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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-06-12 · Heft 24 (12.6.1891) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 24 (12.6.1891)
Date
1891-06-12
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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bestellt ist. geht schon daraus hervor, datz unsere kleine Kolonie, von jeher auf sich selbst angewiesen, nur sehr wenige Mitglieder unter sich zählt, die den Kampf um das tägliche Brod nicht zu führen haben. Soweit jedoch irgend welche Möglichkeit vorhanden war, ist den Unglücklichen, selbst unter Hintansetzung der eigenen Interessen beigestanden worden, allein unsere Kasse ist jetzt so sehr geschwächt worden, datz bis lange hinaus jede Hoffnung auf Besserung geschwunden ist. Und wie oft hatten wir nicht durch diese Verhältnisse bitter zu leiden und leiden zu lasten! Folgender Fall ist blos ein blasser Schimmer hiervon: Da kommen vier aus Rußland ausgewiesene Familien, bestehend aus 18 Seelen, deren Hab und Gut Jeder in einem Bündlein trug, und lagerten sich vor der Thür unseres Bethauses. Die nöthigen Reisespesen waren nicht zur Hand, um diese Familien mit dem nächsten Dampfer nach Jaffa zu befördern, und so mußte ihnen mittlerweile Unterkunft verschafft werden. Nach sechs Wochen und der größten Anstrengung erst konnten wir diesen Armen die Weiterreise ermöglichen, aber da hatten wir schon ebenso viel für Kost und Quartier zu zahlen, als die Reisespesen ausmachten. Da aber jetzt unsere letzten Mittel erschöpft sind, warnen wir alle diejenigen AsHMviesenen oder Auswanderer, deren Blick nach Zion gerichtet ist, sich nickt eher auf den Weg zu machen, bis sie die erforderlichen Reisespesen haben werden, denn in Constantinopel kann ihnen bei dem Stand der Dinge absolut keine Hilfe zu Theil werden. Wir bitten schließlich alle jüdischen Zeitungen, zur Verbreitung dieser Warnung beizutragen; es werden hierdurch so Manchem bittere Enttäuschungen erspart bleiben. Constantinopel, 4. Juni. Für den Vorstand des „Israelitischen Bruder-Vereins" Der Schriftführer JacquesNachtigal. Der PräsidentM. Packer. * Charlottenbrrrg, 7. Juni. Auf dem hiesigen Bahnhof ist ein Sanitätsdienst unter Leitung des Komiteemitgliedes Herrn Dr. Böhm eingerichtet, der sich den russischen Auswanderern widmet. Bei Ankunft der Züge find Vor- und Nachmittags je zwei Aerzte zur Stelle, welche in einem eigens zu diesem Zweck hergerichteten Zelt die in Folge von Entbehrung und Anstrengung krank gewordenen Flüchtlinge untersuchen und je nach Bedürfniß mit Arzneien versehen, verbinden oder einem Krankenhaus überweisen. Außerdem aber erstreckt sich die Thätigkeit der Aerzte auf hygienische Maßnahmen für die weitere Fahrt. + Danzig, 1. Juni. Der Verband der Rabbiner Ost-Westpreußens und Pvmmerns wird Sonntag den 14. (4 Uhr Nachmittags) und Montag den 15. d. M. im großen Saale des Bildungsvereins Hierselbst seine Versammlungen abhallen. Wichtige Gegenstände sind auf die Tagesordnung gesetzt, und eine sehr rege Betheiligung ist in Aussicht gestellt. Auch Rabbiner aus anderen Provinzen sind willkommen. Zu gleicher Zeit tagt hier die Generalversammlung der Pensionskasse für israelitische Kultusbeamte der Provinzen Ost-Westpreußen und Pommern. Die Rabbinerversammlung ist von dem Ausschuß des Provinzialverbandes (Werner-Danzig, Vogelstein-Stettin, Bamberger-Königsberg) einberufen. Vorsitzender der Pensionskasse ist Herr Recktsanwalt Dr. Meyer-Danzig. 8. AntorrierrhÄtte O.-S., im Juni. Die hiesige Gemeinde, die verhältnißmäßig noch sehr jung ist, — ihre ersten Anfänge reichen in die vierziger Jahre — hat endlich nach langen, mühsamen Verhandlungen mit ihrer Hauptgemeinde Königshütte und der zuständigen Regierung am Lag b’omer die feierliche Grundsteinlegung zu einem neuen Gotteshause vollzogen. In Gegenwart des Rabbi Herrn Dr. Golds chmidt - Königshütte, des Amts-Vorstehers unseres Ortes und fast aller Glieder unserer Gemeinde fand der feierliche Akt statt, der eingeleitet und geschlossen wurde von schönen, erhebenden, dem Akte entsprechenden Gesängen. Die inhaltlich wie formell gleich gelungene Weihrede des Herrn Dr. Goldschmidt bildete den eigentlichen Mittelpunkt der Feier. Mit einem innigen Gebete für Kaiser und Reich, Ort und Gemeinde schloß der Redner. Nachdem die Urkunden durch den Vorsteher Herrn Cohn und den ersten Lehrer Herrn Salomon verlesen und die üblichen Hammerschläge von schönen Sinnsprüchen begleitet verklungen waren, versammelten sich die Teilnehmer dieser schönen Feier zu einem gemüthlichen Frühstück, bei welchem eine Versteigerung des bei der Feier gebrauchten Hammers stattfand, die die Summe von 213 Mark ergab. — Hoffen wir, daß der schöne Bau, der eine Zierde unseres Ortes zu werden verspricht, zu den hohen Festtagen fertig gestellt wird. Oesterreich - Ungarn. w. Wien, 2. Juni. Gestern hat sich der Verein zur Bekämpfung des Antisemitismus konstituirt. Ich weiß nicht, was der Verein leisten wird, aber so viel ist gewiß, daß mit der Gründung desselben ein moralischer Erfolg erzielt wurde. Die antisemitischen Blätter sind über diesen Verein sehr ungehalten, was jedenfalls von der Güte desselben zeigt. — Wie ich höre, sind die Vorarbeiten zur Errichtung eines jüdisch-theologischen Seminars weit vorgeschritten, d. h. es werden die nöthigen Geldmittel bald beisammen sein. Allerdings wird dann noch die weit schwierigere Frage gelöst werden müssen, die richtigen und berufenen Personen zu wählen, welche diese Anstalt leiten sollen. Hoffentlich werden sie sich finden. — Es dürfte die Leser dieses Blattes interessiren, wenn ich miltheile, daß in der nächsten Woche ein Israelit, Herr Lauterstein sub auspiciis Imperatoris zum Doctor juris promovirt werden wird. — Zum Schluffe bitte ich mir noch eine Bemerkung zu gestatten. Herr T., der Verfasser der Wiener Briefe, sprach sich einst gegen die Gothik beim Baue von Synagogen aus. Ich verstehe sehr wenig von der „gefrornen Musik" und gestatte mir auch kein Urtheil über derartige Fragen. Ich weiß jedoch, daß die alt-neu Synagoge in Prag im gothischen Stile ist. Ich weiß daher nicht, was man gegen denselben vom jüdischen Standpunkte aus einwenden könnte. — Der ehemalige Redakteur der. „Wiener Kirchenzeitnng", Dr. Sebastian Brunner, hat sich ins Greisenasyl begeben, um dort seine Tage* zu beschließen. Er hat seinerzeit viel gegen die Juden gesündigt; er war es auch, der bis in die letzte Zeit gegen die edelsten Größen der deutschen Nation, gegen Goethe, Schiller, Humboldt, Lessing rc. aufgetreten ist (wir erinnern nur an die vor kurzer Zeit erschienenen „Hau- und Bausteine"); die Exaltados haben ihm zugejubelt, aber die richtig Denkenden sind ihm aus dem Wege gegangen. Am härtesten wurde er durch den Prozeß geschädigt, den er gegen Kuranda anstrengte. Dieser wurde nicht nur freigesprochen, sondern Brunner erschien vielmehr als Angeklagter. Zu seinem Lobe will ich jedoch sagen, daß er im Verhältniß zu unseren jetzigen Antisemiten gewissermaßen anständig war. Italien. * Rom, 3. Juni. In Beantwortung einer Anfrage des Abgeordneten Pais über die Judenverfolgungen auf Corfu erklärte der Ministerpräsident Rudini, die italienische Regierung sei in den religiösen Fragen stets vom Geiste der höchsten Toleranz beseelt gewesen und werde es auch künftig bleiben. Sie werde ihren Einfluß immer im Interesse des Friedens geltend machen. Frankreich. ® Paris, 1. Juni. Die hiesigen, zum Glück spärlich gesäten, Antisemiten unterscheiden sich von ihren ausländischen.Hetzgenossen nicht ittn ein Haar. Der „Gaulois" hatte beim Omnibusstreik einen I. Cprnely Unterzeichneten Artikel gebracht, der die Worte enthielt: „Es ist aufgefalleu, daß einerseits die Kampagne gegen die Omnibusgesellschaft besonders von denjenigen Mitgliedern des „Conseil municipale“ geführt worden ist, die dem israelitischen Kultus angehören, und daß andererseits diese Gesellschaft in ihrer Verwaltung keine Juden zählt. Stehen wir hier nicht vor einer jüdischen Verschwörung? Witt man vielleicht die armen Christen des Rechts berauben, ihresgleichen zu fahren?" — Der Direktor der Archiven israelites, Herr Isidore Cahen, richtete hierauf an den „Gaulois" ein Schreiben, in welchem er dieses Blatt auf die Thatsache aufmerksam macht, daß unter den 80 Mitgliedern des Munizipalraths sich nur ein Jude, dagegen unter den 8 bis 10 Mitgliedern der Verwaltung der Omnibusgesellschaft sich ein, vielleicht sogar zwei Juden befinden. In antisemitischer Wahrheitsliebe hat der „Gaulois" diesen Brief einfach unterschlagen. — Auch nach anderer Richtung hin reihen unsere Antisemiten sich denen Deutschlands und Oesterreichs würdig an. Einer ihrer Führer, Herr Jacquinot d'Oisy, wurde wegen eines Sittlichkeits-Vergehens zu sechs Monaten Gefängniß verurtheilt. Großbritannien. * London, 7. Juni. Baron Rothschild hat dem Vorstand der vereinigten Synagogen gegenüber erklärt, man übertreibe die Gefahr, die angeblich aus der Einwanderung der Juden nach England erwachsen solle. Er ist der Ansicht, daß man den wohlhabenden jüdischen Arbeitern wegen des englischen überfüllten Arbeitsmarktes Wohnorte außerhalb Englands verschaffen und den mittellosen in England eventuell Arbeit

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