Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1891)
- Date
- 1891-06-19
- Page
- Seite 295 (sequence 7)
- Language
- German
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II. Die Schlange, das arglistigste aller Thiere des Feldes, stellt dem Menschenpaar gegenüber (denn inzwischen ist das Weib geschaffen worden) in Abrede, daß es von der Erkenntnißbaumfrucht sterben würde. Weil Gott wisse, daß durch den Genuß der Frucht ihre Augen geöffnet, sie, das Gute und Böse erkennend, ihm gleich würden, habe er das Verbot ausgesprochen. Von der Wohlgeschmack verheißenden und Angenlust gebenden und zu all der Lieblichkeit noch Klugwerden.^jr Aussicht stellenden Frucht nimmt das Weib und ißt. Sie giebt^ihrdm Manne, und auch er ißt. Hl. Ehe die verbotene Frucht gegeffen war, hatten sich die Beide» ihrer Nacktheit nicht geschämt. Nach geöffneten Augen nehmen sie Schürzen aus Feigenlaub um. Bor Gott gar verstecke» sie sich furchtsam, da sie seine Stimme vernehmen, wie er im Garten lustwandelt. Dieses Verstecken läßt Gott den sichern Schluß auf ihre Uebertretung machen, da er ihnen im Garte» immer zu begegnen gewohnt war. Hervorgerufen, sucht Adam in der von Gott angestellten gerichtlichen Verhandlung die nicht wegznleugnende Schuld von sich auf das Weib abzuwälze», die von der Frucht ihm gegeben habe. Das Weib wälzt die Schuld auf die Schlange als Verführerin. Von dieser aufwärts verhängt Gott die Strafen. 1. Die Schlange soll fortan, niit Fluch belastet, mehr denn alle Thiere, auf dem Bauche kriechend Staub fressen alle Tage ihres Lebens. Eine in allen Folgezeiten zwischen ihr und den Menschen bestehende Feindschaft soll es mit sich bringen, daß diese ihr de» Kopf zertreten, sie ihnen nach der Ferse schnappt?) 2. Das Weib nimmt als Strafe die Schmerzen der Geburt und die Abhängigkeit vom Manne hin. 3. Der Mann wird verurtheilt, alle Tage seines Lebens unter Schmerzen und Mühen den um seinetwillen verfluchten Erdboden, der kargen Ertrag ihm Hervorbringen wird, anznbaue». Und dieses mühereiche Leben — was wird fein Ende sein? Rückkehr zu dem Staube, von welchem der Mensch genommen ist. Versäumtes und bisher ihm Freigestandeues nachholend, könnte der Mensch noch geschwind vom Baum des Lebens essen, wonach er ewig leben muß. Um das zu verhindern, vertreibt Gott ihn aus dem Garte», damit er sei» schweres Lebensloos sofort antrete, und läßt den Weg zum Lebensbaum von den Cherubii» und von der Flamme des kreisenden Schwerts bewachen. Die Erzählung hat zu ihrer nächsten Absicht die Ertheilung einer Antwort auf die Frage, woher das gegenwärtige, öde Erdenloos stamme?') In mythischein Sinne ist ztlnüchst die Frage gestellt — in mythischem Sinne erfolgt die Antwort. Daher denn auch die Erzählung auf mythisch gegebenen Unterlagen aufgebaut ist. Während diese aber zum größer» Theil dem bisherigen Standpunkt der Forschung fremdländischen Ursprung bekennen, ist über ihnen ein parabelartiges Gebäude aufgeführt, das im Grundzug seiner Gestalt und seines Gedankens wesentlich mit dem zusammenstimmt, was uns die übrigen' althebräischen Parabeln vor die Anschauung geführt haben. Im Folgenden soll gezeigt werden, wie die parabolische Entwicklung hier fast durchweg eine auf subjektiver, innerlicher Grundlage durchgeführte ist und wie die einzelnen Momente der letzter» mit vollendetem Zusammenhänge in einander greifen. Die Schlange beginnt nach Verführerart mit einer scheinbar mehr allgemeinen, nichts destotveniger mit Sicherheit nach der besonderen Antwort hinzielenden Frage. Wir sehen den Verführer seine Frage wohlüberlegter Weise gerade an das Weib richten. Dieses, von Natur plauderhaft, steht ihm gern Rede. Hat Gott doch zufolge ihrer Auskunft bei Androhung des Todes nicht allein, von der Frucht jenes Baumes zu essen, sondern auch sie anzurühren verboten! Außerdem nennt sie keinen Baum der Erkenntniß des Guten und Bösen. Sie spricht blos von dem „Baum in der Mitte des Gartens". Beides in Verbindung gebracht, scheint zu beweisen, daß sie das Verbot aus zweiter Hand hat, von Adam. Dieser hat ihr gegenüber *) naswn Wellh. 2) Wellhausen, Prolegomena 316 folg. denselben Weg einschlagen müssen, zu welchem man bei einem Kinde sich genöthigt sieht, das von Seiten seiner Vernunft die thicrische Stufe noch nicht überwunden hat. Aus diesem Grunde konnte er von der tieferen Eigenschaft der verbotenen Frucht ihr nichts mittheilen. Vom Genuß der Frucht konnte er blos dadurch abschrecken, daß er auf der einen Seite dieselbe als tödtlich, nach Art eines Giftes wirkend schilderte. Auf der anderen Seite suchte er die Uebertretung um so gewisser zu verhindern, indem er um das von Gott ausgesprochene Verbot des Genusses noch einen Zaun, das Verbot der Berührung, zog. Uns scheint hieraus hervorzugehen, daß der Dichter sittlichen Instinkt — denn von diesem allein kann vor dem Fall die Rede sein — blos dem Manne zuschreibt, dem Weibe nicht. Daß der Dichter von der sittlichen Zurechnungsfähigkeit des Weibes überhaupt keine hohe Meinung hat — worüber das Weitere zu vergleichen ist — hängt hiermit zusammen. Der Schlange erstes Geschäft ist es nun, die Todesfurcht, welche ihren bösen Zweck vereiteln zu wollen scheint, hinwegzuräume». Ihr zweites Geschäft besteht darin, mehrere Leidenschaften auf einmal wachzurufen: Lüsternheit, Neugier, Ehrgeiz, Eifersucht. Zündet die eine nicht, dann vielleicht die andere. Und diejenige Leidenschaft, welche vor allen anderen bei dem Weibe zündet, ist die Lüsternheit, wie es bei einem Naturmenschen zu erwarten war. Der Genuß hat das Auge der Menschen geöffnet. Dieser Umstand veranlaßt sie unmittelbar, sich in den Feigcnschurz zn hüllen und vor den durchdringenden Blicken Gottes sich zu verstecken. Letzteres Beides scheint uns zugleich auf die Frage Antwort zu ertheilen, ob mit der Erkenntniß des Guten und Bösen blos die des dem Menschen Nützlichen und Schädlichen') oder wirklich die Erkenntniß des sittlich Guten und Bösen gemeint ist. Wir sind der Ansicht, daß einerseits Nützlichkeits- und Sittlichkeitsinteresse hier noch ineinander spielen, andererseits entschieden schon das Letztere das größere Gewicht hat. Denn schwerlich könnte man, ohne auf Abwege zu gerathen, für den Hauptgrund der Einhüllung etwas Anderes halten, als daß ihre Nacktheit ihnen als ein in, ein sittlich Verwerfliches, zum Bewußtsein gekommen. Vergl. 2, 25 Ohne Frage liegt des Weitern der Hauptgrund ihrer Verbergung darin, daß sie mit ihrem gepeinigten Gewissen den durchdringenden Blick Gottes auszuhalten nicht im Stande sind. Die Schani und das Verstecken ivaren demnach nothwendige subjektive Wirkungen jener Schuld. Deshalb wird unfehlbar Gott diese dem Adam auf den Kopf Zusagen können. Unfehlbar wird Adam wenigstens von der Urheberschaft der nicht wegzuläugnenden Schuld sich zu entlasten suchen. Unfehlbar wird das Weib von der ihr zugeschobenen Urheberschaft sich zu entlasten suchen, indem sie die Schlange als den Verführer namhaft macht. So werden die Schuldigen insgesammt entdeckt, und wohlgemerkt, vermöge einer subjektiven Nothwendigkeit. Vor dem Fall war für den Menschen die Möglichkeit ewiger Lebensdauer vorhanden gewesen. -) 2,9b: „Und der Baum des Lebens in der Mitte des Gartens und der Baum der Erkenntniß des Guten und Bösen." Das Verbot hatte auf den Baum des Lebens, dessen Frucht dem Genießenden ewiges Leben gewährte (3, 22), sich nicht mitbezogen. Dennoch hatten die Menschen von der erlaubten Frucht nicht gegessen. Das könnte seinen Grund darin haben, daß sie über die Eigenschaft jener Frucht nicht aufgeklärt waren. Das Gedankengeinäßere aber ist, daß im Zustande glücklicher Unschuld nicht entfernt die Sorge einer Begrenzung ihres Lebens in ihnen aufstieg, sie demzufolge auch, ') Hofman», Wellhausen, Bredenkamp in den St. u. Kr. 1889. S. 542. 2) Vergl. Riehm in den St. und Kr. 1885, S. 763.