Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1891)
- Date
- 1891-06-19
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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WMWWMWMWWWMWWMWW imb diesen den Charakter der öffentlichen verleihen zu lassen. Es wurde folgende Resolution angenommen: „Zur Ausführung von These 5 soll der Ausschuß des Gemeindeverbandes für Westfalen ersncht werden, bereu Inhalt in seine Bestrebungen mit einzubezieffen und sich als die von uns gewünschte Centralstelle zu betrachten." Hierauf wurde von der Versammlung an Se. Excelleuz den Herrn Kultusminister ein Begrüßungstelegramm abgesandt. Herr Seminarlehrer Treu-Münster trug -darauf sein Referat vor: „Die Kunst des Hörenlernens, geübt in einer kombinirten Lesestunde". Um den guten Eindruck, welche die vorzügliche Arbeit auf alle Anwesenden gemacht hatte, nicht zu verwischen, wurde keine Diskussion daran geknüpft. In den nun folgenden freien Besprechungen warf Herr Fröhlich-M.-Gladbach die Frage auf, ob der Besuch des Sabbathgottesdienstes für die Kinder einer jüdischen Elementarschule als obligatorisch zu betrachten sei, und ob eine dahin gehende Verfügung einer Negierung bestehe. Aus der Besprechung ergiebt sich, daß ein Zwang zum Besuch des Gottesdienstes nicht ausgeübt werden kann. Nachdem die Tagesordnung erschöpft-worden war, schließt der Vorsitzende die Konferenz Mittags 12l/s Uhr. * Darmstadt, 11. Juni. Am Sonntag, den 7. d. M., tagten hier im Saale der „Stadt Frankfurt" die israelitischen Vorsteher der Provinz Starken bürg. Die Versammlung, welche voll Konnnerzienrath Blumenthal, erstem Vorsteher der israelitischell Religionsgemeinde Darmstadt, präsidirt wurde, war von ca. 80 Personen besucht und dauerte von 2 bis 6 Uhr. Es wurde beschlossen: 1. In Erwägung, daß die Religionsschulen der israelitischen Landgemeinden, in Folge der geringen Zahl ihrer Mitglieder und der hierdurch bedingten mangelnden Leistungsfähigkeit von nicht immer genügend ausgebildeten Lehrkäften geleitet werden und durch biefen Umstand der wichtigste Zweck des Religionsunterrichtes, auf das Gernüth und den Charakter der heranzubildendell Jugend zu wirken, nicht im vollsten Maße erreicht wird — die Seitens der großherzogllchen Regierung angestrebte Verbesserung des israelitischen Religionsunterrichtes durch Anstellung seminaristisch gebildeter Lehrer mit allen Kräften zu unterstützen. 2. In fernerer Berücksichtigung der wohlthätigen Wirkung geistiger Anregung, welche die Glaubensgenossen auf dem Lande vielfach entbehren: a) die Anstellung geeigneter Persönlichkeiten zur Erreichung dieses Zieles, sowie b) die Gründung von Wander-Bibliothekeu anzustrebeu. 3. Zur Verwirklichung vorstehender Resolution die Einsetzung eines aus 6 Mitgliedern bestehenden Ausschusses, mit dem Sitze in Darmstadt und dem Rechte der Kooptation durch Glaubensgenossen ans der Provinz Starkeuburg. Oesterreich - Ungarn. + Prag, 13. Juni. Gestern hielt Herr Prediger Dr. Gelbhaus im neuen israelitischen Tempel eine Predigt, in welcher er einen zündenden Appell an die zahlreich anwesenden Mitglieder der hiesigen jüdischen Elite richtete, den bedrängten russisch enGlaubensge nossen in ihrer verzweifelten Lage beizustehen. Die ergreifende Rede war von mächtiger Wirkung und wird gewiß beu Ausgangspunkt großer Sammlungen für die unglücklichen Glaubensbrüder bilden. — Wie wir hören, wird dieselbe auf vielseitigen Wunsch im Druck erscheinen. * Budapest, 13. Juni. Der Bischof der reformirten Kirche helvetischer Konfession von Ko morn, Gabriel Pap, hat an die Bevölkerung dieser Stadt einen Aufruf zur Veranstaltung von Sammlungen für die aus Rußlandvertriebeneu Juden erlassen, welcher nach Ton und Inhalt großes Aufsehen erregt. Der Bischof schreibt unter Anderem: „Die jüdische sowie die christliche Religion lehren, daß wir Kinder Eines Vaters, die Kinder und Geschöpfe Gottes und inithin Brüder, Gleiche sind. Brüder.sind aber einander Liebe schuldig, und wer da haßt, statt zu lieben, wer das Verderben desjenigen anstrebt, dem er brüderliche Liebe schuldet, der drückt der eigenen Stirn das schmachvolle Kainszeichen auf, der kann kein guter Jude, kein guter Christ sein, denn er tritt die Hauptlehren und Gebote beider aus göttlicher Offenbarung beruhenden Religionen mit Füßen. Diese Lehren und Gebote treten Jene mit Füßen, die in unserer Zeit, welche das Jahrhundert der Aufklärung genannt wird, die Judenverfolgungen in Rußland inszenirt, ins Werk gesetzt haben und mit wilder Atrocität, die ihre menschliche Verworfenheit beweist, die Verfolgung der Juden fortsehen. Es ist, als wären die finstern Geister des Mittelalters aus dem Grabe emporgestiegen, in dem wir sie für immer begraben wähnten. Hunderttausende werden lediglich deshalb verfolgt, weil sie nicht in einem und demselben Gotteshause, zu dem Einen Gott, dem gemeinsamen Vater beten, der nicht auf den Ritus achtet, sondern auf das Herz und die Seele, der die edlen Gefühle und die Bereitwilligkeit, Gutes zn thun, belohnt, und der es nicht den sterblichen Menschen anheimgegeben, sondern es sich Vorbehalten hat, über die Empfindungen der Herzen und die Gedanken der Seele zn richten. Das menschliche Gefühl bäumt sich auf beim Lesen all jener Leiden, Qualen und grausamen Verfolgungen, welche die Juden Rußlands ihres Glaubens wegen erdulden müssen. Als Mensch denke ich schmerzerfüllten Herzens an das Elend, in welches die russischen Juden durch die herzlose Grausamkeit ihrer Brüder, ihrer eigenen Landsleute gestürzt wurden; als Christ fühle ich die Schamröthe bei dem Gedanken ins Antlitz steigen, daß Leute, die sich Christen nennen, ein so unmenschliches, gegen das die Liebe gebietende Grundgesetz des Christenthnms verstoßendes Verfahren gegen die Bekenner jener Religion befolgen, in deren Schooß die Wiege des Christenthnms stand, und welche auch wir, als auf Gottes Offenbarung beruhend, anerkennen müssen, bezüglich welcher auch Jesus der Herr erklärt hat, er komme nicht, ihre Gesetze abzuschaffen, sondern dieselben zu erfüllen." Der Bischof ladet dann in seinem Schreiben die Bürger der Stadt ein, für die ohne ihr Verschulden heimathlosen russischen Juden Gelder zn sammeln. * Budapest, 13. Juni. Für die nothleidenden rnssischen Juden ist hier ein Hilfskomitee zusammengetreten, welches sich dem 23 er11ner Central komitee unterstellt hat. An die Spitze dieses Komitees tritt der hochverdiente Präsident der Gemeinde, Re i chstags-Abgeordneter Moriz Wahr man n. Er ist bei diesem Werke der Humanität von den hervorragendsten Männern der Gemeinde umgeben. Das Komitee wird sämmtliche Gemeinden des Landes in Hilfsaktion einbeziehen und es ist nicht zu zweifeln, daß der Erfolg ein der Größe des zu lindernden Elends würdiger sein werde. — Der antisemitische Reichstags-Abgeordnete Sigmund C s a t a r richtete im Abgeordnetenhanse eine Interpellation an den Minister-Präsidenten, betreffend die angebliche massenhafte Einwanderung der aus Rußland vertriebenen jüdischen Familien nach Ungarn. In der Begründung der Interpellation heißt es, daß fast täglich hundert und mehr jüdische Familie:: auf der Kaschau-Oderberger Eisenbahn nach Ungarn kommen unb von der jüdischen Landeskanzlei tu solche Gegenden geschickt werden, wo bisher keine Juden gewohnt haben. Auf Grund dessen richtet der Interpellant an den Minister-Präsidenten folgende Fragen: „1. Ist es wahr, daß die Regierung Rußlands die in diesem Reiche geborene:: Juden in die Verbannung schickt? 2. Wäre es nicht möglich/auf Grund des internationalen Rechtes durch einen Protest des mächtigen Dreibundes diese massenhafte Vertreibung der Juden zu verhindern? 3. Ist es wahr, daß ein großer Theil der aus Rußland vertriebenen Inden mittelst der Kaschau-Oderberger Bah:: zu uns kommt und sich hier niederläßt? 4. Ist es wahr, daß die jüdische Landeskanzle: diese Einwanderer in solche Gegenden schickt, von denen anznuehmen ist, daß die Eingewanderten dort durch den Ansschank von Spirituosen sich bereicher:: können? 5. Hält die Regierung den Zeitpunkt für gekommen, um auf Grund des Gesetzartikels 17 vom Jahre 1867 die Bürger dieses Landes konskribiren zu lassen, die seil der Geltung dieses Gesetzes ohne Erlaubniß hierher eingewanderten Juden aber im Verlauf eines Jahrein ihre Heimath zurückzubefördern? 6. Wird die Negierung dafür Sorge tragen, daß die seit dem Jnslebentreten des citirtei: Gesetzes nach Ungarn gekommenen Juden, wenn sie die Heimathberechtignng nicht erlangt haben, im Konntate und in der Gemeinde das Stimmrecht nicht ausnben sollen?" Großbritannien. * London, 14. Juni. Dem Herrn Rabbiner Dr. East er, welcher vor einigen Jahren sein Vaterland Rumänien, durch die eigenartigen konfessionellen Verhältnisse dieses La::des gezwungen, verlassen und hierin England eine neue Heimath gefunden hat,' ist jetzt eine glänzende Genugthunng zu Theil geworden. Ans seinen Glückwunsch zum 25jährigen Regierungsjubiläun: des Königs Karl von Rumänien ist Herrn Dr. Ga st er nachfolgendes Antwortschreiben zugegangen: Casa. M. S. Regelui. Bukarest, den 18 30 May, 1891. Ew. Hochwohlgeboren habe ich die Ehre mitzutheilen, daß Seine Majestät der König, mein allergnädigfler Herr, die von Ihnen dargebrachten Glückwünsche zum 25 jährigen Regierungsjubiläum hnldvollst entgegengenommen und mich zu beauftragen geruht haben, Ihnen für Ihr in so herzlichen Worten abgefaßtes Schreiben bestens zu danken. Mit großer Befriedigung haben Seine Majestät Ihre Crestomatie romana, ein neuer Beitrag Ihres talentvollen Wirkens, in Empfang genommen und lassen Ihnen für diese ausgezeichnete litterarische Arbeit,