Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1891)
- Date
- 1891-06-19
- Page
- Seite 299 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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zu bestehen mit den feindlichen Mächten, die Gewalt bekommen hatten über sein sonst so gläubiges Herz. Inmitten der frommen Gebete, welche er und seine Glaubensbriider nnirmelten; inmitten der monotonen Gesänge, welche die Gnade, die Versöhnlichkeit Gottes priesen; inmitten seiner Buße, die ihn dazu zwang, an seine Brust zu schlagen und selbst solche Sünden zu bekennen, die er nie begangen, auch wohl nie von den Juden begangen worden sind, obwohl sie in den Gebeten aufgezahlt sind, fühlte er nicht die Kraft der Vergebung. Er haßte die Feinde seiner Religion tiefer denn je; vor Allen den Einen, der es gewagt, in das Heiligthum seiner Familie zu dringen; der sich erkühnt, seine unreinen Hände nach dem köstlichen Juwel seines Hauses auszustrecken. Nur durch ihn — suchte er sich zu täuschen — war der Friede und das Glück zerstört, — war der Zwiespalt in Rosa's kindlicher Seele angefacht worden, — welcher ihr den Todesstoß versetzte. O, er fühlte namenlose, quälende Pein bei dem Gedanken, daß er trotz seiner uuanssprcchlichen Liebe für sein Kind auch ihr noch nicht ganz vergeben konnte; daß sich zwischen die glühenden Gebete, die ihrer Genesung galten, noch Gedanken mischten, die nicht rein von Bitterkeit waren, — nicht gauz Liebe und Vergebung athmctcn. Und doch fühlte er, wie sehr auch er der Verzeihung Gottes, — der Versöhnung bedurfte, denn er war nicht immer der liebende, fürsorgliche Vater gewesen, dem seine Kinder, ohne vor ihm zu zittern, selbst eine Schuld eingestehen konnten, — sondern er hatte sich ihnen größtentheils als ein strenger Vater, als der Gebieter gezeigt, — den sie ebenso fürchteten, wie sie ihn liebten. Der neue Tag — ber Versöhnungstag, war hereingcbrochcn. Die alte Frau Herzfeld war vor Mitternacht nach Hanse gegangen. Die Augst um ihr Kind, rnn ihr Kleinod, hatte sie fortgetrieben aus dem Gotteshause, in dem sie heute nicht die nöthige weihevolle Ruhe fand; ihr Gatte hatte die Stätte nicht verlassen; sein Antlitz zeigte die Spuren des Kampfes, den er mit sich und den heiligen Geboten dieses so schönen und so ernsten Tages auszufechten hatte; die Augen brannten ihm; der thrüuenlose Schmerz lag wie ein Alp auf seiner Seele. Die Sorge um Rosa preßte ihm die Brust zusammen. Nie, nie war ihm eine Nacht und der darauf folgende Vormittag so lang erschienen, als jene unter Kummer, Reue und Schmerz verlebten Stunden, Er hoffte, Doris oder seine Gattin würden ihm Kunde von Hanse bringen, — er selbst wagte nicht, den Tempel zu verlassen, da er ja auch noch für den Sohn die Gebete verrichtete, welche Josef heute verabsäumen mußte. Die Fragen seiner Bekannten nach Rosa's Befinden, nach der Veranlaffung ihrer schweren Krankheit, berührten ihn peinlich; er ließ sich so ungern bemitleiden; auch schien ihm aus den Worten Einzelner ein gewiffer Vorwurf herauszuklingen, der ihm, dem orthodoxen Juden galt, der trotzdem sein Kind nicht zu schützen vermocht hatte gegen den fremden Einfluß. Man nannte nicht direkt den Namen des jungen Hochbaum, aber gewisse Andeutungen verriethen cs ihm, daß man die Krankheit seiner Tochter mit Conrad in Zusamnienhang gebracht. Die seelische Aufregung hatte seine Nerven überreizt; als das Mittagsgebet vorüber war, konnte er sich kaum noch aufrecht erhalten. Die Schwüle, welche in der überfüllten Synagoge herrschte, — das Gesumme und Gemurmel um ihn herum verwirrte seine Sinne mehr und mehr. Vergebens spannte er all' seine Kräfte an, er vermochte sich nicht länger aufrecht zu erhalten; mit cinein leisen Aufschrei sank er zu Boden. „Herzfeld ist ohnmächtig geworden," flüsterten sich seine Nachbarn zu. Wenige Minuten verstummte bas eigenthümliche Gesumme der tretenden. Man hob den alten Mann auf, und nachdem er sich nach und nach erholt hatte, führte ihn David Frank, der ihm zu Hilfe geeilt war, nach Hause. Auch Heimchen Lewy gab den beiden Männern das Geleit, um Gelegenheit zu finden, sich nach Rosa's Ergehen zu erkundigen. Der kleine Mann hatte während der letzten Wochen seine ganze Fröhlichkeit eingebüßt und das Reimen ganz verlernt. Der tragische Abschluß der von ihm in Szene gesetzten Verlobung ging ihm sehr zu Herzen. Er gelobte sich feierlich, niemals wieder eine Partie zu Stande bringen zu wollen, ehe er sich nicht davon überzeugt hatte, daß nicht lediglich die Verhältnisse in Betracht gezogen worden seien, sondern auch gegenseitiges Wohlgefallen die Heirath den ani meisten dabei Betheiligten wünschenswerth mache. .. Als der alte Herzfeld sein Haus betrat, — die beiden Begleiter harrten außerhalb der Wohnung auf eine Kunde über Rosa's Befinden, — erfüllte ihn die furchtbare Stille, welche darin herrschte, mit banger Ahnung. Zitternd öffnete er die Thür des Krankenzimmers; mit einem Ausruf des höchsten Schmerzes eilte er auf das Lager zu, auf welchem Rosa — die Augen geschlossen, todt dalag. Ein himmlischer Friede ruhte auf dem süßen Antlitz; um die farblosen Lippen schwebte ein mildes Lächeln; der Tod hatte, gerührt von dem Liebreiz seines Opfers, sie ganz sanft berührt. Schmerzlos war sie, wie ein müdes Kind, hinübergeschlununert in jene bessere Welt, in welcher cs keinen Unterschied des Standes, keinen Unterschied der Religion giebt; in eine Welt des Lichtes und der Wahrheit. Noch einmal, — gerade in dem Augenblick, wo ihre Mutter lveinend an ihr Lager getreten — hatte sie ihre schönen Augen weit und groß geöffnet; voll Klarheit hatte sie um sich geblickt, und den geliebten Bruder erkennend, hatte sie ihr müdes Haupt zärtlich an seine Brust gelehnt; ihre Hände streckten sich verlangend nach der Mutter und Doris aus, welche laut aufwcinend vor ihr standen. „Vater — Versöhnung," hatten die bleichen Lippen geflüstert, — dann noch ein schmerzliches Aufzucken, und es war vorbei mit dem Glück, — mit der Liebe, mit dem Leben. — David Frank und Heimchen Lewy sprachen in Gemeinschaft mit anderen fronunen Glaubensgenossen die üblichen Todtengebete. Auf Franks sonst so frischem Antlitz lagerte ein tief schmerzlicher Ausdruck; — dem furchtbaren Feinde irdischer Glückseligkeit, dem Tode, konnte er das geliebte Mädchen nicht «bringen. Der alte Herzfeld hatte mit zuckenden Lippen die bleiche Stirn seines schönen Kindes zärtlich geküßt. „Versöhnung Dir und mir," flüsterte er, und seine Brust hob sich dabei, wie von einer schweren Last befreit. „Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen; der Name des Herrn sei gelobt," setzte er andächtig hinzu. Das Begräbniß Rosa's wurde nach strenger ritueller Sitte begangen. Weder Blumen noch Kränze sollten den einfachen Sarg schmücken, in welchem die lieblichste der Blumen ruhte; als aber kurz vor der Beerdigung Else Hochbaum in dem Trauerhause erschien, um einen frischen, blühenden Myrthenkcanz auf den Sarg zu legen, wie es die allgemeine Sitte bei einer Jungfrau bedingt; als sie, vor der Leiche hinknieend, aufschluchzte: „Gönnt ihr im Tode den bräutlichen Schmuck" — da vermochte auch der alte Herzfeld nicht z>l widerstehen; er beugte traurig, aber bejahend sein Haupt. Den letzten Gruß des Geliebten, den er ihr durch Else gesandt, durfte sie mitnehmen in die Gruft.