Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1891)
- Date
- 1891-06-12
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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städtischen Behörden in einem Monat nicht vollbracht hatten — oder vielmehr nicht hatten vollbringen wollen! — das brachte die Regierung, man muß ihr das Verdienst lassen, in wenigen Tagen zu Stande. Freilich war es auch die höchste Zeit dazu, denn die Situation war zu einer überaus kritischen geworden. Der mit Waffen aller Art versehene Pöbel hielt das Judenviertel thatsächlich blokirt, und die Panik war, sogar in der Griechenstadt, eine so allgemeine, daß die Christen selbst in den vom Ghetto weit entfernten Vierteln, ja sogar im Hasen wie in den Vorstädten ihre Häuser mit Kreuzen bemalten! Der Bürgermeister Theodoki aber — den Delyannis nur deshalb nicht abgeseht hat, um ihm angesichts der nahen Wahlen beim niederen Volke keine Reklame zu machen — der Bürgermeister rief den fanatisirten Massen die geflügelten Worte zu: „Ich werde nicht ruhen, bis alle Juden aus Corfu verjagt sind!" * Athen, 6. Juni. Die jüdische Gemeinde in Corfu wird die gerichtlichen Akten veröffentlichen und den Beweis liefern, daß Rubina Sarda einem Mord aus Rache oder einem Lustmord zum Opfer fiel. * Athen, 4. Juni. Die offiziöse „Proia" (d. h. „Morgenzeitung"), das spezielle Organ des Ministerpräsidenten Delyannis, publizirte in der Nummer vom 21. Mai griechischen Stils (2. Juni neuen Stils) ein Dementi, welches mit der Wiedergabe der Behauptungen der „Kreuz-Ztg." eingeleitel ist. Hierauf fährt die „Proia" in fettem Druck wörtlich folgendermaßen fort: „Die Kreuz-Zeitung begnügt sich nicht mit diesen Lügen, sondern behauptet auch, der Premierminister Delyannis habe die Untersuchung gegen die jüdischen Mörder eines Christenmädchens niedergeschlagen, und zwar gegen die Zusicherung der Auswanderung sämmtlicher eorfiotischen Juden bis Ende Juni. Wir kennen nun die Athenischen Korrespondenten der Kreuz-Zeitung zwar nicht, allein die obigen Nachrichten der Kreuz-Zeitung enthalten so schamlo ss Lügen, daß man unschwer ersieht, wer sich dahinter verbirgt. Daß es leider auch in Athen Individuen giebt, die sich mit derartigen Schwindelmanövern aufs Eifrigste befassen, darf Niemand wundern. Dies sind eben Geschwüre am Körper unseres Volkes, die man kauterisiren muß, und als wirksames Kauterisirungsmittel erscheint uns eben die Publizirung jener schamlosen Lügen, die sicher das ganze griechische Volk verurtheilen wird." Zur Erläuterung des Dementis der „Proia", welches diverse andere Blätter reproduzirten, mag hinzugefügt werden, daß in Athener Regierungskreisen die Ansicht vorherrscht, die Insinuationen der „Kreuz-Zeitung" seien von der griechischen Oppositionspartei lanzirt worden, um das Ministerium Delyannis zu konpromittiren. Amerika. * Chicago, 25. Mai. Die israelitische Hilssgesellschaft (Jewish Relief Society) in Chicago hat durch den Mund ihres Präsidenten Jsaac Greenefelder, des Rabbiners D. Hirsch und des Superintendenten Franz Kiß einen geharnischten Protest gegen den Massen-Jmport mittelloser russischer Israeliten nach Chicago, wo sie nachher nur der genannten Gesellschaft zur Last fallen, erlassen. Die Gesellschaft hat aus diesem Grunde auch die Annahme eines Theils der von dem Pariser Philanthropen Baron Hirsch zur Verfügung gestellten Millionen verweigert, mit dem Begründen, daß Chicago keineswegs der Platz zur Massen-Kolonisirung armer russischer Juden sei, und daß es schon jetzt deren mehr in der schönen Gartenstadt gebe, als die gesammte jüdische Wohlthätigkeit bemeistern könne. Die Lertzie könnten sich aus dem Grunde nicht akklimatisiren, weil sie überhaupt, wo sie in größerer Zahl zu finden seien, abgeschlossene Kultusgemeinden bilden und sich dagegen sträuben, sich mit anderen' Bevölkerungs-Elementen* zu amalgamiren. Superintendent Kiß schätzt die Zahl der armen russischen Juden, welche Chicago in den letzten Jahre zu unterhalten hatte, auf 12,000. — Die hiesigen Verwalter des Baron Hirsch Fonds haben beschlossen, bei Harrison, N. I., ein großes Terrain anzukaufen, auf welchem vorläufig 50, und wenn sich das Experiment bewährt, später mehr, bis zu 300, hübsche Wohnhäuser im sog. Cottage-Stil erbaut und an kürzlich eingewanderte russische und rumänische jüdische Familien gegen kleine Anzahlung und 5 pCt. Verzinsung des Restes der Kanfsumme verkauft werden sollen. Zu jedem der Häuser wird ein Stück Land gehören, groß genug, um auf demselben Gemüse für den Familienbedarf zu pflanzen. Der Zweck der Kolonie ist, die kürzlich hier eingetroffenen jüdischen Immigranten aus den Tenementhaus-Distrikten der Stadt herauszubringen. Von Nah und Fern. ----- Die Enthüllung des Grab-Denkmals für den verstorbenen Herrn Dr. Immanuel Ritter wird am Sonntag den 14. d. M. stattfinden. Die Herren Dr. Lev in und Dr. Maybaum werden Ansprachen halten. — Die Antrittspredigt des neugewählten Predigers der Reformgemeinde, Herrn Dr. Klemperer, wird am 21. Juni stallfinden. — Die Ungarwein-Firma Ern. Stein, Krvnprinzen-Ufer 19 Hierselbst, ist, wie wir zur Vermeidung von unliebsamen Verwechselungen zu konstatiren ersucht werden, nicht identisch mit dem Ungarweinhändler S. Stein, der sich am jüngsten Donnerstag vor dem hiesigen Schöffengericht 4ii. verantworten gehabt hat. — Das israelitische Gemeindearchiv {u Halberstadt ist von Herrn Rabbiner Dr. Stern aus Kiel geordnet worden. Es hat sich ein so reicher Bestand von Urkunden und Akten ergeben, daß das Archiv als das reichhaltigste unter denen der israelitischen Gemeinden Deutschlands zu betrachten ist. Die Benutzung der Archivalien soll demnächst allgemein zugänglich, gemacht werden. — Am 3. Juni ist in Pforzheim der Grundstein zu einer neuen Synagoge gelegt worden. Das Gebäude, welches zugleich die Religionsschule und die Wohnung für den Kantor enthalten soll, verspricht eine Zierde für die Stadt wie für die israelitische Gemeinde zu werden. — Auch in Lübeck treffen mit den Dampfern aus den russischen Ostseehäfen jetzt täglich große Schaaren jüdischer Auswanderer aus Rußland ein, um über Hamburg theils nach Brasilien, theils nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika auszuwandern. Es hat sich aus den Kreisen Lübecker Israeliten ein Komit ee gebildet, das für das Weiterkommen der Auswanderer mit Rath und That sorgt. — Zum Rabbiner der Gemeinde Buchsweiler (Elsaß) ist Herr Dr. Netter gewählt worden. — Der Schweizer Ständerath hat in Betreff des Schächtens einen wichtigen Beschluß gefaßt. Die Kantone Bern und Aargau wollten dasselbe verbieten. Die Kultusfreiheit anrufend, beschwerten sich die Israeliten bei der Bundesversammlung. Der Ständerath hat mit großer Mehrheit den Israeliten Recht gegeben. Ganz sicher ist, daß der Nationalrath dasselbe beschließen wird, womit in höchster Instanz entschieden sein wird, daß Niemand in der Schweiz den Israeliten das Schächten verbieten darf. — Ein Hörer der Budapester Landes-Rabbinerschule, Herr Emanuel Löwenrosen, hat mit seiner Arbeit, „Die phönizische Sprache und ihr Verhältniß zu den übrigen semitischen Dialekten" den ersten Preis für semitische Philologie an der königlich ungarischen Universität zu Budapest erhalten. — Wie dem „M. Hirlap" berichtet wird, hat der Nagy-Buttyiner Einwohner Ignaz Grünwald, der seit Langem mit dem dortigen Rabbiner Lazar Deutsch in Feindschaft lebte, auf diesen aus einem Revolver eine Kugel abgefeuert, welche die Handfläche des Rabbiners durchbohrte. Der Thäter wurde verhaftet. — Der Minister des Innern in Holland hat Frl. B. van Jtallie in Mastricht zur Lehrerin an der Staats-Elementarschule daselbst ernannt. — Die Wahl und Proklamation des Herrn Dr. Hermauü Adler zum Chief Rabbi von Großbritannien ist am 4. Juni programmmäßig erfolgt. — Die Königili von England hat den Herren Juli an Emanuel Salomons, Mitglied der gesetzgebenden Versammlung von Neu Süd-Wales, und Gustavus Nathan, englischen General-Konsul in Wien, die Ritterwürde verliehen.-- Die mit dem Dampfer „Dolmabagdsche" in Salonichi angekommenen 35 aus Corfu geflüchteten Judenfamilien sind nach Konstantinopel abgereist, um in Beirut angefiedelt zu werden. — Aus Baku wird gemeldet, daß sich in letzter Zeit ein starker Zustrom polnischer Juden nach Turkestan bemerkbar macht. — Von Antwerpen haben sich 50 Juden nach Boma im Kongostaat eingeschifft; es sind die ersten jüdischen Einwanderer des Kongostaates. — Bei der Moltkefeier, die am 6.Mai in New-Orleans stattfand, wurde unter den 20 deutschen Geistlichen der Stadt Herr Rabbiner Dr. Leucht mit der Festrede betraut. Zur Charakterisirung der dortigen Verhältnisse mag der Umstand erwähnt werden, daß genannter Rabbiner Präsident der Kommission ot Rensions antt ^sylums ist, zu welchem Amte er von dem Bruder des Kardinals Gibbons vorgeschlagen und von dem Bruder des Erzbischofs Elder in Cincinnati empfohlen wurde. Druck und Verlag von Rudolf MoNe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktton: Max. Bauch Witz in Berlin.