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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-06-12 · Heft 24 (12.6.1891) · p. Seite 287

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 24 (12.6.1891)
Date
1891-06-12
Page
Seite 287 (sequence 11)
Language
German
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287 pflegung und Einkleidung ermöglichen sollten. Lange Tische und Bänke in einem JHeil der Bögen geben Gelegenheit zum Ausrnhen. Fliegende Küchen, in den obern Trakten gelegen, machen es möglich, die Hungernden und Verschmachtenden zu stärken. Kaffee, Thee, Suppe wird da von eifrigen Händen bereitet, die sonst des Kochens nicht gewohnt, vom Herdfeuer noch nie geschwärzt worden sind. Damen aus allen Kreisen der Gesellschaft betrachten es als Pflicht, diesen armen Vertriebenen beizustehen. Freundlich und liebevoll geleitet man diese scheuen, verhetzten, in ihrer eigenen Heimath niemals eines mitleidvollen Wortes gewürdigten Menschen zu den Tischen, und mit gütigem Zuspruch sorgt man für ihre Stärkung und Erquickung hier — im fremden Lande! Und wie danlbar und ergriffen von dieser schlichten und selbstverständlichen Menschenliebe sind diese Aermsten aller Aermsten, diese Umhergejagten, welche die Worte: Menschen und Liebe wohl niemals in einem der reinsten Lehre würdigen Zusammenhang gehört haben! — Was bedeutet ihren Peinigern das erhabene Gebot der Nächstenliebe? Hier erst lernen sie diese in ihrem herrlichsten Inhalt kennen! Man begrüßt, man verpflegt, man tröstet sie. Hier und dort, in den zu weiten Kleidermagazinen sich wölbenden Verschlügen versorgt man sie auch mit Garderobe. — Hoch aufgethürmt sind Wäsche und Kleidungsstücke, Hüte, Trikotagen, Sachen für Erwachsene und Kinder, für Männer und Weiber. Zu Vorrathskammcrn sind wieder andere Theile dieser Bahnbögen eingerichtet, und dort wird aufgespeichert, was wackere Wohlthäter spenden, um diese Tausende von Ankommenden zu verpflegen. So sehr man auch darüber beruhigt sein konnte, daß Umsicht, Energie und bewunderungswerthe, opferfreudige Werkthätigkeit das Beste für die Bedrängten thun wird, empfand ich doch ein Gefühl des Bangens und Schreckens, als das Glockenzeichen verkündete, daß der Zug einsuhr! Ein Bahnbeamter hatte vorher in sehr höflicher und verständiger Weise die Herren des Komitees, welche zum Empfange der Ankommenden designirt waren, darum gebeten, nicht an die Koupeethüren heranzugehen, weil die Leute verschüchtert und geänstigt, sich auszusteigen weigern. Etwas abseits stehend. erwarteten wir daher die Entleerung der Waggons. Da waren sie! Erst zaghaft und vereinzelt, dann in größeren Schaaren drängten sie herbei — Alt und Jung, Greise und Kinder, Männer und Weiber! Welche Summe von Elend und Jammer, von Pein und Roth, von Qualen und Entbehrungen . . . und diesen Haufen höchsten Erdenleids bilden Menschen — Menschen wie wir! Ich sah in den Gesichtern aller Anwesenden nur tiefste Erschütterung, höchstes Mitgefühl — selbst die Beamten, an Auswandererzüge gewöhnt, blickten mitleidig in dieses trostlose Gewimmel grenzenloser Hilflosigkeit und Verzweiflung und unterwiesen schonungsvoll die völlig Unerfahrenen. Hier kommen sie angezogen mit ihren armseligen Bündeln, mit Bettstücken und Packen, dem letzten Rest ihrer Habe. Keuchend und ächzend schleppen sie diese Ueberreste ihres einstigen Besitzes heran. Schwächliche, abgezehrte Weiber, wankende Greise, zarte Kinder die leichtere Bürde, während die Männer die schwereren Gepäckstücke tragen— aber all das vereint liegt centnerschwer, bergehoch auf den Gemüthem derjenigen, die dieses Leid erschaut. Freundlich nimmt man die Ankommenden in Empfang, aber eine neue Schwierigkeit stellt sich heraus, sie können sich nur schwer verständlich machen — auch das wird überwunden, nicht ohne einige Mißverständnisse, welche in die grause Tragik dieses Schauspiels komische Streiflichter werfen — die Tragikomödie dieses Elends. Endlich ist Alles geborgen — der Jammer, den dieser eine endlose, lange Zug herbeiführte, bis der nächste kommt — und so fort bis — an welches Ende, das die Menschlichkeit, die Vernunft, die Religion herbeiführen?' — Wer weiß es? und wann wird es kommen?! Ich schritt die Reihe der Tische entlang, an welchen die zu Tode Ermüdeten und Erschöpften gespeist wurden — hier und da lag es wje ein Schimmer von Hoffnung, von neuem Muth über den vergrämten Zügen, jener Lebensfunke, der in dem Verschmachtenden erweckt wird, wenn er mit einem Trunk gelabt, in dem aus langer, dunkler Kerkerhaft Befreiten, wenn er die Sonne wiedersieht.... Sollte es auch hier einmal tagen? Vertrauensvoll blickte ich auf jene Gestalten, wo Jugend und Manneskraft sich noch fand, weil diese unter der Bürde des Jammers nicht zu tobten sind, mit Rührung sah ich auf die zarten Kinder, die ahnungslos — neugierig um sich blickten — man war mit ihnen gut und liebevoll umgegangen, das war ihnen dort, von wo sie kamen, nie begegnet! — Ich kenne das Land, woher sie kommen, genau — ich habe zu verschiedenen Zeiten monatelang in den Jndustriebezirken Russisch-Polens gelebt, ich habe die Juden in ihren Ghettos gesehen und auf denr offenen Lande — ich habe das Wort „2yd" — Jud — in seiner traurigen Bedeutung für diejenigen, die damit bezeichnet werden, kennen gelernt. Das heißt demüthig sein, sich bücken, kriechen, stets eines Fußtritts gewärtig, kein Recht begehren, nicht murren, nicht klagen — schweigend dulden —. Dies das Loos der Großen! Und kleine Kinder, di«, auf der Erde hockend in der Sonne spielten, sah ich mißhandeln ohne jeden Grund. Jeder Vorübergehende konnte ihnen einen Tritt, einen Stoß versetzen, aufs Geradewohl, zum Zeitvertreib, ohne daß die Eltern Einspruch zu erheben wagen. Dies das Loos der Kleinen! Kann es ihnen noch schlimmer ergehen? Oder ist das Maß ihrer Leiden erschöpft und darf man für sie auf eine beffere Zukunft hoffen, wenn sie auf neuer Erde sich bethätigen, die Kinder in Freiheit sich entwickeln werden? Alle diese Auswanderer sind nämlich Arbeiter, Handwerker, niemals sah ich Menschen schwerer arbeiten, mühseliger ihr Stückchen Brod erwerben, als die Juden Rußlands. Als Steineklopfer, Lastträger, Fuhrknechte, jede harte, schwere Arbeit verrichtet dort der arme „2yd". Den Handel betreiben nur die gut Situirten und die Reichen! Und die Alten und Gebrechlichen, die unter den Vertriebenen sind? Auf diese Frage weiß das betrübte Herz keine Antwort oder nur eine sehr grausame, und die ertheilt die Natur: Werden und Vergehen! „Ich und meine Frau und mein Kind," sagte mir ein sehr intelligenter Mann, der von Sonnabend zum Sonntag ausgewiesen wurde, weil er hebräische Lettern im Schaufenster seines Buchbinderladens ausliegen hatte, „werden schon durchkommen, ich bin Buchbinder und werde schon Arbeit finden, auf 3Monat haben wir zu leben" (er hatte aus dem Erlös seines Geschäfts und ganzen Hab und Guts 90 Rubel und das Geld zur Reise und Ueberfahrt herausgeschlagen), „aber mein Vater, mein alter Vater," dabei weinte er laut auf, „der überkommt's nicht!" Der überkommt's nicht, der und mancher Andere — sie werden vergehen! Die anderen, die jungen Kräfte dieses unglücklichen Volkes weisen uns aber wieder auf jene leidvolltröstliche und sich stetig wiederholende Beobachtung hin: Die Juden müffen doch wohl eine Kulturmission haben, denn weshalb würden sie sonst wieder und immer wieder versprengt in weite, der Civilisation noch nicht erschloffene Lande? Den Trägern so schwerer Bürde, den armen Vertriebenen, die auf neuer, ferner Erde ein neues Lebenswerk beginnen sollen — ob sich, ob Anderen zum Heile, wer vermöchte das zu sagen — möchte ich auf ihren Weg als Segenswrmsch Freiligraths herrliche Worte mitgeben: „Zieht hin in Frieden, Gott schütz euch, Mann und Weib und — Greis! Sei Freude eurer Brust beschieden Und euren Feldern Reis und Mais!" Ufr. 9

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