Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1891)
- Date
- 1891-06-12
- Page
- Seite 284 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3227877-3227902--48007-3270503- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
wundung zu erwähnen, indem er sie als verdient bezeichnet. Auf diese Weise erhält die Darstellung größere Bewegtheit. Jes. 5 ist mit vollendeter Kunst die Sache zunächst in das Bild eingehüllt. Sie wickelt sich dann immer mehr heraus. Zuletzt steht sie überraschend allein. In Zusammenhang hiermit nennt der Prophet zuerst Strafen, die auch ein Mensch anwenden könnte. (B. 5, 6 a.) Zuletzt nennt er ein Strafmittel, das jeden Zweifel darüber, wer hier der zugleich strafende Sprecher sei, abschneidet'). Anders Ezechiel. Bei ihm drängt sich die Darlegung des nackten Gedankens zuweilen sehr vorwitzig ein in die bildliche Entwicklung. Vergl. in dieser Beziehung besonders Kap. 16. — Ein Stocken der parabolischen Entwicklung eben als parabolischer Entwicklung bezeichnet es, wenn Ez. 13, 10—16 die Entgeltung in zwei Absätzen durchgeführt wird. Der erste stellt die schädliche Allgemeinwirkung der Schuld dar. (V. 11. 12.) Der zweite setzt nach genauerer Schilderung jener Allgemeinwirkung auseinander, wie aus dieser die Bestrafung der Schuldigen hervorgeht. (V. 13 folg.) Der Parabel Ez. 16 ist bezüglich ihrer Entwicklung der Vorwurf zu machen, daß sich in die Schuld ein Satz (V. 27) eindrängt, der bereits Entgeltungscharakter trägt. 2. Zergliederung. 2. Sam. 12, 3: Der Reiche erlaubt sich einen Eingriff in fremdes Eigenthum unter äußerst erschwerenden Umständen. Denn der Arme besaß nur. das eine Lämmlein — Schafe und Rinder in Fülle hatte der Reiche. Das Siegel wird der Unthat dadurch aufgedrückt, daß der Reiche dem Herzen des Armen in himmelschreiender Weise wehthut. Wird nicht auch im Urtheilsspruch das Letztere für sich hervorgehoben? (V. 6.) Die Bedeutsamkeit dieser Seite des Vergehens müssen wir aus den einfachen Derhältniffen begreifen. Konnte doch vermöge dieser die Empfindung eines Menschen für ein Thier, das er besaß, zu hoher Innigkeit gesteigert sein! Vergl. Hos. 11, 4. Beziehentlich der in aufsteigender Linie zergliedernden Bewegung und Hervorhebung im Einzelnen achte auf die dreigetheilten Klimaces: a) a) ein kleines Lämmchen; ß) das er gekauft hatte; y) er nährte es auf; d) ä) es wuchs heran bei ihm mit seinen Kindern zusammen; ß) von seinem Brode aß es, aus seinem Becher trank es, in seinem Schooße schlief es; y) es ward ihm wie eine Tochter. Der empörte König (V. 5—6) hebt a) erst allgemein hervor, daß eine That, wie die des Reichen todeswürdig ist. b) Hernach fällt er das durch die Gesetze bedingte rechtskräftige Urtheil. Zergliederung ferner Ez. 16,16—21. Schildernde Zergliederung 31, 3-6, V. 12. 13. 3. Verknüpfung. d) Allgemeinere Feststellungen. Damit ein Kunsterzeugniß harmonisch wirke, muß der kürzere Theil desselben durch innere Schwerkraft, das heißt, durch Bedeutsamkeit, dem längern die Wage halten. Naturgemäß muffen Grundzustand und Schuld zusammengenommen als Stufenzweiheit die Entgeltung als nur eine Stufe an Ausdehnung übertreffen. Nichtsdestoweniger bildet diese vermöge ihrer größern Eindruckskraft das Gegengewicht jener beiden Stufen. ß) Einzelbeispiele. 2. ©am.,,12 sind gewissermaßen Grundpfeiler des Parabelbaues zwei mit einander verknüpfte Gegensatzpaare a) Reichthum — Armuth, b) Barmherzigkeit — Kewaltthätigkeit. Jes. 5: a) Auf Sorgfalt gegründete Hoffnung — Enttäuschung, b) Förderung — Zerstörung. Bemerke in der nämlichen Parabel die das Gemüth äußerst packende Aufeinanderfolge des scheinbar harmlosen Lieds und der Drohrede. Ez. 19, 1—9 hat diese Form: Grundzustand Subj. 1 -l- Subj. 2 Subj. 1: Schuld Subj. 2: Schuld 4- Entgeltung. + Entgeltung. Ferneres Beispiel für Verknüpfung Ez. 31, 8. — Ez. 16 werden gerade die ehemaligen Liebhabei? die Strafvollstrecker in der Entgeltung, wodurch diese Stufe dort besondern Nachdruck bekommt. Beachte die Verknüpfungsweise von Ez. 16, V. 16—19 mit dem Voraufgehenden, die Verse namentlich mit 10—13 zusammengehalten. Mangelhafte Verknüpfung haben wir, wenn Ez. 16 im Laufe der Schuld plötzlich von etwas so Gewichtigem wie Opferung der Söhne und Töchter geredet wird (20, 21), ohne daß die Geburt solcher gelegentlich des Grundzustands mitgetheilt worden. (Fortsetzung folgt.) U FEUILLETON -**- Gott ist die Liede. Novelle von O. Bach. (Fortsetzung.) Als Conrad aber die ernste, schwermüthige Miene Rosa's bemerkte, als er mit einem siegesfrohen Lächeln in das Zimmer trat,, in welchem das junge Mädchen, den heißen Kopf auf die Hand gestützt, dasaß, da sank sein Muth; zögernd streckte er ihr seine breite, doch aber nicht unschön geformte Hand hin, indem er schüchtern begann: „Rosa, Sie sollen meine Gattin werden, — Ihr Vater hat inir das Versprechen gegeben, und ich hoffe —" Rosa hatte sich mühsam von ihrem Platze erhoben; sie wollte etwas sagen, aber die Kehle war ihr wie zugeschnürt; wie ein Feuerrad ging es ihr im Kopfe herum, glänzende Funken schienen an ihren Augen vorüberzufliegen. Hoch ehe Frank ihr zu Hilfe kommen konnte, sank sie, von einen; Schwindel erfaßt, ohnmächtig zu Boden. Tief erschreckt eilten ihre Angehörigen auf den Ruf des jungen Mannes herzu. Frank nahm die Ohnmächtige, die ihm bei seiner Kraft federleicht erschien, auf seinen Arm, um sie mit Hilfe ihrer Schwester auf das Sopha zu legen. Der Verlobungsschmaus blieb fast unberührt; nur Herzfeld und Frank hielten es für ihre Pflicht, davon zu kosten, um dem Feiertag eine Ehre anzuhun; die beiden Frauen beschäftigten sich mit Rosa, welche, nachdem sie aus ihrer tiefen Ohnmacht erwacht war, mit fieberheißen Wangen und glänzenden Augen im Bette lag und nur von Zeit zu Zeit die Lippen öffnete, um ein unverständliches Wort hervorzubriugen. Frank mußte das Haus verlassen, ohne die Kranke wiedergesehen zu haben. Der herbeigerufene Arzt wünschte für Rosa absolute Ruhe, da er den Ausbruch einer Gehirnentzündung oder eines Nervenfiebers befürchtete. Als am nächsten Morgen Heimchen Lewy mit dem alten Herzfeld im Synagogenhof zusammentraf und neugierig ftagte, wie gestern die Verlobungsfeier abgelaufen sei, ging ein schmerzliches Lächeln über das hagere Antlitz des alten Mannes; seine Hände legten sich >) Siehe Ewald, Propheten des A. B. 1, 308 folg.