Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1891)
- Date
- 1891-06-12
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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- 3 Nachweisen solle. Die Hauptpflicht für die englischen armen Juden sei die Bemühung um ihre Naturalisation. — Entgegen dieser Auffassung wird aus mehreren Orten Rußlands mitgetheilt, daß die englischen Konsuln die Weisung von ihrer Vorgesetzten Behörde erhalten haben, die russischen Juden dringend vor der Auswanderung nach England zu-warnen, da sie dort wegen Ueberflusses an Arbeitskräften keine Beschäftigung finden. NnßlanL. * Petersburg, 5. Juni. Mr. White bereist im Aufträge des Barons Hirsch die am meisten von Juden bewohnten Gegenden Rußlands, um sich Gewißheit zu verschaffen, ob die Juden gesonnen sind, nach Argentinien überzufiedeln, wie Baron Hirsch plant. Mr. White hat sich bezüglich seiner Reise in Rußland zuvor die Gewißheit verschafft, daß die hiesigen amtlichen Kreise ihm für seine Zwecke Unterstützung angedeihen lassen werden. -- Inzwischen nimmt die Massenauswandernng der geängstiglen Glaubensgenossen ihren Fortgang. Aus Odessa sind in dieser Woche wiederum 700 jüdische Familien nach Palästina ausgewandert. In den beiden vorhergegangenen Wochen sind von Odessa 2500, von Kiew 4000 und von Berditschew 5000 Juden nach England, Amerika oder Australien aufgebrochen. Wie verlautet, hat das russische Auswanderungskomitee mit der Ostseedampfer-Kompagnie einen Kontrakt abgeschlossen, um 60,000 arme Juden von Libau und Riga nach London zu schicken. Das Komitee hofft, im Jahre 1892 mehr zu schicken, wenn der Plan mit Erfolg durchgeführt wird und die Juden in London und in den Provinzstädten Arbeit erhalten. Dasselbe Komitee hat auch nach Palästina Delegirte zum Ankauf größerer Landstriche gesandt. Polja kof, der Eisenbahnkönig, wird sich schon in den nächsten Tagen nach Paris begeben. Der Odessaer Fabrikbesitzer Brodski hat seine Besitzungen bereits,- wie man sagt, für 8 Millionen Rubel verkauft und sich ins Ausland begeben. * Warschau, 3. Juni. Das unsägliche Elend, welches durch das Zusammenströmen der schaarenweis eintreffenden Flüchtlinge in den jüdischen Gemeinden Polens, namentlich den an der Grenze belegenen, hereingebrochen ist, spottet jeder Beschreibung. Hundertlausende Menschen leben da vollständig ohne Subsistenz, von einem Tag zum andern. In einer Stube, welche tagsüber Werkstätte war, schlafen des Nachts acht bis zehn kinderreiche Familien: ein Menschenknäuel, umquirlt von miasmatischen Ausdünstungen, die wie ein dicker Qualm über diesen Unglücklichen brüten. Tagsüber wird in den meisten Familien nichts gegessen, erst Abends, wenn der Vater mit dem kargen Lohnerwerb heimkehrt (was aber nicht immer der Fall ist), giebt es ein Stück Schwarzbrod und einen Häring für die ganze Familie. In dem Innern des Reiches verfault die Ernte stellenweise in den Halmen mangels an Arbeitern; und hier gehen Hunderttausende von Männern herum in nothgedrungener Mäßigkeit, gequält vom Hunger und von dem noch schlimmern Gefühl, ihren Angehörigen, die im schauerlichsten Elend darben, keinen Bissen Prod bieten zu können! O, es ist ein Wahnsinn, in dem nicht einmal Methode steckt! L. T. Odessa, 29./11 Mai 1891. Den 4./16. Juni begeht der greise Oberkantor der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde, Herr Nisson Blumenthal, sein 50jähriges Dienstjubiläum. Die Gemeinde rüstet sich, diesen Tag festlich zu begehen. Oberkantor Blumenthal aus Jassy wurde den 4. Juni 1841 von den damaligen Vorstehern, den um die hiesige Gemeinde vielfach verdienten Gebrüdern Berman, Abraham und Moses Trachtenberg, Wolff Gold, Fischel Friedenberg s. A. und noch mehreren anderen Gleichgesinnten gewählt. — Gottesdienst, Schule, Hospital und andere wohlthätige Anstalten waren wohl schon vorhanden, aber es bedurfte einer Reform und zwar auf dem Gebiete der Liturgie. Als der hochverdiente Jubilar vor einem halben Jahrhundert sein Amt antrat, da herrschte ein wüstes Chaos in der Synagoge. Ihm haben wir und auch die anderen Gemeinden Rußlands es zu verdanken, daß eine musterhafte Ordnung im Gottesdienste eingeführt wurde. Musikalisch gebildet und von der Wichtigkeit seines Amtes durchdrungen, schaffte er einen Chor, wie man ihn selten in einem jüdischen Tempel hört. Mit unermüdlichem Eifer gab er sich den Pflichten seines Amtes hin und entzückte die Zuhörer durch seinen herrlichen Gesang. Die Reform auf dem Gebiete des Gottesdienstes hat einen wohlthätigen Einfluß auf die Gemeinde hervorgebracht; Christ und Jude ging oft ins jüdische Gotteshaus, um den trefflichen Meister und seinen vorzüglichen Chor zu hören. Die russische Aristokratie und an ihrer Spitze der damalige General- Gouverneur Fürst Woronzoff und seine edle Gemahlin waren dort gar oft Gäste am Freitag Abend. Blumenthal war der Schöpfer des Choralgottesdienstes in Rußland, und als Vorbeter steht er als Muster dar. Er ist ein „Schelich-Zibur“ in des Wortes schönster Bedeutung. Die Gemeinde gedenkt sein verdienstvolles Wirken durch eine Stiftung für immer der Nachwelt zu erhalten. Wir wünschen herzlichst, der Allgütige möge ihm Gesundheit und Kraft verleihen, damit er noch eine lange Reihe von Jahren in seinem segensvollen Amte wirke! Griechenland. * Athen, 28. Mai. Die Erklärungen der Herren Delyannis und Deligiorgis, über die Entstehung der Judenhehe in Corfu werfen in der That ein ganz neues Schlaglicht auf die traurigen Ereignisse. Vor Allem handelt es sich nicht um eine — trotz aller Jmportversuche, namentlich aus Wien — den Griechen ganz fremde, planmäßige antisemitische Bewegung. Die Urgründe der Pöbelszenen waren — darüber besteht jetzt kein Zweifel mehr- — ihrem Wesen nach nicht religiöser, auch nicht ökonomisch-materieller, sondern vorwiegend kommunal-politischer Natur. Die Religion, resp. der Fanatismus, kam nur insofern in Betracht, als die gegen Mt Inden politisch interessirten und bis Dato in der Gemeindevertretung leitenden Kreise sich derselben bedienten, um mittels der Fanatisirung des niedern Volks ihre politischen Zwecke zu erreichen! Daß bei einigen corstotischen Großhändlern, wie den jetzt wegen Anstiftung zum Mord verhafteten reichen Oelhändlern Gebrüder Damiri-Avrami, auch das Moment des Konkurrenzneides mitgespielt hat, soll nicht bestritten werden. Gleichwohl könnte dieser Gesichtspunkt nur bei sehr wenigen Elementen der griechischen Bevölkerung zur Geltung kommen, da es einestheils nur eine verschwindend kleine Anzahl jüdischer Firmen von Belang giebt. andererseits aber der griechische Kaufmann dem jüdischen Kaufmann im Allgemeinen weit überlegen ist. Das wahre und mächtigste Motiv war also allein das politische. Und hier spielten sich denn die Dinge in folgender Weise ab. Am 7. Juli finden in ganz Griechenland die Kommunalwahlen statt, die natürlich über das Schicksal der betreffenden Bürgermeister, sowie der Stadträthe entscheiden werden. Nun hatte der Trikupistische Bürgermeister von Corfu, Theodoki — der seiner Zeit mit Hilfe der Juden gewählt worden, aber den Juden in keiner Weise Dank gewußt ' hatte die begründete Furcht, die für Delyannis gewonnene jüdische Wählerschaft werde in corpore für den Kandidaten der Delyannistifchen Partei, Professor Zavizano (Vorsitzenden der corstotischen Freimaurerlogen)^ stimmen, eine Taktik, die selbstverständlicher Weise den Bann der in Corfu bisher herrschenden kommunalen Günstlingswirthschaft brechen und die sogenannte „Partei der anständigen Leute" („partito degli onesti“ nennt man in Corfu die Partei Delyannis) ans Ruder bringen müßte. Um nun auf alle Fälle die Juden unschädlich zu machen, wie um andererseits die verhaßte Athener Central-Regierung im Auslände zu kompromittiren, verfiel die Bürgermeister-Partei auf den infamen Gedanken, die jüdische Wählerschaft auf irgend eine Weise einzuschüchtern und sie so an der Ausübung ihres verfassungsmäßigen Wahlrechts zu verhindern. Dem teuflischen Plan kam die Ermorduyg des Judenmädchens Rubina Sarda in überraschender Weise zu Statten. Kaum hatte sich die Nachricht von der Mordthat in der Stadt verbreitet, so war auch sofort die bürgermeisterliche Camorra — wie nach vorheriger geheimer Ordre — bei der Hand, mit Bestimmtheit das Losungswort des Ritualmordes unter die Massen zu werfen und die Bevölkerung durch diese infame Lüge aufs Aeußerste^ zu fanatifiren. Dies gelang leider um so mehr, als die vom Bürgermeister abhängige Polizei die Menge aufhetzte, statt sie zu beruhigen (zwei Polizisten wurden hierfür zu Kerkerstrafen verurtheilt); als ferner weder der Präfekt Vlachos, noch die Staatsanwaltschaft die nöthige Energie bethätigten; und als endlich die in Corfu garnisonirenden Soldaten Corfioten waren und sich durchaus renitent bewiesen. Von der ihr feindlich gesinnten Bürgermeisterpartei, wie andererseits von dem Präfekten und dem Staatsanwalt im Stich gelassen, war folglich die Athenische Centralregierung außer Stande, einen genauen Einblick in die Dinge zu gewinnen. Als die Aufmerksamkeit der Regierung aber, besonders dank der europäischen Presse, auf die Zustände von Corfu fast gewaltsam hingelenkt wurde, that Herr Delyannis auch sofort die nöthigen Schritte zur Wiederherstellung der Ordnung. Der energielose Präfekt Vlachos wurde — obschon er Delyannist ist — seiner Stellung enthoben und durch den schneidigen Präfekten von Akarnanien, Herrn Buklachos ersetzt, während gleichzeitig einer der besten Offiziere Griechenlands,. Oberst Notarias, mit Verstärkungen nach Corfu abging. Was die so überaus autonomen O