüdischer Interessen ist. Die heutige Zusammensetzling dieser Körperschaft ist die denkbar glücklichste: der Vorsitzende, ein Mann voll Wohlwollen für seine jüdischen Mitbrüder, der geistliche Berather, ein Charakter von festestem Gefüge, auf den das „Nil humani a me alienum puto“ die schönste Anwendung finden kann, der juridische Beirath, ein scharfsinniger Anwalt, der sich ein warmes Herz für das Judenthum bewahrt hat, und die anderen Mitglieder, durchweg Männer, die durch soziale Stellung, Weite ihres Horizontes oder durch gemüthliche Hinneigung zu dem von den Vätern Ueberkommenen ihren Platz voll und ganz ausfüllen. Diese Behörde ist die Centralstelle, die alle Gemeinden des Landes überwacht, ihre Interessen, soweit sie solche der Gesammtjudenschaft sind, wahrnimmt, ihren Haushalt regulirt und sicherstellt, die Rabbiner anstellt und die von der Gemeinde gewählten Vorsänger bestätigt. Von all den Machtbefugnissen dieser Körperschaft ist es nur eine, die nicht gut geheißen werden kann, es ist dies ihr Recht, Rabbiner anzustellen, ohne die Gemeinden, für die dies geschieht, früher oder später hören zu müssen. Was aber ein Rabbiner im Leben einer württembergischen jüdischen Gemeinde bedeutet, werden die weiteren Ausführungen zeigen. Hätte die württembergische israelitische Oberkirchenbehörde nur das Bestätigungs- und nicht das Ernennungsrecht der Rabbiner, dann könnte sie bedingungslos als ein Hort gesunder Gemeindeverhältnisse angesehen werden. Für ein Selfgovernment jüdischer Gemeinden zu schwärmen verinag nur der, der nie „von der Parteien Gunst und Haß" getragen wurde. Das Mittelglied zwischen der Oberkirchenbehörde und den einzelnen Gemeinden bilden die Kirchenvorsteherümter der letzteren. Ein solches Amt ist zusammengesetzt aus dem Rabbiner oder Vorsänger der Gemeinde, der der staatlich bestellte Vorsitzende derselben ist, und aus 3—5—7 von den Gemeindemitgtiedern gewählten Kirchenvorstehern. In Gemeinden, die Rabbiner und Vorsänger haben, ist Letzterer nicht nur Protokollführer, sondern ständiges