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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-06-12 · Heft 24 (12.6.1891) · p. Seite 278

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 24 (12.6.1891)
Date
1891-06-12
Page
Seite 278 (sequence 2)
Language
German
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278 losigkeit begegnet, wenn kein lallender Zion und kein leuchtender Blick keimendes Seelenleben ihr kundgiebt. Denkt euch ihre Verzweiflung, wenn sie immer klarer die furchtbare Gewißheit erkennt, daß ihr Liebling all der Gaben und Fähigkeiten wird entrathen müssen. die den Menschen zum Ebenbilde Gottes erheben; daß ihm diese Erde zu einem wahren Jammerthal sein wird, weil er in ewiger geistiger Gebundenheit hienieden wird einhergehen müffen. Und habt Ihr euch den Schmerz einer solchen Mutter vergegenwärtigt, dann versuchet es, ihr die selige Freude nachzuempfinden, die sie erfüllt bei der Kunde, daß der menschliche Geist — mein: die menschliche Liebe es verstanden hat, auch diesen Mangel zu überwinden, daß es eine Anstalt giebt, wo der Bann gebrochen wird, der seit Jahrtausenden den Taubstummen gefesselt hielt. Versuchet es nur, jenen Schmerz und diese Freude nachzuempfinden, dann werdet ihr die Liebe ermessen können, die hier erlösend einem Gotte gleich waltet. Ja, die Liebe war es, die die Erfindungskraft des Menschengeistes erhöhte, so daß er das Auge des Taubstummen benutzte, um die Seele zu wecken und ihr alle jene Begriffe beizubringen, die sonst nur durch das Ohr angeeignet werden. Wie der harte Stahl dem starren Kiesel den leuchtenden Funken entreißt, so hat die ausdauernde Liebe das Band der Zunge gelöst und der stummen Kehle den menschlichen Laut entlockt. Und nun ist der ehh, der Taubstumme, kein Verlorener mehr wie in alter Zeit, die ihm die sittliche Verantwortlichkeit abgesprochen; er zählt nicht mehr zu den in religiöser und gesetzlicher Beziehung Unmündigen, seitdem der edle de l'Epee allen Menschenfreunden den Weg aufgezeigt, auf dem der Taubstumme zu einem vernünftigen Menschen und zu einem nützlichen Mitglied der Gesellschaft erzogen werden kann, und seitdem der Vorgang jenes hochherzigen Mannes zahlreiche Nacheiferer, — unter ihnen unseren Glaubensgenoffen Rodrigues Jacob Pereira zu gleicher Liebe erweckt hat, die seine Methode erweitert und vertieft und vervollständigt haben. lrrw nt6a3 *rn ns? nnrt 'n rm »Von dem Ewigen ist dies geschehen, was so wunderbar in unseren Augen". Menschenliebe wurzelt in der Gottesliebe, darum verehren wir in diesem Hilfswerke die gnadenreiche Waltung Gottes. Und erkennet ihr nicht auch die Hand des Ewigen in dem verhältnißmäßig raschen Wachsthum dieses Hilfswerkes, in der vielseitigen Förderung, die es gefunden? Bor kaum achtzehn Jahren erwachte in dem Kopfe eines menschenfreundlichen Lehrers, den der Ewige zum Boten seiner Liebe auserkoren, der Gedanke, für die verhältnißmäßig zahlreichen Taubstummen unserer Stammesgenosien, die in den öffentlichen Anstalten keine Auf-' nähme finden konnten, eine Erziehungsstätte zu begründen. Hochherzige Männer, an die er sich wandte, unterstützten ihn mit Rath und That, und der Gedanke gelangte zur Verwirklichung. Allein die Stätte war klein, der Freistellen waren nur wenige: es konnte dem Bedürfniffe nicht genügt werden. Und auch die Wohlthäter starben allgemach dahin, die edlen Männer, auf deren Förderung die Anstalt angewiesen war. Aber der Leiter verzagte nicht, im Gegentheil, jener Hoffnungsmuth, den nur die Menschenliebe einflößt, spornte ihn zu erhöhter Thatkrast an. Er eilte nach Berlin, der Stadt der werkthätigen Menschenliebe, er begeisterte daselbst edle Menschen für seine Idee und gewann in ihnen neue Wohlthäter, die sich zu einem Verein zusammenschloffen, um als D'übx' '*TT, als „Freunde der Taubstummen", den Bestand der Anstalt dauernd zu sichern. Allein erst seit der Uebersiedelung des Vereins nach unserer Stadt begann das schnelle Wachsthum desselben. Unter der gegenwärtigen ebenso energischen wie zielbewußten Leitung desselben erwuchs die ehemalige winzige Anstalt von Fürstenwalde zur „Israelitischen Taubstummen-Anstalt für Deutschland"; — und wir haben den Tag erlebt, den Tag, den der Ewige bereitet hat, an dem dieses herrliche Haus, diese Stätte barmherziger Liebe, dieses Werk, das in allen seinen Theilen von treuer Hingebung und freudiger Opferbereitschaft zeugt, im Namen des Ewigen geweiht und seiner Bestimmung übergeben wird. — „Von dem Ewigen ist dies geschehen, was so wunderbar in unseren Augen", — und im Namen des Ewigen, des einig-einzigen Gottes, weihen wir dies Haus, darin er sich durch die Liebe der Menschen offenbaret und verherrlicht. Möge der Segen und die Gnade Gottes über ihm walten für und für. Mögen sich ihm immer zahlreicher die Freunde zuwenden, auf daß die Menschenliebe sich immer reicher in ihm entfalte. Möge die Huld des Ewigen die Arbeit der Lehrer stets begleiten, auf daß sie in Geduld und Freundwilligkeit ihres Amtes walten, und ihnen das große Werk, das Werk der Menschenbildung, alle Zeit gelinge. Möge sein Beistand den Leitern und Wohlthätern dieser Anstalt nicht fehlen, auf daß ihre liebevolle, nimmer ermattende Hingebung von Erfolg gekrönt werde. Gottes reichsten Segen aber flehen wir hernieder auf die Häupter unseres erhabenen Fürstenpaares, des Kaisers und Königs Wilhelm II. nnd s einer erlauchten Gemahlin AugusteVictoria, deren Sinnen und Trachten der Wohlfahrt unseres Volkes, zumal der Mühseligen und Beladenen, gewidmet ist. Nächst Gott sei ihrer Huld und Gnade diese Anstalt anheimgegeben, auf daß sie wachse, blühe und gedeihe als ein Zeugniß edelster Menschenliebe für und für! Amen! 9 Zur Kolonisationsfrage. Von geschätzter Seite geht uns nachstehende Auseinandersetzung zu: „Das große Leid, das über die Judenheit hereingebrochen ist und welches diesem Stamm fast ganz Osteuropa und halb Asien verschließen zu wollen scheint, hat der gesummten Judmschaft endlich die furchtbare Situation vor Augen geführt, in die es gerathen und welche an die Zeiten eines Haman gemahnt, der, nach den jetzigen Vorgängen in fast allen Ländern zu schließen, entgegen aller historischen Forschung kein legendärer Held gewesen zu sein scheint. Humanisten — so muß man leider an Stelle der immer seltener werdenden Humanisten sagen — giebt es auch heutzutage, ja gerade heutzutage, in allen Ländern, und der Hamanismus, euphemistisch Antisemitismus genannt, hat es zuwege gebracht, daß man fast allerwärts die Juden als minderwerthige Menschen betrachtet. In alle Länder zerstreut und, genau betrachtet, völlig machtlos, ist es seitens der Juden doch ein bedeutsames Zeichen, daß sie allmählich die Uelberzeugung von dem Vorhandensein der Gleichberechtigung verlieren, auch in manchem außerrussischen Lande, und demgemäß an Selbsthilfe denken, um ihre mit Füßen getretene Menschenwürde nach Kräften zu vertheidigen. In Sonderheit fft es das entsetzliche und aller Civilisation der Jahrtausende hohnsprechende Loos der russischen Juden, welches deren Glaubensgenoffen zu brüderlich-edlem und werkthätigem Eingreifen angespornt hat. In erster Linie ist es Baron Moritz Hirsch, der durch seine großartige Opferwilligkeit ein leuchtendes Beispiel wahrer Humanität giebt. Neben ihm sind die Rothschilds zu nennen, welche sich für die jüdische Kolonisirung Palästinas interessiren. Nicht minder trostreich muß es genannt werden, daß auch christliche Philanthropen sich der förmlich geächteten Israeliten annehmen, so beispielsweise der Berliner Historiker Paul Friedmann, der im biblischen Midian in Nordwestarabien eine jüdische Kolonie zu

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