Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1891)
- Date
- 1891-06-12
- Page
- Seite 280 (sequence 4)
- Language
- German
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280 und ein rein geistiges Dasein der Gottheit betonenden Lehre all' das Sinnliche und Körperliche in der sichtbaren Welt, das selbst dem bevorzugtesten Denker nur in sinnlicher Weise begreiflich wird, anders als durch bildlichen, faßlichen Ausdruck für eine.Offenbarung göttlichen Willens und Waltens zu beglaubigen und so das gesammte Weltall im Wiederfchein des Heiligen darzustellen! In dem religiösen Traumleben, das in dem Zeitalter der frühesten Geschlechter, dann der Erzväter, des Moscheh und noch in späteren Jahrhunderten die Menschen im Allgemeinen gefangen hielt, bedurfte daher die geheiligte Urkunde des „Engels", um der Einbildung, dem dichterischen Trieb in der Religion Rechnung zu tragen und das Walten des erhabenen Weltgeistes dem Erkennen des schwachen Sterblichen näher zu führen. Wo in den irdischen und natürlichen Vorgängen das Eingreifen und die Lenkung Gottes sinnfällig dargethan werden soll, sei es, indem die geistigen und leiblichen Kräfte des Menschen, oder selbst Wahrnehmungen am Thierleben in ungewöhnlicher Weise der göttlichen Absicht sich dienstbar erweisen; sei es, daß die Erscheinungen der Natur, die Gewalt der Elemente zur Förderung und Erfüllung des göttlichen Plans wirksam eintreten, oder daß nach dieser Seite hin Gesichte und lebhafte Anregungen im Traume sich kundgeben'): so liebt es die heilige Schrift, diese Vorgänge der gemeinen Sphäre zu entrücken und als von göttlichem Hauche beseelte, persönlich gestaltete Mächte darzustellen. Diese bezeichnet sie als Maloch, als „Engel", d. h. „Boten Gottes", durch welche sie den Erzvätern, den Propheten, den Heroen Israels die Gebote Gottes verkünden läßt, die ihnen schützend und führend zur Seite stehen als Vermittler und Vollbringer des göttlichen Willens und Thuns. Während diese jedoch bis zwei Jahrhunderte vor dem Exil in herkömmlicher Weise ohne wesentliche Abweichung von der Ueberlieferung gedacht werden, nehmen sie bereits in der Weiffagung des Jesaias') eine mehr greifbare Gestalt an, was auf den Einfluß der Affyrer schließen läßt, zu denen die Judäer"), wie schon vor ihnen das Reich Israel, in nahe Berührung getreten waren. Noch bestimmter und wesenhafter tritt uns das Bild des Engels in der heiligen Schau des Hesekiel') entgegen, der in Babylon lebt und unverkennbar mit der Farbe malt, welche er in diesem dem Engelglauben ergebenen Volke findet. Mit der ganzen Wärme des Glaubens und der vollen Tiefe des Empfindens legt dann zu Ende des Exils der zweite Jesaias Zeugniß ab von dem scharfen Gegensätze der jüdischen Religionsanschauung gegen die persische. Er lehrt den Monotheismus in seiner reinsten Ausgestaltung, preist Gott als den Schöpfer des Himmels und der Erde, des'Lichts und der Finsterniß, der Größe und des Falles"), bindet unter dem Walten dieses einigeinzigen Schöpfers däs gesammte Weltall zu einer unlösbaren Einheit und zerstört von vornherein die Brücke, welche neuere Forscher in unserem Jarhundert zwischen dem Gottesbegriffe, der jüdischen und persischen Religion «ufbauen möchten. . Allein in der darauf folgenden nachexilisch-persischen Periode macht der Engelglaube der Judäer neue Fortschritte, und während jene bis dahin namenlose Wesen und nur zu jeweiligem Dienste berufen waren, erhalten sie jetzt Namen, durch welche sie zu persönlicher Bestimmtheit und geschloffener Individualität gelangen. Daniel zuerst nennt die Namen Michael") und Gabriel') und bezeichnet ersteren geradezu als Schutzgeist des jüdischen Volkes"), während er uns gleichzeitig in eine Versammlung von Engeln versetzt, deren jeder vielleicht im Haushalt eines Volkes die Sorge für deffen Wohl und Größe trägt und es im Streit wider seine Gegner anführt und beschirmt"). Man wird fast an die Schilderungen Homers von der ‘) Maimon. Moreh II. Kap. 4, 6. 7, 41. 2) Kap. 6. 3) Kön. II. Kap. 16. *) Kap. 1. °) Jes. 45, 7. 18. «) Daniel 10, 13. 21. ’) Das. 8, 16; 9, 21. ") Das. 10, 21; 12, 1. 9) Das. 10, 13. 20 21. Parteinahme der Himmlischen im Streit der Völker erinnert,, und wer will entscheiden, ob nicht jene durch das Mittel der Perser dem jüdischen Seher bekannt waren! In einer blendenden Szenerie, die er vor uns entfaltet, weist Daniel auf Myriaden Engel hin, die den Thron Gottes umgeben'), und sieben heilige Engel, deren einer Raphael ist, und die hineingehen dürfen zur Allherrlichkeit Gottes, kennt das um dieselbe Zeit abgefaßte Buch Tobias"). Durch Esra, der aus Babylonien nach Judäa auswandert, werden die Namen der Engel auch hier bekannt"). Wir vermögen hier eine Vergleichung mit der persischen Geister- und Engelwelt in keinem Falle abzuweisen. Die sieben große Planetengeister, die Amschaspans der persischen Mythologie4), wurden zu den sieben Erzengeln in der jüdischen Engellehre umgestaltet, und die gesammte Engelwelt jetzt und später ist nur eine Nachdichtung der persischen Angelologie. Die Engellehre ist kein integrirender Theil des Judenthums und berührt nicht die Dogmatik desselben; aber sie ist hervorgegangen aus dem friedlichen Gemen, fchaftsleben, das Israel mit den Persern fast bis zu Ende ihrer Herrschaft einte. Und ob sie auch zuerst der Phantasie erfloffen ist, so weckt sic doch die Seele zu fronuner Erregung und giebt dem Gläubigen . das Gefühl der Wacht und Beschützung durch himmlische Genien auf den Wegen seines Lebens. Auf einen ähnlichen Entwickelungsgang und zu gleichem Wfltate, wie bei der Engellehre, führt die Betrachtung der bezeichneten zweiten Heilsgabe, der Unsterblichkeitslchre"). Auch diese quillt hör-' bar in den Tiefen der Gotteslehre, tritt dann im Zeitalter der Propheten wie ein geistiger Strom, die nationalen GedankenMnd Hoffnungen befruchtend, zu Tage und wird zuletzt in der Perserzeit eine sinnlich wirkende Kraft, welche Bilder und Gestalten der Phantasie ins Glaubensleben zaubert, Triebe und Blüthen der Gemeinschaft, welche ein glückliches Zusammenleben mit den Persern gezeitigt hat. Die Anklage ist ungerecht, daß die Bücher Moschehs der Unsterblichkeitslehre ermangeln. Allerdings ist diese an keiner Stelle deutlich ausgesprochen und nirgends durch ein niedergeschriebenes Wort verbrieft. Allein die Gotteslehre Israels beschränkt sich in ihren Glaubenssatzungen, weil sie dem Menschen gelten in seiner Schwäche und Bedürftigkeit, grundsätzlich auf das ihm Erkennbare und Verständliche, das in der Welt der Wirklichkeit oder der Gedanken sich als wahr erweist. Was in keiner von beiden nachweislich ist und feiner ganzen Natur nach dem menschlichen Erkennen sich entzieht, was nicht innerhalb der Gesetze der sichtbaren Welt, sondern jenseits derselben sich zu erfüllen berufen ist: das vermeidet sie, mit klaren Worten in ihre Satzungen aufzunehmen, und verwebt den Glauben daran mit dem gesammten Geist und Charakter, der ihr eigen ist. Es ist in diesem Zusammenhänge beachtenswert, daß die mosaische Lehre, welcher doch der Unsterblichkeitsglaube der Aegyp-' ter nicht unbekannt sein konnte, diesen nicht erwähnt; ja selbst die Erfüllung der göttlichen- Gebote und Gesetze um des Erdenlebens willen gebietet, damit dieses ein geheiligtes und Gott wohlgefälliges werde.") In allen Fällen .ferner, wo für die Erfüllung der Lohn Gottes verheißen wird, ist dieser dem Erdenleben') zugewendet. Aus dem Schweigen über die Unsterblichkeit darf daher auf eine Unkenntniß oder Absage derselben in den mosaischen Schriften nicht geschloffen. y Das. 7, 10. 2) Kap. 12,15. 3) Jerusch. Nasch Ha schau ah I. Hat. 2, Gem. 4) Der Siebenzahl der obersten Fürsten am persischen Hofe nachgebildet. °) Ausführlich behandelt diese Materie: Formstecher, Zur Geschichte der Eschatologie im Jndenthum (in Geigers Wissenschaft. Zeitschr. IV. Brecher, Unsterblichkeitslehre; Ludwig Philippso», Unsterblichkeitslehre in feiner israelitischen Religionslehre I. 2. Beilage 3, nnd an verschiedenen Stellen seines Bibelkommentars. °) 3. B. M- 18, 5. ') 2. B. M. 20, 12; 5. B. M. 4, 40; das. 22. 7.