Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1891)
- Date
- 1891-06-05
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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WWWUMWWW Sache für dm 25., 26. und 27. Mar angeordnet. Für diese Verhandlung hatte der Vertheidiger, Dr. Somary, bedeutendes neues Material zur Erbringung des Wahrheitsbeweises vorbereitet. Dasselbe kann nunmehr nicht vorgeführt werden, nachdem Herr Dr. Lueger, wie bereits gesagt, sich veranlaßt gesehen hat, von der Anklage znrückzutreten. — Herr- Lueger hat damit sich selbst das Urtheil gesprochen. Großbritannien. * London, 29. Mai. Das englische Unterhausmitglied Samnel Montagu, einer der wenigen liberalen Vertreter Londons und entschiedener Anhänger Gladstones, hatte diesem am 6. Mai Ausschnitte aus der „Times" und dem „Standard", welche Einzelheiten über die in Rußland gegen die Juden verübten Brutalitäten enthielten, zugeschickt und bemerkt, „daß das einzige Verbrechen dieser Unglücklichen sei, Mitglieder der Rasse Zu sein, welcher der Gründer des Christenthums, der Religion des Friedens und der Liebe, angehörte". Dann stellte er an den greisen Führer der liberalen Partei folgende Fragen: „Wollen Sie, welcher bedrückte Nationalitäten vertheidigt hat, Ihren großen Einfluß bei den russischen Machthabern anwenden, um eine Aenderung dieser brutalen Zwangsgesetze zu erlangen, welche zarten Frauen und Kindern Leiden, die schlimmer als der Tod sind, auferlegen? Wollen Sie sich denjenigen anschließen, welckie für die russischen Juden dieselben Rechte beanspruchen, welche den mohammedanischen Unterthanen des Zaren gewährt werden, welche ebenfalls Semiten sind und ebenso wie die Juden von Abraham abzustammen behaupten? Ich bin davon überzeugt, daß Sie für die mit der Austreibung aus ihrem Geburtslande Bedrohten, welchem sie in Treue anhängen, eine Frist verlangen werden, bis deren Glaubensbrüder für die allmälige Auswanderung nach Ackerbaukolonien Arrangements treffen können." In seiner Antwort erklärt nun Gladftone, es ließe sich leicht in Ausdrücken des Bedauerns unb der Entrüstung über das Vorgehen gegen die Juden schreiben; allein solche Auslassungen, wenn nicht auf sorgfältige Untersuchung und wirkliche Kenntniß gestützt, hätten wenig Werth, dürften sogar Schaden anrichten durch Verstärkung jener fanatischen Partei, welcher muthmaßlich — und nicht dem jetzigen Zaren — dieses seltsame und empörende Vorgehen wirklich zuzuschreiben sei. Er besitze keinen Einfluß bei der russischen Regierung, empfehle jedoch, was sich früher oft bewährt habe, die Waffen der Presse gegen die Angriffe auf die Juden in Anwendung zu bringen, um das Gewisserl der eivilisirten Welt zu rühren. * London, 31. Mai. Sir Lau re nee Olipharlt, der bekannte Philantrop, ist über Datum nach Konstantinopel gereist, um mit der türkischen Regierung über den Ankauf großer Ländereien in Palästina jerlseits des Jordans zu verhandeln, woselbst ausgewiesene russische Juden angesiedelt werden sollen. Sir Oliphant lebt schon seit mehreren Jahren in Palästina und ist auch bekannt durch sein 1884 erschienenes Buch „The Land of Gilead“ worin er sein gegenwärtiges Projekt mit großer Sachkenntniß behandelt. Auch mit der persischen Regierung steht Sir Oliphant in Unterhandlung.Ueber eine weitere Thätigkeit zu Gunsten der Kolonisationsidee melden die „Times": Für die russischen Juden soll ein Gebiet an der Küste des- Rothen Meeres, das Land zwischen Akabah und El Wijht im Nordwesten Arabiens, zu Ansiedelungszwecken erworben werden. Dieses Gebiet wird jetzt von etwa 10,000 Arabern bewohnt, die ein Nomadenleben führenes bietet aber Raum zur Ansiedlung von 500,000 Seelen; der Boden soll daselbst ein äußerst fruchtbarer sein. Mit der ägyptischen Regierung, unter deren Oberhoheit das fragliche Territorium steht, sollen bereits Vorbesprechungen wegen allfälliger Abtretung desselben im Zuge sein. Rußland. * Petersburg, 26. Mai. Statt der erwarteteil Meldungen haben wir neue Harten in der Handhabung der Judengesetze zu verzeichnen. Der Oberprokurator Pobedonoszew, der mächtigste Mann im weiten Zarenreich, der glühendste Katholiken-, Deutschen- und Judenhasser, seht^seine Politik.'gegen die Judell fort, uligeachtet der Einwendungen des^ Finanzministers, und verbietet deu Juden, den hebräischen Sabbath zu feiern. Alle'Läden müssen all Sonn-und Feiertagen der orthodoxen Kirche geschlosfell bleiben; die jüdischen Angestellten sollen gezwungerl werden, am, Sonnabend zll arbeiten lind beu Sonntag als Ruhetag zu begehen. — Noch weitere neue Verfügullgen des Herrn Polizeimeisters sind in biefen Tagen ergangen. Dieselben beziehen sich u. a. auf die indischen Badegäste und die sich hier in den Ferien anfhaltenden jüdischen Gymnasiasten und Studenten. Die Badegäste werden ganz nach denselben Regeln wie die übrigen Jndell behandelt, d.ch. nur dann zugelassen, wenil sie anferlthaltsberechtigt sind. Jüdische Gymnasiasten und Studenten dürfen sich hier nur anfhalten, wenn ihre Eltern in gesetzlicher Grundlage hier leben. Der Ausweisung unterliegende Geschäftsleute, welche schwebende Prozesse oder kommerzielle Abrechnlmgen vorschützen oder sich thalsächlich auf solche berufen können, können keinen Aufschub erhalten, sondern sind ohne Rücksicht auf ihre Geschäflsallgelegellheiten unverzüglich alls Libau zu entfernen. — Weitere Meldlingeil bestätigen, daß die bem russischen Heere angehöreuden jüdischen Militärärzte, falls sie den Uebertritt zllm orthodoxen Glauben ablehnen, ans ihrer Stellung entlassen werden sollen. Der Titel eines erblichen Ehrenbürgers, welcher den mit demselben ansgestatteten Juden das exceptionelle Recht zum Aufenthalt in den Städten außerhalb der den Juden zngewieseneu Zone verleiht, soll in Zukunft keinem Angehörigen dieser Konfession ertheilt werden. — Der „Nowoje Wremja" zufolge sollen die hebräischen Elementar- und Kirche ns chn len unter strenge Kontrole der Regierung gestellt werden. * Moskau, 21. Mai. Die Ausweisungen der Juden aus Moskau dauern ununterbrochen fort. Im Justizministerium ist eine Ordre in Aussicht genommen, durch welche die Kompetenzen nou Juristen jüdischer Konfession beträchtlich beschränkt werden sollen. Es sott jüdischen Anwälten nicht mehr gestattet sein, in Kriminalfälleu und auch in Civil-Prozessen in irgend einer Art. sei es als Vertheidiger oder Kläger, zu fuuktionireu, wenn die in dem Verfahren engagirteu materiellen Interessen eine bestimmte von den Behörden noch zu bezeichnende Summe übersteigen: mit anderen Worten, die jüdischen Advokaten sollen fürderhin ihre Vertretungen nur auf Bagatell- Angelegenheiten zu beschränken haben. Eine besondere Ordre hat die russische Regierung gegen jene Juden erlassen, die, um äußerem Drucke zu entgehen, den griechisch-orthod oxen Glauben angenommen haben, in ihren Ueberzeugnngen aber nach wie vor dem Judenthum treu geblieben sind. Die Behörden wurden nämlich angewiesen, die zum griechisch-orthodoxen Glauben konvertirten Juden sorgsam zu überwachen und sie streng zu bestrafen, wenn ermittelt werden sollte, daß sie den Gottesdienst in der Synagoge besuchen. — Neuerdings dürfen nur diejenigen Inden abziehen, welche einen Schein des Inhaltes unterzeichnen, daß sie keinerlei Geldverpflichtungen zurücktassen. Der schon bestehende Haß gegen die Juden wird noch geschürt durch die Zweifelhafte Meldung der Nowoje Wremja, daß die französische Ausstellung in Moskau in die Hände zweier Juden, des Eisenbahnagenten Plikow und des Pelzhändlers Grunwald, gefallen sei, welche durch Ankauf von 1,200,000 Karten das tatsächliche Kontrolrecht über die Ausstellung erworben hätten. Demgegenüber ist es von Wichtigkeit, daß die amtliche „St. Peters'b. Ztg." ausdrücklich erklärt, Grunwald sei keinJude. — Nach neuesten Meldungen soll die Polizei beabsichtigen, 12,500 Inden auszuweisen. Von diesen wären bereits 7500 gezwungen worden, Moskau zu verlassen. Wie nerlautet, ist diese Maßregel dem Großfürsten Sergius zuzuschreiben, der die Erledigung der 3iibeiifrage vor Antritt seines Postens in Moskau forderte. * Kiew, 28. Mai. Aus hiesiger Stadt wandern fast sännntliche Juden aus. Die Auswanderung wird gefördert von einem ins Leben gerufenen philanthropischen Komitee, welches den Auswanderern Beihilfe zum Landankauf gewährt. Tie in Palästina bereits wohnhaften Inden sind mit Wein- und Tabaksbail beschäftigt. Die Thätigkeit des Komitees erweist sich jedoch bisher als wenig erfolgreich. Ein anderes Komitee will daher wegen der Sympathie Englands für die vertriebenen Juden mit der russischen Regierung unterhandeln, um etwa 60,000 in großer Armnth lebende Juden über Libau und Riga zur See nach London zu schaffen. Das Komitee hofft im nächsten Jahre eine noch größere Anzahl von Juden nach England schaffen zu können, wenn es mit seinem Plan Erfolg hat unb die Inden in London und den englischen Provinzstädten ausreichend Arbeit finden. * Astrachan. Hier wird gegenwärtig auf Verfügung der örtlichen Verwaltungsbehörde eine Revision sämmtlicher hier wohnenden Juden, sowohl der ansässigen als nicht ansässigen, energisch ausgeführt. Die Inden der letzteren Kategorie werden, nach einer Mittheilnng der „Sud. Gas.", unverzüglich nach, den Orten, wo sie angeschrieben sind, auf administrativem Wege transportirt; derselben Maßregel werden auch diejenigen Juden unterworfen, welche, obgleich für Handwerker verschiedener Innungen geltend, sich mit ganz anderen, mit ihrer an-