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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-06-12 · Heft 24 (12.6.1891) · p. Seite 285

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 24 (12.6.1891)
Date
1891-06-12
Page
Seite 285 (sequence 9)
Language
German
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285 schwer auf die Schulter des Schadchens, indem er seufzend meinte: „Gott hat es nicht gewollt, daß ich Rahel vor Lea weggebe. Meine Jüngste liegt todtkrank danieder, und ich muß zu dem Gott unserer Väter beten, daß er seine Hand nicht allzu schwer auf mein Haus legen möge." Die Fittiche des Todes lagen über dem^schönen jungfräulichen Haupte Rosas. Mit namenlosem Schmerz lauschten Mutter und Schwester den Phantasien der Kranken, die ihr ganzes Weh in halben, bald bittenden, bald anklagenden Worten verrieth. Leise, zärtlich rief sie den Namen: Conrad; gleich darauf rang sie die weißen Hände, indem sie sich der Sünde, des Abfalls von Gott anklagte, und wie ein Schrei klang das Verlangen nach dem entfernten Bruder durch die verworrenen Reden. Das Rosch-Haschonofest ging in der Herzfeldschen Familie in banger Sorge vorüber. Mutter und Schwester fanden keine Zeit für die üblichen Gebete; das schwerkranke Mädchen erforderte ihre ganze Sorgfalt, — die zärtlichste Pflege. Der behandelnde Arzt machte ein sehr bedenkliches Gesicht, da das Fieber mehr und mehr stieg. Mit einem halb verzweifelten, halb erzürnten Herzen stand der Vater neben dem Krankenlager der lieblichen Tochter, deren heißer Mund ihm die für ihn so bittere Wahrheit enthüllte, an die er nicht hatte glauben wollen, obwohl jener Brief und das Bild Konrads ihm das Geheimniß ihres Herzens, — die glühende Liebe für den christlichen Mann verlachen hatte. Er hatte in der Heirath mit David Frank das beste Heilmittel gegen eine ihm unbegreifliche Herzensverirrung gesehen. Die jüdische Frau, welche im festen Glauben auferzogen ist, hält dem Gatten die Treue, auch wenn er nicht dem geträumten Ideal entspricht. — An der Seite eines braven und hübschen Mannes mußte sein Kind die sündhafte, thörichte Neigung für den Fremden überwinden. Ach, und jetzt lag sie da, ein Bild des Jammers; das süße, holde Antlitz von einem geisterhaften Lächeln verklärt; die kleinen weißen, sonst so fleißigen Hände wachsbleich, schlaff über die Decke herabhängend, welche Doris sorgsam über die gar zu zart gewordene Gestalt gebreitet hatte. „Conrad — Josef," wieder klangen die beiden Narren in herzzerreißendem Weh aus dem zuckenden Munde. Der alte Herzfeld schaute schmerzerfüllt auf die Leidensgestalt, welche ihm tiefes Mitleid einflößte, ohne ihr ganz das Leid vergeben zu können, welches sie über ihn und sein Haus gebracht. Kurz entschlossen trat er in das verödete Wohnzinimer ein, wo auf einem unbedeckten Tisch sein Schreibzeug stand. Wenige Minuten zögerte er noch , dann aber griff er eilig nach Feder und Papier, um ein Telegramm an seinen Sohn aufzusetzen: „Komme so schnell als möglich. Rosa bedarf Deiner ärztlichen Hilfe. Herzfeld." VII. 1 Das heiligste Fest der Juden, Jom-Kippur, war gekommen; der Tag der Versöhnung mit Gott und den Menschen. Die Juden und Jüdinnen rüsteten sich und ihr Haus für die ernste Feier des hohen Tages. Es war ein dunkler, kalter Oktobertag, an welchem der Abend früher als gewöhnlich hereinbrach. Am Morgen desselben war Josef Herzfeld bei den Seinen angelangt; er war so schnell als möglich gereist und seit seiner Ankunft noch nicht von der Seite der geliebten Schwester, welche ihn nicht erkannt hatte, als er sich über sie gebeugt, gewichen. Durfte auch eine lange Nacht und einen ganzen Tag weder Speise noch Trank über die Lippen kommen, so hatte doch Frau Herzfeld dieses Mal den Tisch nicht so reichlich versorgt, wie sie es sonst für ihre Pflicht, zur Vorfeier des Versöhnungsfestes, gehalten hatte. Die Sorge um Rosa ließ kein.festliches Gepränge zu. Die gute Frau blickte ängstlich auf ihren Gatten, als er mit dem Gebetbuch unter dem Arm, an das Krankenlager trat. Ehe er sich in die Synagoge begab, wollte er aus Josefs Munde hören, wie es um Rosa stand. Wozu war sein Sohn Arzt geworden, wenn er nicht einmal die eigne, geliebte Schwester retten konnte? Warum blickte Josef gar so ernst und traurig vor sich hin. da er doch ein Jünger der Wissenschaft geworden und sein ganzes Leben in den Dienst der leidenden Menschheit gestellt hatte? Josef hatte sich bei dem Eintritt des Vaters erhoben, um ihm einige Schritte entgegen zu gehen. „Wir feiern heute Jom-Kippur, willst Du mich nicht in die Synagoge begleiten?" fragte der alte Herzfeld hastig. Josef schüttelte etwas ungeduldig den Kopf. „Nein," entgegnete er finster, „die Kranke bedarf meiner; ich muß Sorge für sie tragen — beten für sie kannst Du. Uebrigens," fuhr er freundlicher fort, „bitte, rege Dich nicht allzu sehr auf, Vater. Jom-Kippur ist ein Tag, der alle alten Wunden aufreißt, aber auch wieder heilen soll. Bleibe nicht die ganze Nacht im Tempel, Du hältst es nicht aus." Achselzuckend, als verlange Josef etwas Unmögliches, verließ der alte Mann das Zimmer, nachdem er leise gefragt: „Wirst Du sie retten können? Gott, Barmherziger, wirst Du sie retten wollen?" Josef gab den Eltern eine kurze Strecke das Geleit, als sie gemeinschaftlich in die Synagoge gingen; dann aber kehrte er zurück, um mit Doris zusammen die Nachtwache anzutreten. Es waren tief ernste und schmerzliche Gedanken, welche die Seele des jungen Arztes durchzuckten. Die Frage des Vaters war ihm durch die Seele gegangen. „Wirst Du sie retten können?" klang es in ihm nach, und trostlos mußte er es verneinen. Hier konnte die Kunst des Arztes nichts mehr helfen; hier hatte die Wissenschaft ihr Ende erreicht. Rosa war nur durch ein Wunder zu retten, und die Zeiten der Wunder sind vorbei. Josef hatte es noch nie so schmerzlich empfunden, wie wenig die menschliche Kraft gegen die Kraft des Schicksals vermag, als in diesem Augenblick, wo er die heiße abgemagerte Hand Rosa's in der seinen hielt, um den Pulsschlag zu zählen und mit tödtlicher Angst in den so lieblichen Zügen seiner Schwester die Veränderung wahrzunehmen, welche nur er als Arzt erkennen konnte, während Doris, den Cidder in der Hand, die Gebete murmelte, welche am Vorabend des Jom- Kippur geboten sind; dabei ließ sie von Zeit zu Zeit ihre flehenden Blicke zu ihrem Bruder hinüberschweifen, als sei er der Vollstrecker des göttlichen Willens. Josef hatte in den Wogen des Lebens das eigentliche, wahre Beten verlernt; hier, während der einsamen Nachtstunden, lernte er es von Neuem. Die fromme Bitte des gelehrten jungen Mannes, der nur zu deutlich, trotz seines Wissens seine Ohnmacht fühlte, drang innig zu Gott empor, und die Thränen, welche über die bärtigen Wangen flössen, sprachen deutlicher von seinem Weh, als es tausend. Worte vermögen. Ueber das Bett gebeugt, lauschte er den schweren Athemzügen der geliebten Schwester, deren Glück zu begründen er sich gelobt. Die schönen, einst so strahlenden Augen lagen tief in ihren Höhlen; der Mund, welcher ihm gegenüber so anmuthig zu plaudern, so heiter zu lachen vermocht, war halb geöffnet, und mit einen: Schauder, wie er ihn bisher nie empfunden, lauschte er den abgerissenen Worten, welche über die fieberheißen Lippen drangen.

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