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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-06-12 · Heft 24 (12.6.1891) · p. Seite 279

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 24 (12.6.1891)
Date
1891-06-12
Page
Seite 279 (sequence 3)
Language
German
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begründen im Begriff steht, und daß endlich auch der Beherrscher des osmanischen Reiches anläßlich der Vorfälle auf Corfu durch Anweisung von Wohnsitzen in Albanien für die ausgewanderten corfiotischen Juden gezeigt hat, wie wenig die Vorwürfe des Fanatismus und der Inhumanität gegen den Islam gerechtfertigt sind. Allein alle bisher vorgeschlagenen Maßregeln und aufgetauchten Pläne sind nicht durchgreifender Art, ja, sie können nicht einmal als wirksame Palliativmittel betrachtet werden. Fast allen liegt nämlich das Prinzip zu Grunde, die in dem einen Lande gehetzten Juden einfach in ein anderes Land zu befördern, weil hier die momentane Stimmung und der augenblickliche Stand der Gesetzgebung eine solche Transferirung möglich erscheinen lassen, wobei man aber völlig übersieht , daß es keine Rettung für den Brennenden ist, wenn er von einem flammenden Strohhaufen auf einen andern noch nicht entzündeten überspringt. Die russisch-jüdischen Flüchtlinge aus einem Lande in das andere zu übertragen, hat nothwendig den Effekt, daß auch im neuen Lande der unter der Asche glimmende Hamanismus. der leider in keinem christlichen Lande gänzlich fehlt, zur Flamme angefacht wird; denn kein Land verträgt so ohne Weiteres die plötzliche Zufuhr von Hunderttausenden mittelloser Einwanderer. Das gilt für England so gut wie für Amerika oder für Frankreich, Deutschland, Oesterreich oder Italien. Es kann also nicht zu dem gewünschten Ziele führen, wenn man. wie .Herr Baron Hirsch und sein Berather Herr Prof. Löwenthal wollen, irgendwo in Südamerika große Ländereien ankauft, um sie mit Juden zu kolonisiren. Das bringt, wie die Erfahrung aller Jahrhunderte beweist, ganz zweifellos in kurzer Zeit Reibungen mit sich, denen die leider entnervten russischen Juden glicht gewachsen sind. Dann aber haben wir nichts Anderes zu erwarten, als ein förmliches Rußland in irgend einem amerikanischen Staate; geholfen aber ist damit Niemandem, und es ist nur schade um die Unsummen Geldes, welche ein solches Unternehmen verschlingt. Diese wichtige Frage darf nicht von einem Tag auf den andern verschoben werden; sie muß vielmehr fest ins Auge gefaßt werden mit dem bestimmten Willen, sie definitiv zu lösen. Eine solche Lösung aber liegt nicht im Ankauf eines Landes inmitten einer voraussichtlich nicht freundschaftlichen Umgebung und der Besiedelung desselben durch widerstandsunfähige Menschen. Sie kann nur gefunden werden, wenn man sich jüdischerseits entschließt, ein entsprechendes Land zu erobern und es dann selbständig zu verwalten. Um ein Land zu behaupten, muß man materielle Macht entfalten. Glaubt die Judenschaft nicht, daß sie selbst genügend viele Kräfte zu solchem Unternehmen hat, dann wende sie sich getrost an andere Nationen. An Soldatenmaterial, jüdischem und nichtjüdischem, wird es dann ebenso wenig fehlen, wie an brauchbaren Offizieren, und Organisatoren. Dazu ist nur Geld erforderlich, und das scheint vorhanden zu sein, zumal eine solche Sache weit weniger kosten würde, als der Ankauf eines wenn auch noch so kleinen Landes. Zu einem derartigen Unternehmen wäre die Zustimmung und Mithilfe der Regierungen unschwer zu erlangen, weil sie in Folge der russischen Judenaustreibungen alle in gleichem Maße an der humanen Lösung der Frage Jntereffe hätten. Obendrein würde solches Vorgehen die Judenschaft zu selbständigem staatlichen Leben erziehen, was durchaus nicht zur Folge haben müßte, daß alle Juden in das neue Land zögen. Begreiflicher Weise laffen sich in so wichtiger Angelegenheit bestimmte und detaillirte Vorschläge nicht von vornherein öffentlich diskutiren oder auch nur mittheilen. Sie könnten nur einem Komitee vorgelegt werden, das aus hervorragenden Männern jüdischen und anderen Glaubens bestünde, die sich für die angedeutete Lösung der Judenfrage interessiren. Zu diesen Männern würde in erster Linie Baron Hirsch gehören, ferner Baron Rothschild, Prof. Löwenthal, Paul Friedmann, der eine oder andere Vertreter Englands und einzelne andere Sachverständige. Gelangt dieses vorbereitende Komitee zur Annahme bestimmter Vorschläge, dann würde es sofort an die Regierungen oder an einzelne derselben heranzutreten haben, um die weiteren Schritte zu veranlaffen. Da angenommen werden kann, daß diese Zeitschrift allen Interessenten zu Gesichte kommt, so wäre es am zweckmäßigsten, wenn dieselben ihren Wunsch, dem angeregten Aktionskomitee beizutreten, zunächst der Redaktion dieses Blattes übermitteln würden. Alsdann würde auch Schreiber dieser Zeilen, der nicht nutzlos an die Oeffentlichkeit zu treten wünscht, sich mit den betreffenden Herren ins Einvernehmen setzen und ihnen einen seiner Ansicht nach zweckmäßigen und durchführbaren Plan zur Berathung unterbreiten." (Wir haben vorstehender Zuschrift gern Raum gegeben, ohne uns indessen mit derselben in allen Theilen identisizire» zu wollen. Eines jedoch halten wir zu erwähnen für nothwendig. Wenn auch der Plan im ersten Augenblick als ein etwas abenteuerlicher erscheint, so würde er dieses Gepräge in dem Augenblick verlieren, wo der Verfasser aus seiner jetzt berechtigten Anonymität herausträte. Die Red.) U Israels Gemeinschaftsleben mit Andersgläubigen. Von Dr. Tobias Cohn, Rabbiner in Potsdam. (Fortsetzung.) Es ist das Eigenartige des geistigen Lebens, daß es niemals mit bestimmten Daten und Vorgängen anhebt, sondern daß es wie aus einer idealen Welt, in der es immer gewesen, und aus welcher es immerfort Saaten und Keime mit unsichtbarer Hand gestreut, endlich in die zur Aufnahme vorbereitete Wirklichkeit sichtbar herniedersteigt. Von diesem Gesichtspunkt aus bieten sich unserer Betrachtung zwei Heilsgüter dar, die zum Besitzstand der jüdischen Bekenner zählen, — zwei Ideale, die auf dem Glaubensgrunde Israels nur ein traumhaftes Dasein fristen konnten, unter fremdem Himmel jedoch zu blüthereicher, segenspendender Entfaltung gelangten: der Engel¬ und der Unsterblichkeitsglaube. Beider Geburtsstunde ist am Zifferblatt der Zeit nicht eigentlich nachweisbar. Beide bedurften, um der lebensvollen, körperlichen Wirklichkeit theilhaftig zu werden, die sie heute besitzen, — um im Glaubensleben Israels die Herrschaft zu gewinnen, welche ihnen dort thatsächlich zu eigen geworden ist, fremden Einflusses, eines gemeinschaftlichen Zusammenwirkens mit den Andersgläubigen. Was-zunächst den Engelglauben') betrifft, so bieten sich für denselben zahlreiche Anhaltspunkte in den biblischen Büchern. Denn in ihrem Streben, das Volk zu belehren, die Menschen zu erziehen und in allem Irdischen das Göttliche erkennen zu laffen, bedient sich die Gotteslehre einer den Hörern und Lernenden verständlichen Sprache2). Sie verschmäht deshalb nicht Anthropomorphismen d. h. die Charakterisirung Gottes durch menschliche Gestalt und Eigenschaft. Sie spricht von dem Ebenbilde Gottes, in welchem der Mensch geschaffen ist, von der Hand und dem Auge Gottes u. s. w., von den Söhnen Gottes, und führt aus dem gleichen Grunde Engel in den Vorstellungskreis und den Sprachgebrauch der Menschen ein, denen sie eine ausgedehnte Herrschaft im Himmel und auf Erden überläßt. Wie vermöchte sie auch bei ihrer streng monotheistischen ") Vgl. Alex. Kohut, Die jüdische Angelologie; ferner Grätz, Gesch. d. I. II, 2, S. 194 ff. und Note 14. -) Sanhedr. 90 b

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