Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1891)
- Date
- 1891-06-19
- Page
- Seite 296 (sequence 8)
- Language
- German
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- rse —— eine solche hintanzuhalten, sich nicht bewogen fanden. Jetzt dagegen! schlägt das Zünglein der Wage, das zwischen Ewigkeit und Sterblichkeit geschwankt hatte, nach der letzter« hin aus. Und alle Einzelstrafen, nicht allein die, welche über die Menschen, auch die, welche über die Schlange verhängt werden, fallen unter den Gesichtspunkt'^ von Lebensstörungen. Diese zehren an der Kraft, bis der nunmehrunabänderlich von Gott als Ziel gesetzte Tod folgt (vergl. Dillmann).i In welcher Beziehung zum letztem die Vertreibung aus dem Gartew lind das an diese sich Anknüpfende steht, ist in der Inhaltsangabe beleuchtet. Gelegentlich der Strafverhängung äußert sich die für das! Weib angenommene geringere sittliche Zurechnungsfähigkeit darin; bei der Schlange lind dem Manne findet vor dem Urtheilsausspruch Erwähnung der Schuld als Begründung des erstem statt (rw HW "O V. 14. nyölP ’D B. 17); beim Weibe wird ohne eine solche Erwähnung das Urtheil kurz ausgesprochen. In einer, man inöchte sagen, gedrungeilen Breite von echt epischer Farbe bewegt sich die Erzählung dahin. Wohlthuende Lebensfrische verleiht ihr der Umstand, daß sie stark dialogisch durchsetzt ist. Sollte dieses Erzeugniß nicht aus der Werkstatt der Ehokhmadichtung hervorgegangen sein? (Schluß folgt.)? Nie Juden in den Balkaniänder«. Von Dr. R. Vierer in Sofia. I. Wir wollen versuchen, in einigen Artikeln über die Lage unserer Brüder in den Balkanstaaten zu berichten. Doch ehe wir darangehen, voll der Gegenwart zu sprechen, erscheint es nicht überflüssig, den Schleier der Vergangenheit ein wenig zu lüften, um dem geehrten Leserkreis an der Hand des spärlichen Materials den nöthigen Einblick zu verschaffen, welcher das Verständniß der Situation erleichtert. Betreten wir den Boden Belgrads, so befindet man sich auf dem Anstieg jener Ländereien, welche die Hand des Schöpfers durch die mächtig dahinziehenden Balkanketten so grotesk schön geschaffen. Hinter dem silberschimmernden mächtigen Donaustrome haben sich die Türken vor etwa 500 Jahren vor dem Abendlande und seiner damaligen Kultur glücklich zu verschanzen gewußt; sie schufen da ein Heim, das an Fruchtbarkeit von keinem andern Lande übertroffen wird und unterwarfen die noch einige Jahrhunderte zuvor eingewanderten Slaven Rajah's genannt. Eben diese Ländereien mit ihren Naturfestungen waren auch von der Vorsehung bestimmt, unfern unglücklichen Brüdern eine Zufluchtsstätte in der größten Noth und Drangsal zu sein. Dort hinter jener Feuerlinie der europäischen Kultur, wo ein mächtiger, semitischer Herrscher das Szepter führte, durften die in ganz Europa wie ein Wild gehetzten ausgeplünderten Juden sich ansiedeln, durften ihren Glauben frei bekennen, ihre Synagogen bauen, ihre eigenen Friedhöfe besitzen und ihren Lebensunterhalt wie jeder Muselmann erwerben. Die aus dem bluttriefenden Abendlande Herübergeflüchteten wurden nach und nach gern gesehene Kaufleute, mit denen die reichen Paschas und Beys in Handelsverbindungen eingingen, die sie bis in die letzte Zeit ihrer Herrschaft in Serbien und Bulgarien beschützten gegen Jene, welche die jüdischen Gelder zu rauben Miene machten. Die Achtung, welche die Türken dem jüdischen Volkselement schon im finstern Mittelalter bezeugten, fand den selbst heut zu Tage anerkennenswerthen Ausdruck darin, daß diese den jüdischen ßhachamim besondere Vorrechte verliehen, ihre Urtheile anerkannten und sich nie in das Besetzungsrecht der Rabbinatsposten mischten, wie z. B. bei den christlichen Völkern. Der Chacham-Baschi war das Oberhaupt der Gemeinde und vertrat diese bei der Regierung, natürlich mit seinem Komitee und Dajanim. Wohl wird man mir entgegenhalten, daß die Ghettos noch bis heute in der Türkei nicht abgeschafft sind. Es ist wahr! Aber es möge daran erinnert werden, daß das schaurige Ghetto, in welches der barmherzig-christliche Hochadel oder Hochwürdenträger unsere Brüder hineingepfercht, mit der „Machala", in welcher hier die Juden wohnten, keinen Vergleich aushalten kann. Letztere war eine eigene Gaffe — oder richtiger ein ganzer weit ausgedehnter Stadttheil ohne Thore zum Absperren und ohne die ängstliche Furcht vor Ueberhandnahme der Einwohnerzahl, dazu bestimmt, daß die Juden in ihrer bekannten Gruppirung um das Gotteshaus nicht gestört werden beim Verrichten des Gottesdienstes, daß dieselben sozusagen stets unter sich seien; und was endlich dieser Machala jeden feindlichen Beigeschmack benimmt, ist wohl der Umstand, daß die Türken, dank ihrem strengen Haremsgesetze, wie auch den üblichen Begriffen von Reinlichkeit, selbst ihre eigenen Machalas bewohnten, und die christliche-Bevölkerung wieder ihre Stadttheile angewiesen bekam. Bei den bewandten Umständen, daß die Türkei seit fast einem halben Jahrtausend ihren Schutz unseren unglücklichen Brüdern in so ausgezeichneter Weise angedeihen ließ, hätte man auf eine dichtere jüdische Bevölkerung rechnen dürfen. Und wenn dieses doch nicht geschah, scheint daran die mangelhafte Kommunikation mit Europa und das Gefahrvolle einer solchen Wanderung durch ein halbes Europa entmenschter Wütheriche — vom Beginn der Kreuzzüge und der Schreckenszeit der Inquisition bis noch vor 200 Jahren — schuld gewesen zu sein. Wer zählt denn übrigens die zahlreichen Menschenopfer, welche die Flucht nach der Türkei gekostet haben mag! Was die Provenienz der Juden auf der Balkan-Halbinsel anbelangt, ist nicht blos Spanien in Betracht zu ziehen, das wohl das weitaus größte Kontingent stellte, und das heute unter dem Namen sefardisch-spagnolisches Judenthum erscheint — eine ziemliche Anzahl abendländischer Juden befinden sich heute noch als Nachkommen jener aus Deutschland und Ungarn Eingewanderten unter dem Gesammtnamen Aschkenasim, deren Liturgie sich auch in den bekannten Variationen des Minhag Aschkenasi und des M. Sefard erhalten hat. Außer den obgenannten Oertlichkeiten scheinen Einwanderungen aus anderen Ländern successive erfolgt zu sein, und wir werden noch an anderer Stelle darauf zurückkommen. Das Wohlwollen der Regierung wurde noch erhöht, als unter den spanischen Flüchtlingen Männer von bedeutender Gelehrsamkeit, von staatsmännischer Klugheit und selbst von medizinischem Wissen sich befanden, welche an die Höfe der Sultane als Aerzte, Diplomaten und Schatzmeister berufen wurden. Natürlich mußten da die von anderer Seite gesponnenen Jntriguen zu Schanden werden. Die griechisch-orthodoxe Kirche konnte sich während dieses ganzen Zeitraumes der türkischen Herrschaft nicht zu jener Höhe emporheben, auf welcher die römisch-katholische im christlichen Staate stand. Die thronenstürzende Allmacht wie die inqusitionsschaffende Ordre, welche der orientalischen Kirche abgingen, haben unseren Brüdern daselbst das Leben behaglich gestaltet, und sie, die aus den sogenannten Kulturstaaten Vertriebenen, durften hier sorglos sich ausbreiten. Man findet daher in den Ländern der Türkei wohlgeordnete jüdische Gemeinden, in denen die Stimme des Zankes und des Haders Jahrhunderte lang nicht gehört wird. Ruhig und im gleichmäßigen Geleise steuert der Spagnole direkt und indirekt zur Er- - Haltung seiner Gottes- und Lehrhäuser, zu seinen Humanitäts- und