Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1891)
- Date
- 1891-06-19
- Page
- Seite 298 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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■ ■ " —‘«■■«-»•rirWWU ll»ck^W^WWWHWWWWWMMWWWWWß 298 So! Und wenn nun unser Meister, wie er das auch tlut und zwar ganz ausdrücklich, gleichfalls von sich behauptet, er schaffe ohne das Bewußtsein einer Tendenz... Läge sie aber darin, nun so müffe das eben gleichfalls naiv sein? Wie dann, und wie ihm nun beweisen, daß er die Unwahrheit sagt, und daß er nicht naiv schafft? Und was dann mit dem ganzen Streit? Vernünftig, meine hochverehrten Herren! Ist das nicht eben das Zeichen rechter Kunst, daß sie mit allen ihren Wurzeln in den Ideen und in den Vorstellungen des sie umgebenden Zeitalters haftet? Nur was der Künstler aus seinem lebendigen Fühlen heraus schafft, nur das ist echt und wahr. Die größten Künstler aber, die standen immer im Volk. So wird denn auch das Fühlen des Volkes immer sein eigenes sein. Das ist der Erdgeruch! Was aber heute das Volk bewegt, das ist cs selbst, das ist der vierte Stand. Unaufhaltsam dringt es nach vorn. Auch die Dichtung und die Bühne hat es sich schon erobert. Was also Wunder, wenn es auch die Leinwand gcgewinnt? Fort darum mit dem unnützen und so ganz unvernünftigen Streit. Und nun Max Liebermann? Als wäre er einer von Denen, die gerade nur immer mit Blut und Pfützenwasser, die nur die Noth und das Elend Hinmalen. Auch das ist affektirt. Da nehmen wir seine vier Bilder in der Ausstellung! Wo ist auch auf einem nur die Noth und das Grauen? Doch ganz im Gcgcntheil! Die Splittlerinnen, wie sie da gemüthlich in traulichem Geplauder im Gärtchen mit einander sitzen . . , die Mädchen und Knaben in der Flachsschcuer, fleißig und froh bei der Arbeit . . , die alle Frau am Fenster und der Biergarten in München, die beide für sich selber sprechen! Ist es nicht, als wollte der Künstler sanft und milde die Hand dieser Leutchen ergreifen und sie versöhnend in die unsere legen? Jawohl, eine Tendenz! Und wollte Gott, sie stände so solcher Gestalt nicht blos auf der Leinwand! Und nun die Impression! Da stehen sie schon vor uns, seine neuen Werke, die nächstes Jahr nach München auf die Ausstellung sollen . . . zum Beispiel dieses Mädchen in Holland! Der Schauplatz eine grüne Wiese, voll übergossen vom Sonnenschein; sengend lastet die Gluth auf der Fläche; ein mattes Roth, das im Mittelgründe hervorblickt . . . das sind Häuser, niedrig und klein, mit großen Ziegeldächern! Und inmitten dieses Schauplatzes ein wandelndes einsames Mädchen mit dem obligaten violetten Schatten. Das Ganze in seinen Einzelheiten eben überall nur angedeutet ... ein lyrisches Gedicht. Das ist die Impression! Nun ja, es ist nur eine Skizze. Auf was kommt es wohl aber an? Auf das Ausführen oder auf das Ausfühlen? L und R, das ist eben der Unterschied. Um die Seele ist es deni Kiinstler zu thun ... die Seele, die auch in der Natur lebt, in jedem Wolkenstreif, in jedem Grashalm, in jedem Sandkorn; die Gottheit malt er, die das All durchdringt, die Philosophie des Spinoza, wie Bode, übrigens ein intimer Freund des Künstlers, einmal von den Holländern sagt . . . und so wird das künstlerische Glaubensbekenntniß des Meisters wieder, wie das unzählige Mal ja geschieht, auch zum religiösen. Denn Religion ist ihm Kunst. „Die Natur, gesehen durch das Temperament" ... so nennt Zola einmal seine Kunst und so faßt sie auch Lieberinann auf. Und Jeder sehe sie an durch sein eigenes Temperament! Subjektivität, Persönlichkeit, Freiheit! Darum Achtung vor der Persönlichkeit und Jeden nach seinem eigenen Maße gemessen, nicht aber nach dem starren Standpunkte einer Partei. Raum, Ihr Herren, dem Flügelschlag einer freien Seele! Freilicht, also die Nachbildung der Natur! Nicht aber mechanisch! Und wie die Kunst des Meisters sich in Allem von jener blöden Maske unterscheidet, hinter der sich nur die künstlerische Ohnmacht versteckt, Naturalismus genannt, so weiß er auch, daß nicht Alles, was in dem Gegenstände seiner Darstellung, der Wirklichkeit liegt, sich für die künstlerische Wiedergabe eignet. „Die Kunst zu malen", so äußerte er sich, „die hätten wir nun glücklich heraus; nun lerne man auch endlich die andere Kunst! Nämlich die Kunst, Gewisses nicht zu malen." In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister. Nicht nur sehen, auch übersehen lerne der Künstler! Die Seele aber sehe er vor Allem! Immer wieder kommt der Meister darauf zurück. Das ist das echte Künstlerthum in ihm. Daher auch in allen seinen Bildern keine Pose des Aeußerlichen, der Technik, wie ungeheuer und wie tollkühn die auch sind, sondern immer ein Unterordnen unter das Seelische. So zum Beispiel die alte Frau am Fenster. Es ist ein Schiebefenster und die Scheiben sind doppelt. Man meint, man müffe diese beiden verblindeten Gläser mit den Händen fassen können, so unerhört ist die Illusion. Und dennoch ... man sieht es wieder kaum, es ist nur selbstverständlich, cs gehört nur so dazu, all unsere Theilnahme gehört nur dem alten Mütterchen, das seinen Strumpf stopft und für das dieser Strumpf die ganze Welt bedeutet. Oder das Spiel der Lichter im Spitalgarten. Da ein Klecks, fast einen Centimeter hoch, dort beinahe die nackte Leinwand ... ein Virtnosenstück an Dreistigkeit. Das glitzert und schimmert jedoch, wie ... nun eben wie die liebe Sonne selbst. Niemand aber bemerkt es; man sieht nur die Sonne, den Pinsel aber sieht man nicht, man vergißt ihn, und das ist ja die allerhöchste Wirkung in der Kunst, daß man über sein Werk den Verfertiger vergißt. „Technik, das ist Handwerk, und nur die Seele, das ist Kunst," so fährt er fort, „mit dem Herzen arbeitet der Künstler, nicht mit dem Sitzfleisch. Nicht Kunstgelehrte, nicht Philister sollen unsere Richter und Beurtheiler sein, sondern der Dichter soll es sein." So schafft und arbeitet der Meister . . . und in welcher Menge er schafft, davon erzählen die Galerien und die Ausstellungen. Das Genie ist immer stark produktiv, und wenn Bode behauptet, das; Velasquez manche seiner Porträts in drei Stunden gemalt habe, so kan > das der Meister durchaus begreifen. Jetzt malt er selber an einem Portrait, eine ganze Gestalt und fast in Lebensgröße; es ist Herr Petersen, der Bürgermeister von Hamburg. Und nun nehinen wir Abschied von ihm. Was sie ihm niemals hatten rauben können, nicht mit Spott und nicht mit Lachen, das war sein Glaube an sich selbst. Heute hat er ihm die Früchte getragen, und möge er ihm noch viele gesegnen, zum Gedeihen und zur Ehre der deutschen Kunst! FEUILLETON -m- Gott ist die Liebe. Novelle von O. Bach. (Schluß.) Ein wundersames Empfinden bemächtigte sich Josefs und seiner älteren Schwester, welche neben dem Lager Rosa's in die Knie gesunken war, ihre brennenden Augen in die Kiffen drückend, als es, leise wie ein Hauch über die Lippen der Kranken drang: „Gott ist — die Liebe. Vater — Vater, vergieb auch Du, — Versöhnung." Aufschluchzend lehnte Josef seine Wange an die Schulter Doris', welche vom Schmerz überwältigt flüsterte: „Versöhnung." O, und wie Josef jetzt rang, wie er all' seine bittern und schmerzlichen Empfindungen, — all' seinen Haß und Groll hinschmelzen sah, — wie er sich von den sanften Worten Rosa's wie von Engelsfittigen berührt fühlte, — ebenso hatte auch sein Vater den Kampf