Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1891)
- Date
- 1891-06-05
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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rhetorischen Schmuck, mit einfachen, aber desto ergreifenderen Worten schilderte er in kurzen Zügen die Geschichte der Anstalt, die bereits achtzehn Jahre in Fürstenwalde bestanden hat Er habe zur Zeit als Lehrer der königlichen Taubstummenanstalt zu Berlin erkannt, wie nothweudig es sei, auch eine besondere Schule für israelitische Taubstumme zu errichten, die in die anderen Anstalten.entweder nicht ausgenommen wurden oder dort eine religiöse Erziehung erhielten, die mit den Gefühlen der jüdischen Eltern nicht übereinstimmen könnte. Mit Hilfe des edelsten aller Menschenfreunde, des ewig unvergeßlichen Jac ob Nachod in Leipzig, unter Mitwirkung des Malers Ginsberg und des Herrn Julius I. Meyer, die alle drei nicht mehr unter den Lebenden weilen, konnte er die kleine Anstalt in Fürstenwalde errichten und bis zur Gründung des Vereins „Freunde der Taubstummen" im Laufe von elf Jahren 24 Knaben einem Beruf zuführen. Nun sehe er seinen Herzenswunsch erfüllt und wolle die Hilfe der Wohlthäter an den ihm anvertrauten Kindern vergelten. „Ihnen," so schloß der Redner, „will ich mein Leben weihen, auf daß sie, die Kinder, dereinst mit den Worten des Patriarchen ausrufen können: „Wahrlich, dies ist ein Haus Gottes, und hier wurde uns die Pforte des Himmels erschlossen." — Zum Schluß übergab der erste Vorsitzende des Vorstandes der Anstalt, Geheimer Sanitätsrath Dr. Marcuse, das Haus seiner Bestimmung mit einem warmen Appell, daß auch ferner sich zahlreiche Wohlthäter für dieses edle Werk finden mögen. — Der Feier schloß sich die Generalversammlung des Vereins an. Khn. Ans Pommern. Am 17. d. Mts. tagten in Velgard die jüdischen Kultusbeamten des Regierungsbezirks Cöslin. Der Alterspräsident der Versammlung trat mit beredten Worten für die Gründung eines Bezirks Vereins ein unter Hervorhebung der Gesichtspunkte, daß das Bewußtsein der Kollegialität durch den persönlichen Verkehr gestärkt und gefördert wird und daß gemeinsanie Interessen auch gemeinsam besprochen werden müssen. Als Zweck des Vereins wurde die Förderung der Schule, als Ziel die Hebung der sozialen Stellung und Sicherstellung der Zukunft der jüdischen Kultusbeamten bezeichnet. Voll bewußt der großen Arbeit und des harten Kampfes, der dem Verein bevorsteht in der Erreichung seiner Ziele, trat die Versammlung den Vorschlägen bei, sich den Bestrebungen des D.-J. Gemeindebundes anzuschließen, die Synagogenvorstände ganz besonders für Zweck und Ziel des Vereins zu interessiren und die hochwürdigen Herren Rabbiner des Bezirks aufzufordern, dem Verein als Ehrenmitglieder beizutreten und die Bestrebungen desselben zu unterstützen. Zur Bearbeitung des ganzen Materials wurde eine Kommission von folgenden Herren: Bauer-Cöslin, Kahn-Rügenwalde, Knmerase- Belgard gewählt, deren Aufgabe es ist, die Statuten auszuarbeiten und die übrigen Kollegen der Provinz aufzufordern, gleichfalls Bezirksvereine zu gründen, um in gemeinsamer Arbeit unser Aller Wünsche und Hoffnungen zu realisiren, denn nur im eigenen Streben liegt unsere Zukunft, nur durch Selbsthilfe kann uns geholfen werden. In strenger Geistesarbeit verging der Tag,' ein gemeinschaftliches Essen vereinigte uns noch am späten Abend, und wir schieden herzlich von einander mit dem Wunsche: auf ein baldiges, frohes Wiedersehen in Cöslin. G Bad Ems, 30. Mai. Der dritte Bericht der „Emser Heilquelle", Unterstützungs-Verein für arme jüdische Kurbedürftige, ist erschienen und weist erfreuliche Resultate auf. 23 arme Kurgäste erhielten sämmtlich freie ärztliche Behandlung durch den Vereinsarzt, Herrn Dr. Aronsohn. Den 31. Juli fand eine Generalversammlung statt, in welcher außer dem Lokalkomitee die Ehrenmitglieder, die Herren Prof. Dr. Derenbourg und Dr. Bamberger sowie Herr Polak-Amsterdam und Herr A. Visser, Fabrikant aus Amersfoort (Holland) anwesend waren. Nachdem der Kassenführer, Herr Thalheimer, den Kassenbericht gegeben, wurde die Thätigkeit des Vereins eingehend besprochen und schließlich folgende Resolution angenommen: Bei dem anwachsenden Zufluß von Kranken aus den größeren Städten sollen die größeren Gemeinden Deutschlands und des Auslandes zur Unterstützung des Vereins mittels Cirkular aufgefordert und in erster Reihe deren Angehörige bei der Aufnahme berücksichtigt werden. Am 23. August veranstaltete das Lokalkomitee in Verbindung mit Herrn Rabbiner Dr. Frank-Cöln zum Besten des Vereins ein Konzert, das.von dem äußerst zahlreich erschienenen Publikum mit großem Beifall ausgenommen wurde und der Vereinskaffe eine Gesammteinnahme von 336 Mark 50 Pf. brachte. 6. Hannover. Am 17. und 18. Mai fand im Saale des Restaurateurs Falk die 24. Versammlung des Vereins jüdischer Lehrer in der 2 Provinz Hannover statt, "Zufolge des vorjährigen Beschlusses waren zwei Tage angesetzt. Die zahlreich erschienenen Lehrer entfalteten bei den zur Diskussion gestellten Vorträgen: „Wie gestaltet sich der Unterricht der jüdischen Geschichte in der Praxis der Volksschule^" Referent Herr Lehrer Speyer-Hannover, und „Unter welchen Bedingungen ist der Unterricht bildend," Referent Herr Lehrer Bachenheimer-Dransfeld, großes Jutercffe, welches in der zuweilen hochwogenden Debatte zum Ausdruck kam. — Der Vorversammlung folgte ein gemeinschaftliches Abendessen, an das sich eine von Herrn Seminardirektor Krön er bewirkte, aus musikalischen, gesanglichen und komischen Vorträgen bestehende Unterhaltung anschloß. Nachdem beschlossen war, daß die nächstjährige Versammlung wieder in Hannover stattfinden solle, wurde die 24. Versammlung auf ein fröhliches Wiedersehen im künftigen Jahre geschlossen. Die am 2. Tage geplante Generalversammlung der Unterstützungskasse war bedauerlicherweise durch das' Fernbleiben einiger betheiligten Lehrer nicht beschlußfähig. Cjjb Aachen, 23. Mai. Infolge Gemeindebeschlusses ist in hiesiger Gemeinde ein Sabbath Nachmittags 2»/» Uhr stattfindender Jugendgottesdienst eingerichtet worden. Derselbe wurde heute eröffnet. Den Höhepunkt desselben bildete die Allsprache des Rabbiners Herrn Dr. Jaulus, dessen vortreffliche Rede sicherlich liicht verfehlt hat, einen religiös belebenden Eindruck auf die Jugend zu machen. Im Uebrigen dienten Chorgesang und Orgelspiel ebenfalls zur Erhebung der Gemüther. O Ulm, 27.Mai. Mit Anfang dieses Jahres schied HerrKos man Dreyfus nach einer 23jährigen Amtsthätigkeit aus dem hiesigen Kirchenvorsteheramte aus. Das Kirchenvorsteheramt hat nun seinem ansscheidenden Mitgliede unter Anerkennung seiner vieljährigeu ersprießlichell Wirksamkeit Namens der Gemeinde einen Pokal gewidmet, der ihm vor Kurzem vom Gesammtkollegium überreicht wurde. Oesterreich - Ungarn. * Wien, 1. Juni. Der Verein zur Abwehr des Antisemitismus, der auf Anregung des Barons A. G. v. Suttner in Wien gegründet worden ist, und der jetzt den Grafen Zichy, den Baron Leitenberger, sowie den Hofrath Nothnagel zu Ehrenpräsidenten gewählt hat, tritt mm mit einem Aufruf an die Bürger Oesterreichs hervor. Derselbe ist von einer Reihe der hervorragendsten Oesterreicher unterzeichnet. Wir nennen aus der großeil Zahl der Unterzeichner u. A. Fürst Richard Metternich, Graf Hans Wilczek, Fürst Wied, Obersten Gerichtspräsident v. Schmerling, Exminister v. Plener, Exmillister v. Chlumetzky, Maria Baronin Ebner- Efchenbach, Ludwig Gang-Hofer, A. G. Freiherr v. Suttner, Baronin Bertha v. Suttner, geb. Gräfin Kinsky, Superintendent Dr. Th. Haase, Exminister Dr. Herbst, Dr. Freiherr v. Krafft- Ebillg, Graf Arthur Kinsky, Dr. Ernst v. Plener, Professor v. Rokitansky, Generalkonsul Dr. v. Scherzer. — Der Verein hat heute seine konstituirende Versammlung unter zahlreicher Betheiligung hervorragender Vertreter der Kunst und Wisselischaft abgehalten. Der Bericht über die Thätigkeit des vorbereitenden Komitees stellt fest, daß die Beitrittserklärungen so zahlreich seien und auch die Lebensstellung der Beitretenden eine derartige sei, daß der Verein darin seinen ersten Sieg erblicken könne. Der Entwurf der Statuten wurde en bloe angenommen. Professor Nothnagel hielt eine Ansprache an den Verein, in welcher er erklärte, es müsse licht werden in den Herzen und klar in den Köpfen, damit das, was als Gift und Krankheit unter ihnen herumschleiche und an dem Marke des Volkes zehre, zum Verschwinden gebracht werde. (Beifall.) * Wien, 20. Mai. Herr Dr. Lueger hat heute dem Landesgerichte die'Anzeige erstattet, daß er seine gegen Herrn Alexander Scharf erhobene Ehrenbeleidigungs-Klage zurückziehe. Diese Klage hatte bekanntlich bei der ersten Verhandlung vor den Geschworenen zum Resultate gehabt, daß der Angeklagte mit acht gegen vier Stimmen schuldig erklärt und zu einer Geldstrafe von tausend Gulden verurtheilt wurde. Der Oberste Gerichtshof erkannte jedoch bei Berathung über die Nichtigkeits-Beschwerde des Verurtheilten, daß erhebliche Bedenken gegen das Urtheil in meritorischet Hinsicht vorlägen, hob das geschöpfte Erkenntniß auf und ordnete die Wiederaufnahme des Verfahrens an., In Folge dieser Entscheidung nach §'362 St. P. O., welche sehr selten gefüllt wird, und insbesondere in einem Ehrenbelerdigungs-Prozesse noch niemals erfolgt sein dürfte, wurde die neuerliche Verhandlung in dieser W < < ( c i l v f( b 6 d 0 * u