Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-06-05 · Heft 23 (5.6.1891) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 23 (5.6.1891)
Date
1891-06-05
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227877-3227901--47998-3270493
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

geblichen Spezialität nichts Gemeinsames habenden Prosessionen beschäftigen.-- Auch in Odessa wollen, wie gemeldet wird, die Behörden demnächst einen Judencensus vornehmen. Bon 120,000 ansässigen Juden sollen diejenigen, welche in andere Städte gehören, ausgewiesen werden. Eine Frist von 6 Monaten soll nur denjenigen gelassen werden, welche Immobilien besitzen. Griechenland. * Athen, 27. Mai. Der Korrespondent des „Berl. Tagebl.", Herr Dr. Hans Barth, hatte heute eine längere Unterredung mit D e l yann is, sowie eine solche mit dem griechischen Minister des Aeußern, Deligiorgis. Delyannis bedauerte zunächst die Vorgänge in Corfu aufs Tiefste, erklärte jedoch zugleich, dieselben fielen keineswegs der Regierung zur Last, die Gründe der stattgehabten Unruhen seien vielmehr ausschließlich lokalpolitischer Natur und gingen von der Delyannis feindlichen Partei des gegenwärtigen Bürgermeisters Theodoki aus, welche angesichts der nahe bevorstehenden Stadtwahlen die Delyannis freundlich gesinnte jüdische Wählerschaft einschüchtern wollte. Die genannte Partei beging das elenbe Manöver, sich aus Parteihaß des religiösen Fanatismus gegen das Kabinet Delyannis zu bedienen. Die Judenhetze, erklärte der Minister ausdrücklich, wurde einzig und allein erregt, um das Kabinet Delyannis vor Europa zu kompromittiren. Sobald Delyannis das Wesen der Vorgänge in Corfu erkannte, schritt er energisch ein, und zwar ohne daß seitens der Mächte irgend eine Pression vorangegangen wäre. Was nun das Blutmärchen betrifft, so ist Delyannis wie jeder gebildete Grieche fest davon überzeugt, daß das ermordete Mädchen keine Christin, sondern eine Jüdin war. Die Motive der Ermordung werden durch die eingeleitete Untersuchung völlig klargestellt werden. Zur Garantie einer absolut unparteiischen, strengen Untersuchung entsandte Delyannis soeben zwei neue Richter nach Corfu. Der Minister gab seinem Bedauern darüber Ausdruck, daß das corfiotische Gericht nicht sofort nach der Auffindung des Leichnams energisch eingeschritten sei; leider habe sich die dortige Behörde damals von der all* gemeinen Erregung beeinflussen lassen. Im Verlaufe der Unterredung versicherte Delyannis, er werde die politische und soziale Gleichberechtigung der Juden, sowie die Sicherheit der Person und des Eigenthums, selbst unter Anwendung der äußersten Mittel, zu beschirmen wissen Auch der Minister des Aeußern, Deligiorgis, äußerte sich.fast genau so wie Herr Delyannis. Der Ritualmord, so sagte der Minister, sei baarer Unsinn; die griechischen Juden seien die besten, loyalsten Bürger, durchweg ehrenwerthe Leute. Die Judenhetze diente einfach den Gegnern des Ministerpräsidenten Delyannis als Mittel zu dem Zwecke, um Herrn Delyannis zu diskreditiren. * Athen, 31. Mai. Herr Dr. Hans Barth wurde heute abermals im Ministerium des Innern vom Minister-Präsidenten Delyannis empfangen. Delyannis erklärte die Informationen der „Kreuzzeitung" von Anfang bis zu Ende für ein dreistes Lügengewebe und eine unerhörte Niederträchtigkeit. Auch nicht eine einzige Behauptung der „Kreuzzeitung" habe auch nur die allergeringste Begründung. Delyannis schloß mit folgenden französischen Worten: „C’est une infamie inqualificable, qui ne m^rite pas memo une re* ponse“. (Zur Information der Leser sei Folgendes mitgetheilt: Die „Kreuzzeitung" hat in ihrer Nummer vom Sonnabend den Ä0. Mai sich angeblich schreiben lassen, Delyannis habe auf die ersten gemeinsamen Vorstellungen der Großmächte hin unumwunden die Wahrscheinlichkeit eines Ritualmordes konstatirt. Das europäische Finanzjudenthum aber habe durch Drohungen und Gewaltmaßregeln der schroffsten Art den griechischen Ministerpräsidenten zum Widerruf des einmal ausgesprochenen Wortes zu bewegen versucht. Zum Schluß habe die griechische Regierung darin eingewilligt, auf jede Weiterführung des Prozesses zu verzichten und die des Mordes angeschuldigten Juden aus der Haft zu entlassen, wenn sämmtliche Juden von Corfu fortziehen würden. Und zwar wurde als Endtermin der Auswanderung der letzte Juni lält. Dat.) festgesetzt. Das Verhalten der „Kreuz-Zeitung" in der Corfuer Angelegenheit macht einen eigenartigen Eindruck. Der Versuch, die Wahrheit zu verdunkeln, wird hier in einer Weise und mit einer Zähigkeit betrieben, welche durch den Parteistandpunkt des Antisemitismus allein schwer zu erklären ist.) U Uon Nah und Fern. ----- Zum Besten der durch die Verfolgungen betroffenen russischen jüdischenFa milien wird am 15. Juni in der Philharm onie ein Eli 1 e - Konzert mit darauf folgendem Sommernachtsfest stattfinden. Die glänzendsten Vertreter und Vertreterinnen der Kunst haben ihre Mitwirkung in entgegenkommendster Weise bestimmt zugesagt. — Der Verein ehemaliger Zöglinge der „Jüdischen Lehrer-Bildungs-Anstal t" zu Berlin hat am Mittwoch den 27. Mai eine Mitglieder-Versammlung abgehalten. Von den durch Herrn Lehrer R e m a ck ausgestellten Thesen über den Religionsunterricht kamen die ersten drei zur Berathung. — Am jüngsten Sonnabend verfiel eine Versammlung des akademischliberalen Vereins, in welcher Herr Dr. von Kalkstein über den Antisemitismus sprach, der polizeilichen Auflösung. Nachdem die anwesenden Antisemiten schon während des Vortrages Unterbrechungen versucht hatten, verursachten sie bei Gelegenheit der dem Vortrag folgenden Diskussion einen solchen Lärm und Tumult, daß sich der überwachende Beamte veranlaßt sah, die Versammlung aufznlösen. — Von Räubern überfalleu würde eine Reisegesellschaft, welche sich mit dem Stangen'schen Orient-Expreßzug von Konstantinopel nach Sofia begeben wollte. Zu der Gesellschaft gehörte auch Herr Moritz Israel, Mitinhaber der bekannteil Firma N. Israel. Die Räuber verlangten ein Lösegeld von 200,000 Franks, zu dessen Erhebung sie Herrn Israel freiließen. — Am 1. Juni beging der Lehrer an der Knabenschule der hiesigen jüdischen Gemeinde. Herr Jul. Weber das Jubiläum seiner 25jährigen Thätigkeit an dieser Anstalt. — Die Gesellschaft zur Beförderung des Christenthums unter den Juden hielt vorigen Donnerstag in der Dreifaltigkeitskirche ihr Jahresfest ab. Jnsgesammt sind im letzten Jahre 10 Juden zum Unterricht zugelassen; zwei davon mußten wieder entlassen werden, einer verließ Berlin. Gelaust wurden sieben, vier Männer und drei Frauen. Die Redner des Festes bekämpften sämmtlich den Antisemitismus aufs Schärfste, was eben nicht weiter Wunder nimmt. — Ein klägliches Fiasko hatte ein Herr Fröhlich zu verzeichnen, welcher am Montag den Versuch machte, die „Judenfrage" in die Berliner Turnerschaft zu tragen. Unter ungefähr 400 in der Hauptversammlung anwesenden Personen fand Herr Fröhlich etwa 30 Bundesgenossen. — Herr Amtsrichter Glogauerin T.arnowitz ist zum Amts g er ich ts rat h ernannt worden. — Durch die Liberalität der Familie Metz wurde der Synagogengemeinde Köln eine Bibliothek als Eigenthum Übermacht.—Der israelitischen Privat-Elementarschule in Wittlich wurde durch Verfügung der Königlichen Regierung in Trier der Charakter einer öffentlichen Schule verliehen. — Die offizielle Wahl des englischen Chief Rabbis Dr. Hermann Adler in London wird am 4. Juni und die Installation in der Dukes Place Synagoge am 24. Juni stattfinden. — Der Central-Ausschuß des ungarischen israelitisch en Landes-Lehrervereins hielt am 25. Mai Nachmittags 6 Uhr im großen Saale der Knabenschule in der Pfeifergasse 12 eine feierliche Sitzung zum Gedenken an weiland Bernhard Lederer. Professor Abraham Lederer hielt eine Vorlesung über das Thema: Der Schmerz als Erzieher. — Sein fünfundzwanzigjähriges Amtsjubiläum beging am 25. Mai unter freudigster Theilnahme weitester Kreise der Prediger der Budapester israelitischen Kultusgemeinde, Herr Dr. Samuel Kohn. — Nach einer Petersburger Meldung der „Kreuz-Zeitung" ist der Prachtbau der dortigen Synagoge mit der Motivirung geschlossen worden, es fei nicht abzusehen, zu welchem Zweck eine Synagoge in einer Stadt nothwendig sei, in der die Juden überhaupt nicht das Recht hätten, sich seßhaft zu machen. Und noch dazu ein Bau, der die christlichen Gotteshäuser an Pracht überrage. Ob diese Nachricht nicht auf einer Verwechselung mit der von uns vor einigen Wochen gemeldeten Sistirung des Neubaues einer Synagoge beruhen sollte? — Das von einer Anzahl israelitischer Menschenfreunde begründete, bezw. vollständig umgebaute und neu ausgestattete Beth Israel Hospital am East Broadway in New-Uork ist jüngst an den Präsidenten des Haus-Komitees und damit seinem Zweck übergeben worden, nachdem Coroner Levy eine der Veranlassung entsprechende Festrede gehalten hatte. Das Hospital, ein dreistöckiges Gebäude, ist vorläufig zur Aufnahme von 30 Kranken eingerichtet; es soll aber noch erweitert werden. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.