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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-06-12 · Heft 24 (12.6.1891) · p. Seite 286

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 24 (12.6.1891)
Date
1891-06-12
Page
Seite 286 (sequence 10)
Language
German
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O, und während er die leisen Worte zu einem Ganzen webte, fühlte er einen tiefen, namenlosen Haß gegen den Mann in sich erwachen, der nach seiner Auffassung die Schuld an dem Elend trug, welches ihm und den Seinen vielleicht schon binnen weniger Minuten drohte. Eonrad Hochbaum, mit seiner Schönheit und dem gleißnerischen Wesen, welches so leicht ein unschuldsvolles Mädchenherz zu bethören vermag, hatte die holde Menschenblüthe zerstört; er, nur er war im Stande gewesen, den reinen gläubigen Sinn des jungen Mädchens zu verwirren, es den frommen Sitten untreu zu machen. „Wie glücklich hätte Rosa werden können, wenn nicht jener Mann keck in ihr Leben hineingegriffen, wenn er nicht frivol und leichtfertig, wie sie Alle sind," grollte er, „sein übermüthiges Spiel mit dem Glück eines Mädchens getrieben, ohne die Verhältniffe, die ihm nicht fremd waren, in Betracht zu ziehen." Ja, aber trugen nicht eben jene Verhältniffe mit die Schuld an den» Unglück Rosa's? Vielleicht hätte sich das schöne Mädchen nicht so ganz dem bezaubernden Einfluffe des christlichen Mannes unterworfen gefühlt; wenn sie sich ungehindert seines Umgangs häkle erfreuen können; wenn jene Schranke, welche die Inden von den Christen trennt, nicht als unübersteigbar hingestellt worden wäre, — wenn ein gemeinschaftlicher, freundschaftlicher Verkehr, der jede Geheimnißkrämerei ausschließt, ermöglicht würde, und auch der fromme Jude in dem Christen nicht mehr den „Fremden", der Christ nicht mehr im Juden den geborenen Feind sehen wollte? Von Ferne schimmerten die Lichter aus der Synagoge in die' nur leicht verhüllten Fenster des Krankenzimmers. Dort beteten all' diejenigen, die sich zur Gemeinde Israel bekannten, zu Gott um Versöhnung. Sie wollten sühnen, was sie gesündigt, indem sie denen verziehen, welche ihnen Böses gethan; jede schlimme That und jeder frevelhafte Gedanke mußte in den Stunden der Reue und Buße niedergelegt werden vor Gottes Thron, damit er sie vergeben und aus dem Schuldbuche streichen konnte; auch Josefs Eltern standen jetzt wohl in tiefes Gebet versenkt und baten Gott um Versöhnung. (Fortsetzung folgt.) U Me Auswanderer. Mit dem ganzen Zauber seiner dichterische»: Persönlichkeit, mit der ganzen Fülle seiner poetischen Kraft und der Gemüthsticfe seiner Liederklänge umgiebt Ferdinand Freiligrath das Bild der Auswanderer, die den heimathlichen Boden verlassen, um auf fremder Erde Heil und Glück zu suchen: „Ich kann den Blick nicht von euch wenden, Ich muß euch anschaun immerdar," ihr, die ihr in eurer starken Kraft, eurer Jugend, Gesundheit und Schönheit bewußt hinauszieht, in die Welt — freiwillig im Besitze eurer Habe, zur Wegzehrung Brod mit euch führend, das aus deutschem Korn gebacken, und Wein, der aus deutschen Reben gekeltert! Ein Bild des Friedens in aller Unruhe des Aufbruchs, ein Bild der Hoffnung und Zufriedenheit in allem Abschiedsweh.... begleitet von einem Wunsch, die Liebe zum Vaterlande mit hinauszunehmen in weite unbekannte Fernen: „Wie wird das Bild der alten Tage Durch eure Träume glänzend wehn, Gleich einer stillen, frommen Sage Wird es euch vor der Seele stehn" — Ich mußte immer wieder an diese Verse denken, als ich in diesen letzten Tagen „die Auswanderer" sah, welche Berlin-Charlottenburg jetzt täglich zu Hunderten und Tausenden beherbergt, ehe sie von hier aus ungewiflen Schicksalen entgegen in die Weite ziehen. Da war nichts von Hoffnung und Frieden in diesen abgehärinten Gesichtern, nichts von treuer Erinnerung und dankbarem Heimathsgefühl in den schmerzerfüllten Seelen, da war kein Segenssprnch auf den bebenden Lippen und kein Wehinuthsstrahl in den thränenmüden Blicken, die der verlassenen Muttererde galten, dein Abschiede vom Vaterlande! Und wahrlich, diese Vertriebenen müßten keine Menschen sein, wenn sie nicht Haß und Fluch im Herzen schieden aus einem Lande, das so Unerhörtes ihnen gethan, wie ihr Vaterland! Zum Hohn und Spott muß ihnen dieser uns Allen heilige Begriff werden! Arine Vaterlandslose! Es bedürfte einer Dichterkraft, wie der Freiligraths, dieses begeisterten Vaterlandssängers, um dem Leid und Ja»nmer, dem Elend und der Noth dieser Unglücklichen Worte zu leihen, der Empörung über diese himinelschreiende Barbarei Ausdruck zu geben. Nur ein echter Patriot begreift, was es heißt, „Vaterlandslose" zu schaffen, und diejenigen, welche in demuthsvollem Vertrauen auf den Schutz des Vaterlandes hofften, fortzuhetzen von Haus r»nd Herd, von dem Boden, den sie hoch hielten! Die Schilderung dieser „Auswanderer" gäbe ein Gedicht von jenein großartigen, sozialen und politischen Gehalt, wie er aus Ferdinand Freiligraths Dichtungen zu uns spricht, von jener gewaltigen Tragik, der nur ein großer Poet dichterische Ausgestaltung zu geben vermag! Aber auch für uns Andere, die wir »nit sehenden Augen, mit fühlendem Herzen vor de»» Gruppen dieser Auswanderer standen, wird das Wort zu banger Frage, zu herber Anklage, zu sittlicher Empörung, aber auch — zu dankbarer Bewunderung. — Ist dies nur möglich, wirklich wahr, denkbar, in unserer Zeit, am Ende des neunzehnten Jahrhunderts, dem Jahrhundert der Aufklärung und Humanität? Was haben diese unsäglich Elenden verbrochen? Weshalb vertreibt man sie, hetzt sie umher, wie die Thiere des Waldes? Um ihres Glaubens willen? Wehe Denen, die solches verschuldet! Wie Schlnach und Schande wird es ihnen anhaften bis in die fernsten Zeiten! Jede Empfindung des Menschlichen, jedes Gefühl der Gerechtigkeit bäuint sich auf vor der Grausamkeit und Brutalität, mit der arme, hilflose Geschöpfe dem kläglichsten Elend, der unverschuldeten Noth preisgegeben werden. — Aber dankbar sei auch Derer gedacht, die hier auf deutscher Erde den Unglücklichen Trost und Hilfe spenden, sie ermuthigen und aufrichten! Mensch zu Mensch in erhabnem Liebeswerk! Und was man in diesen traurigen Tagen der Glaubenshetzereien besonders hervorzuheben hat, ohne Unterschied der Konfession sind Christen und Juden in edler Hilfsbereitschaft vereinigt.') Es war vor einigest Tagen, als ich den Bahnsteg des Charlottenburger Bahnhofs wenige Minuten vor 6 Uhr betrat. In den zu Warteräumen und Aufbewahrungsspeichern verwandelten Stadtbahnbögen hatte ich vorher schon die Einrichtungen in Augenschein genommen, welche den Ankonimenden Obdach gewähren, ihre Ver- ') Ich führe nur ein Beispiel unter Hunderten an: Die Gattin eines Rittmeisters, Frau v. Sp., die täglich bei Ankunft der Zuge mit 60 Liter warmer Milch und 100 Schrippen (Berliner Weißbrod) da ist und die Bertheilung der Erfrischung selbst besorgt. Ebenso die Gattin des Generalkonsuls einer uns befreundete» Großmacht, die Tochter eines ehemaligen Ministers, welche sich nicht scheut, in persönlicher Hilfe sich der armen, durch Noth und Mangel Verwahrlosten anzunehmen.

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