Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1891)
- Date
- 1891-06-12
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227877-3227902--48000-3270496- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
55, Jahrgang. Nr. 24. Allgemeine Berlin» 12. Juni 1891. eitmg öes Zudmchums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Nedacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Uaütrrner H*- Ludwig Philipp so« - Gönn. Verlags-Expedition: Lerlin, Ferusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. 3Ht)alt« Leitartikel: Weihrede zur Eröffnung der israelitischen Taubstummen-Anstalt in Weißensee. Von Rabbiner Dr. S. May bäum. — Zur Kolonisationssrage. — Wissenschaft und Litteratur: Israels Gemeinschaftsleben mit Andersgläubigen Von Dr. Tobias Cohn (Forts.). — Arnold Mendelssohn. Von I. Löwenberg. — Parabel und Fabel bei den alten Hebräern. Von Dr. Elias Kali sch er (Fortsetzung). — Feuilleton r Gott ist die Liebe. Von O. Bach. (Fortsetzung.) -- Der Auswanderer. Von Ufr. — Zum Wochensest. Von Gustav Jacobsohu. — Litterarische Mittheilnngen. Dev Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Charlottenburg, Danzig, Antonienbütte O.-S., Wien, Rom, Paris, London, Petersburg, Warschau, Odessa. Athen. Chicago. — Von Rav und sfern. — Sprechsaal. — Miseellen. — Bei der Redaktion eingegangene Bücher. — Briefkasten. Meiherede zur Eröffnung der israelitischen Tauöstnnrmen- Anstalt in Meißensee. Von Rabbiner Dr. S. May bäum. v'2"> “proi ’sa ikö 'n rrm Dich, Ewiger! soll mein Mund preisen und Deinen Ruhm in dieser Versammlung künden. Denn Deine Wallung erkennen wir in diesem Werke, das Menschenhände hier bereitet, und das wir in Deinem Namen weihen und seiner Bestimmung übergeben. Von Dir kommt Alles, und nur was uns aus Deiner Hand geworden, das geben wir Dir wieder. Auch das freiste unserer Werke, auch die Schöpfung unserer Menschenliebe danken wir Dir, Allvater! Denn Du hast uns das Herz gebildet und uns den Trieb eingepflanzt, in barmherziger Liebe Dir immer ähnlicher zu werden. So sei gepriesen, Ewiger, unser Gott und Weltenherr, für diesen Tag, den Du uns in Freude hast erleben lassen! Amen! Andächtige Versammlung! Wieder ist hier ein Werk der Barmherzigkeit entstanden, das sich heute schon würdig anreiht den zählreichen Wohlthätigkeitsanstalten unserer Glaubensgemeinde, und das im Laufe der Jahre unter Gottes gnädigem Beistände noch wachsen und sich immer herrlicher entfalten wird, um für uns zu zeugen bei den kommenden Geschlechtern. Es wird unseren Nachkommen künden, daß wir in der Liebe zu unserer angestammten Religion nicht hinter den Vorfahren zurückgestanden, und daß sie sich uns gleich ihnen vornehmlich in Werken der Liebe und der Gerechtigkeit ausgeprägt hat. Nein, fürwahr, wir sind nicht schlechter als unsere'Väter, und so lange in Israel solche Schöpfungen der Liebe erstehen, kann von einer Verminderung seines religiösen Gefühls — dem Herrn sei Dank! — nicht die Rede sein; denn das ist „der Weg des Herrn", den bereits der Stammvater seinen Kindern und Hausgenoffen aufgezeigt, mtppb IDStPttl »daß sie üben Liebe und Gerechtigkeit". Was hier entstanden ist, und wie es entstanden ist, beides, sowohl das Liebeswerk selbst, als auch die wunderbare Weise, in der es sick aus kleinen und unscheinbaren Anfängen zu verheißungsvoller Gestaltung entwickelt hat — beides giebt davon Zeugniß, daß der Trieb nach Gottesebenbildlichkeit in uns nicht erloschen ist, daß Gott heute wie ehedem in uns lebt und durch uns seinen Willen vollziehen läßt. Darum wenden wir hier an das Wort des Psalmdichters: K'Ü nxi rT71'77 'n flKö TOJÜ3 71X^83 „Von dem Ewigen ist dies geschehen, was so wunderbar in unseren Augen". Oder sollen wir ein Werk wie dieses nicht als ein göttliches bezeichnen dürfen? Als pjm Qim als „ein barmherziger und gnädiger Gott" hat der Ewige sich einst dem Prophetenvater Mose geoffenbart: sollten daher Menschen, welche die höchste Barmherzigkeit üben, nicht als die Boten seiner Liebe und Gnade angesehen werden' dürfen? Und fürwahr, wir sagen nicht zu viel, wenn wir den Zweck, dem dieses Haus geweiht werden soll, als Uebung der höchsten Liebe kennzeichnen. Nach der Größe des Elends wird die Größe der Hilfe bemessen. Wohlan, der Psalmdichter, der das größte Elend eines Menschen schildern will, legt diesem die Worte in den Mund: 1'8 1-1718' ab übiCI tfütPK ab Enro 'JK1 „Ich bin wie ein Tauber, der nicht hört, und wie ein Stummer, der den Mund nicht öffnet", und der Prophet wiederum erblickt ein Kennzeichen messianischen Glückes darin, D1?« pü6 pm „daß die Zunge des Stummen in Jubel ausbricht". In der Thai, m. A., es giebt kein größeres Elend, als von der Geburt an taub zu sein. Denn das Ohr ist das Organ für die Erweckung des menschlichen Geistes, weil die Sprache, dieses wesentlich Menschliche am Menschen, vornehmlich eine Frucht des Ohres ist. Das Auge vermittelt uns nur das äußere Bild der Natur, den Geist aber, der in ihr waltet, und der erst im Menschen seinen Ausdruck gefunden, vernehmen wir nur durch das Ohr. Nur wem der Ewige das Ohr geöffnet, sagt der Prophet, wem er es Morgen für Morgen erwecket, daß er höre wie ein Jünger: nur dem wird die Gabe der geübten Rede zu Theil. Wem aber das Ohr von der Geburt an verschloffen ist, dem wird die Zunge nie gelöst, dem dringt kein Strahl des Gottes- und Menschengeistes in die Seele; ihm ist die große, weite Welt in tiefes Schweigen gehüllt; er sieht ihre Bilder und kennt nicht ihre Bedeutung: das All ist ihm ein großes Räthsel, zu dem ihm die Lösung fehlt. O, m. A.! vergegegenwärtigt euch doch eine Mutter, die ihrem Säugling zulächelt, die ihm süße Schmeichelworte ins Ohr flüstert, um die schlummernde Seele zu Aeußerungen der Gegenliebe zu erwecken. Denkt euch nun ihren Schrecken, wenn sie kalter Theilnahm-