Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1891)
- Date
- 1891-06-19
- Page
- Seite 297 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Wohlthätigkeitsanstalten bei. Auffallend ist es aber immerhin, daß nur spärliche geschichtliche Denkmäler aus jener Zeit auf uns gekommen, daß die Geschichte weder aus dem Buche mit steinernen Blättern, den Mazeboth, noch aus dem in Papier oder Pergament verwendbares Material zu schöpfen in der Lage ist. Wer von uns wird nur einen Augenblick daran zweifeln, daß die spanischen Einwanderer auf dem Balkan mit sich ein großes Kontingent von in Spanien ausgebildeten jüdischen Gelehrten mitbrachten, daß diese für die Fortpflanzung der jüdischen Lehre und des Lichtes das Ihrige gethan und gewiß auch die Führung der Feder nicht vernachlässigten. Und doch bleiben wir unorientirt über den Gang der Ereignisse in diesem langen Zeitraum von ca. 500 Jahren jüdischen Balkanlebcns, vielleicht lange noch — allenfalls länger als die Bulgaren und Serben, denen die österreichischen Czechen mit bewunderungswürdigem Fleiß und Geschick ihre Geschichte aus dem Staub und Moder der Archive, wie aus Inschriften griechischer und slavischer Monumente hervorholten und zusammentrugen. Die Ursache dieser litterarischen Stille mag wohl darin liegen, daß der eingetretene leidliche Zustand, welcher arm an tragischen Episoden war, keine genügenden Momente für Aufzeichnung von Begebenheiten abgab. Auch mag die Jsolirtheit, in welcher die Juden in dieser natürlichen Festung, weit ab von dem Gros der übrigen europäischen Stammesgenossen, sich befanden, die Stagnation des Gedankenaustausches mit verschuldet haben. Inwieweit diese Jsolirung auf Charakter, Bildungsgrad und Fortschritt der spagnolischen Juden eingewirkt hat, wollen wir in einem folgenden Aufsatz untersuchen. * Mas Fiebermann. Von Heinrich Lee. Max Liebermann! Wie lange ist es her, da lachten sie noch im hohen Rath, die Herren, wenn dieser Name erklang. „Verrückt" ... das war das Einzige. Nur immer hübsch konservativ . . . Freilich, als ob das jemals anders gewesen wäre. Konservativ! Und heute kann man aus dem Königlich Preußischen Staatsanzeiger und den Preußischen Jahrbüchern erfahren, daß Max Liebermann, unter den Jungen wenigstens in Berlin, der erste ist . . . und derjenige, dem bekannt ist, wie wenig Liebermann an gewissen Stellen beliebt ist, wird den pikanten Reiz gerade einer solchen Anerkennung in ihrem ganzen Umfange ermessen können. Schlicht wie seine Bilder-ist er selber und ist die Stätte, an der er schafft, sein Atelier. Nein, das ist wirklich keine von den prächtigen Hallen, die man Künstlerateliers nennt. Ein einfacher weiter Raum, ohne die Spur vom einem Schmuck, außer jenem seiner Zeichnungen und Skizzen uud Bilder, die schier zahllos die Wände und Tische bedecken. Nur im Hintergründe ein paar eingelassene blauweiße Fließen von Porzellan und ein paar aufgestellte Fischernetze, Erinnerungen an das schöne Holland . . . das ist Alles. Sonst von derlei Dingen nichts. Keine kostbaren Schränke und Sessel, keine Gewebe und keine Ritterrüstungen, keine Raritäten. Es ist kein Atelier, es ist eine Werkstatt. Die Werkstatt... wie auch unser treuer Meister Albrecht einst in einer Werkstatt seine Bilder malte, damals in der goldenen Zeit der echten deutschen Kunst, als noch die Meister mit vorgebundenem Schurzfell und aufgekrempeltem Hemd an ihre Arbeit gingen, einfältig und schlicht, so wie anderen Sterblichen ... in keiner braunen Sammetjacke, mit keinem flatternden Lavallier, mit keinem wallenden Haarbusch, kurz, ohne Affektation, so wie die echte Kunst cs immer war von Urbeginn an und immer sein iyird bis in die graueste Ewigkeit . . . „Ich habe niemals in der Poesie affektirt," sagte auch einmal Goethe. Und da haben wir ihn gleich selber! Wie seine Werkstatt, wieseine „alte Frau" und sein „Spitalgartcn" jetzt in der Ausstellung — dieser Garten, aus dessen durchfunkeltem Grün nunmehr wohl auch dem ärgsten Philister ein Sonnenstrahl ins dürre Herz hinein hüpfen wird — wie seine Kunst, so ist er auch selbst. Nichts Auffälliges an diesem blauen Tuchjacket und dieser Kravatte. . . und nur das dunkle blitzende Auge und seine Rede, wenn er erst zu sprechen beginnt, verrüth den Künstler. Schnell überstürzen sich seine Worte und können der Flucht der Gedanken nicht nach ... da stockt er und sucht nach einein Ausdruck . . . und schon ist er wieder bei etwas Anderem, und Alles, was er da von seiner Kunst erzählt, das blitzt und funkelt nur so von Wahrheit und von Treffsicherheit, und wir wärmen und freuen uns dran, und vor uns, da sehen wir die Sonnenlichter spielen ans den grünen Büschen im Spitalgarten von Leyden . . . grade so hü! send und funkelnd und blitzernd und so licht und so warm und doch so lauschig und stillvergnügt dabei, ohne Trara. Und nun werden wir ein wenig neugierig und möchten gern wissen, was ihn damals, vor nun fast zwanzig Jahren . . . damals, als man vom Freilicht und von Impression im neuen Deutschland noch so wenig wußte . . . was ihn auf diesen Pfad gedrängt, auf dem er zum Markstein werden sollte, von welchem heute die moderne Berliner Schule ihren Ausgang nimmt. Grade vor uns, im einfachen Rahm ui, da steht eine Leinwand, eine Rasenfläche im Walde mit der Gestalt eines Mannes ... wie uns der Künstler sagt, ein Motiv aus dein Walde von Fontainebleau. Das hat er im Jahre 1875 gemalt. Freilich, von den Wundern der Technik, wie er sie heute ans den Aermeln schüttelt, ist auf dieser Leinwand noch nicht viel zu sehen. Das Prinzip aber in Gestalt der Dürftigkeit, die dieser Mann zur Schau trägt, ist schon da. Und,da ist der Punkt, von dem wir gern etwas wissen wollten. „Wie ich dazu gekommen?. Warum ich mich den armen Leuten zugekehrt? Sagen wir, es war die Reaktion. Wohlverstanden, nicht jene Art der allgemeinen Realtion ... wie sage ich nur, die programmmäßige! Dem Süßlichen nun endlich wieder mal das Herbe, dem Historischen das Moderne entgegenzusetzen! Nein, was mich leitete, das war Persönliches. Ich hatte einen reichen Vater und kannte nur den Reichthum. Da fiel mein Blick auf die Armuth, auf die Geringen und Niedrigen. Nun, da geschah es. Ich nenne es die Reaktion. Gewaltig zog es mich zu ihnen hin. So wurde ich der, der ich nun einmal bin! Man sagt, ich sei Sozialdemokrat. Da haben Sie die Philister! Als ob man durchaus ein Parteimann sein muß, um mit den Armen und mit den Niedrigen zu fühlen! O, die Philister!" „Aha! Aber also doch! Tendenzmacherei — das also zugestanden! Indessen doch die Kunst nur Kunst, und Zweck an sich soll sein, Zweck und nicht Mittel., .ein Mittel, um zu existiren. Denn war' die Kunst nur Mittel, so wür' sie auch nur sekundär. Da ist der Widerspruch. Da sieht man's, wie die Kunst nichts Anderes darf sein, als nur sie selbst... ohne jede andere Absicht, ohne Tendenz!" „Ja, ja doch ja, meine hochverehrten Herren! Nur strengen Sie sich Ihre Lungen gar nicht zu sehr an! Und eine Frage! Nicht wahr, „Kabale und Liebe", das lassen auch Sie doch allenfalls gelten? Obwohl der Weheschrei Louisens und das Stöhnen ihres alten Vaters, die Schmerzenslaute der Unterdrückten vernehmlich genug empor zum Himmel dringen. Und dennoch ein Kunstwerk! Nicht wahr?... Richtig, aber das soll ja wieder was Anderes sein. Da hat der Dichter das nicht hineingelegt, da ergiebt es sich ganz von selbst, heraus aus dem Stoff, es ergiebt sich „naiv". Also „naiv"!